Paul Nellen / 22.07.2016 / 18:25 / 0 / Seite ausdrucken

Deutschkurdenchef Toprak gegen Islamverbände: “Die Politik muss endlich wach werden!”

Wenn jemand sich in Deutschland derzeit öffentlich zum gern beschworenen "Verfassungspatriotismus" bekennt und dabei viel riskiert, womöglich sogar seine körperliche Unversehrtheit, dann ist das der Chef der Kurdischen Gemeinde Deutschlands, Ali Ertan Toprak. "Es ist Zeit über ein Problem zu sprechen, das in Deutschland lange totgeschwiegen wurde", schreibt Toprak in der "Huffington Post" .

Das Problem, das ihn umtreibt, sind die orthodoxen, von der Türkei aus gelenkten Islamverbände und ihr wachsender Einfluss im Lande. Das Problem heißt Recep Tayyip Erdogan, der in der deutschtürkischen Gemeinschaft und im türkischen Verbandsislam starke Verbündete hat. Schon immer, nicht erst seit dem 15. Juli, dem Tag des Putschversuchs.

Von Tag zu Tag dürfte derzeit die Zahl der Feinde Topraks im Inland, aber auch im Ausland zunehmen, sprich: in der Türkei, aus der der 47-Jährige Hamburger als Kind kurdischer Eltern nach Deutschland kam. Als der bekennende AKP- und Islamismus-Gegner, der einst Mitglied der Grünen war und der, nach heftiger Kritik an den Irrungen linker Multi-Kulti-Seligkeit, heute in der CDU ist, vor kurzem als "Vertreter der Migranten" in den ZDF-Fernsehrat gewählt  wurde, gab es in den sozialen Medien kein Halten mehr. Der Kurdenchef wurde von Anhängern türkisch-islamischer Verbände als "Freund der PKK-Terroristen" geschmäht, beschimpft und bedroht: "Mir wurde angedroht, dass man mir das Nasenbein bricht oder mich kaltmacht."

Seit Jahr und Tag warnt der Alevit Ali Ertan Toprak vor den Gefahren islamistischer Unterwanderung

Gegen Topraks Wahl wurde aus AKP-nahen Kreisen eine Petition gestartet mit dem Ziel, ihn wieder aus dem Gremium entfernen zu lassen. Einen Tag vor dem Putschversuch in der Türkei hoben alle großen türkischen Zeitungen den ZDF-Toprak-"Skandal" auf ihre Titelseiten – Rache dafür, dass sich Toprak nach der Armenien-Resolution des Bundestages hinter den Beschluss und vor die von Präsident Erdogan des "Verrats" geziehenen deutschen Parlamentarier türkischer Herkunft gestellt hatte.

Seit Jahr und Tag warnt der Alevit Ali Ertan Toprak vor den Gefahren islamistischer Unterwanderung Deutschlands durch die mächtiger werdenden islamischen Verbände, etwa die türkische, aus Ankara gesteuerte DITIB, oder den "Zentralrat der Muslime", dem der Kurdenchef eine Nähe zu den Muslimbrüdern vorwirft.

Bisher hat Toprak über die Anfeindungen, denen er zunehmend ausgesetzt ist, geschwiegen. In der "Huffington Post" erhebt er nun erstmals öffentlich schwere Vorwürfe gegen die Vertreter des politischen Islam, mit denen der deutsche Staat und die Politik aller Parteien freundschaftliche, in Bremen und Hamburg sogar staatsvertraglich abgesicherte Beziehungen pflegt. Er macht die Verbände verantwortlich für die Verschärfung des politischen Klimas im Lande.

"Seit Jahren attackieren Erdogan-Fans ihre Gegner auch in Deutschland. Erdogan-Kritiker werden denunziert, ihnen wird mitunter sogar mit Mord gedroht.  Das erschreckende daran ist, dass mächtige Organisationen wie der Zentralrat der Muslime und der Moscheen-Verband DITIB nichts dagegen unternehmen."

Toprak fürchtet, dass die Islamverbände daran arbeiten, die Gesellschaft zu spalten

"Die deutsche Politik muss endlich wach werden", schreibt Toprak in der "HuffPo". Er wünscht sich ein "Machtwort der Kanzlerin". Der frühere Bundestagsmitarbeiter des Grünen-Chefs Cem Özdemir kennt dessen kritische Position gegenüber einem vom Ausland gesteuerten orthodoxen politischen Islam. Özdemir, von dem sich der türkische Präsident eine "Blutprobe" zum Nachweis echter Türkeistämmigkeit wünscht, hatte beim letzten grünen Bundesparteitag im November 2015 die Islamverbände kritisiert, nicht "bekenntnisförmig" geprägt" zu sein, sondern "national, politisch" und "sprachlich“. Toprak fürchtet, dass sie daran arbeiten, die Gesellschaft zu spalten:

"Die Bundesregierung hat jahrelang Verbände wie den Zentralrat oder DITIB mit Millionen von Steuergeldern gefördert. Hier wurde nicht Integrations-, sondern Segregationspolitik unterstützt... Es kann nicht sein, dass zum Beispiel islamischer Religionsunterricht von Verbänden wie dem Zentralrat und DITIB organisiert wird, die unter Erdogans Einfluss stehen." In seinem Beitrag für die HuffPo geht Toprak noch einen Schritt weiter. Aiman Mazyek, der Chef des Zentralrats der Muslime, dürfte es als eine Kampfansage gegen ihn empfinden, wenn Toprak schreibt:

"Der Zentralrat der Muslime ist keine Religionsgemeinschaft, sondern die Vertretung des politischen Islam, also des Islamismus." Er greift den deutsch-türkischen Erdoganismus frontal an. Er fordert sogar dessen geheimdienstliche Beobachtung: "Wenn wir darüber diskutieren, dass die AfD und Pegida vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollen, dann müssen wir auch darüber diskutieren, ob wir den Zentralrat der Muslime oder DITIB beobachten lassen".

"Sie unterwandern Parteien und Teile der Gesellschaft und errichten Gegengesellschaften, die aggressiv unsere Werte bekämpfen." Solche Vorwürfe gelten schnell als ausländerfeindlich, islamophob oder einfach als "nazi". Tatsache aber ist, wie 2013 eine europaweite Umfrage des Wissenschaftszentrums Berlin gezeigt hat, dass viele Muslime die säkulare Ordnung Europas ablehnen – zwei Drittel der befragten Muslime halten demnach religiöse Gesetze für wichtiger als die Gesetze des Landes, in dem sie leben. "Die Gräben zwischen den konservativen und den liberal-säkularen Muslimen in Deutschland werden tiefer", fürchtet Toprak.

Wenn es die Grünen und besonders Ko-Parteichef Özdemir mit seiner vielbeachteten verbändekritischen Parteitagsrede ernst meinen, dann müssen sie jetzt Farbe bekennen. Sie sollten sie sich einmütig hinter ihr einstiges Mitglied Ali Ertan Toprak stellen und seine Forderungen aufgreifen. Die heutige politische Heimat Topraks, die CDU, sollte ihm dabei ebenfalls den Rücken stärken. Es wäre ein starkes politisches Signal in Richtung Ankara und gegen die Ausbreitung eines fundamentalistischen, aus dem türkischen Präsidentenpalast gelenkten ethno-separatistischen Islam.

Es wäre eine Aufforderung an die deutsche Gesellschaft, sich ethnisch oder religiös nicht spalten zu lassen und, jeder fundamentalistischen Anmaßung widerstehend, an den Werten unserer säkularen, demokratischen Verfassung festzuhalten.

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