Christian Ortner / 17.06.2016 / 11:27 / 4 / Seite ausdrucken

Der Westen ist nicht in Gefahr zu scheitern - er ist bereits gescheitert

Weit haben wir es gebracht in der westlichen Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts: Frauen wird von der Polizei empfohlen, nachts nicht mehr ohne männliche Begleitung unterwegs zu sein; Juden überlegen sich zweimal, ob sie in der Öffentlichkeit noch als Juden erkennbar sein wollen, oder fliehen, etwa aus Frankreich oder Schweden, gleich nach Israel; Schwule werden sich nach dem Massaker von Orlando wohl wieder überlegen, ob sie das Risiko eingehen, ihre sexuelle Präferenz öffentlich auszuleben.

Wenn es zu den Stärken eines liberalen demokratischen Rechtsstaates gehört, Minderheiten und Schwächeren zu ermöglichen, ungehindert, ungestört und vor allem ungefährdet den von ihnen bevorzugten Lebensstil zu pflegen, dann ist der Westen in dieser Hinsicht nicht in Gefahr zu scheitern - er ist bereits gescheitert. Aus Inkompetenz, Ignoranz oder politischem Kalkül wurde zugelassen, dass sich Frauen, Juden oder Schwule wieder zu fürchten beginnen, anders als noch vor 10 oder 15 Jahren.

Nicht immer, aber sehr häufig geht dieser skandalöse Rückschritt hinter die im Westen errungenen Freiheiten und Sicherheit Hand in Hand mit dem Vordringen eines imperialistischen Islam. Dies zu verdrängen, zu bestreiten oder zu relativieren, wird das Problem nicht lösen, sondern ganz im Gegenteil noch verschärfen.

"Ich möchte dem Attentäter gratulieren..."

Genauso wenig, wie es hilfreich ist, zu verdrängen, dass eine antisemitische, schwulenhassende und frauenverachtende Grundtendenz nicht nur bei gewaltbereiten Radikalen vorhanden ist, sondern unterschiedlich intensiv durchaus auch im Mainstream der islamischen Welt. Ersteres kann damit an Zweiteres andocken. So berichtete etwa im EU-Kandidatenland Türkei eine dem Präsidenten nahestehende Zeitung nach dem Orlando-Massaker wörtlich: "Die Zahl der Toten in der Bar, in die perverse Schwule gehen, steigt auf 50!" Das ist dort durchaus mehrheitsfähig. In den Social Media der islamischen Welt - auch in Europa - schwappte nach dem Anschlag eine Welle des Hasses auf Schwule sondergleichen los. "Ich möchte dem Attentäter gratulieren. Daumen hoch für den Mann! Er hat ein paar von diesen schmutzigen Typen erledigt" - Ähnliches war da häufig zu lesen.

Was insofern wenig verwundert, als Homosexualität ja in großen Teilen der islamischen Welt vom Staat und von der Staatsreligion mehr oder weniger drakonisch verfolgt wird. In Saudi-Arabien oder im Iran, den beiden religiösen Vormächten der Region, durch Köpfen (Saudi) oder Hängen (Iran), anderswo zumindest durch Auspeitschen oder langjährige Haft. Am konsequentesten ist man im "Islamischen Staat", dort werden Schwule einfach vom Hochhaus geworfen. In der Logik dieser religiösen Ideologie hat der Mörder von Orlando quasi nur auf privatrechtlicher Basis erledigt, was anderswo Staatsbedienstete erledigen.

Dass die Mehrheit der Muslime in Europa große Anhänger der sexuellen Selbstbestimmung von Schwulen und Lesben sind, ist leider auch nicht zu vermuten. Erst jüngst zeigte eine BBC-Umfrage in Großbritannien, wie homophob die Mehrheit der britischen Muslime ist, und wohl nicht nur dieser. All dies achselzuckend hinzunehmen, bedeutet, jene Werte preisgeben, die den Westen bisher zum lebenswertesten Teil dieses Planeten gemacht haben.

Zuerst erschienen in der Wiener Zeitung

Leserpost (4)
Hans Schlüter / 18.06.2016

Nicht vergessen darf man hier, dass der Attentäter von Orlando selbst in der LGBT-Szene unterwegs war, viele Kontakte zu anderen Männern auf entsprechenden Dating-Portalen hatte und seid längerer Zeit Stammgast an dem Ort war wo er dieses scheussliche Massaker verübt hat. Besonders religiös soll er übrigens auch nicht gewesen sein. All dies lässt sich auf US-Nachrichtenportalen nachlesen. Ob hier bloß naheliegende Schlüsse relativiert werden sollen kann ich leider nicht ausschließen.

Michael Scheffler / 18.06.2016

Herr Peters, Sie relativieren, man ist das von Ihren Beiträgen in der FAZ gewöhnt. In Russland ist Homosexualität nicht verboten, man wird deswegen dort nicht umgebracht. Man möchte sie dort nicht in der Öffentlichkeit. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie ich meine.

Roland Harsy / 17.06.2016

Ist schon wahr, Europa ist gescheitert und zwar krachend wie es aussieht. Allerdings scheinen immer noch allzuviele den Knall überhaupt nicht mitbekommen zu haben sondern üben sich immer weiter fleißig im Appeasement wie der ehrenwerte aber unselige Mister Chamberlain. Zuerst haben wir unsere Werte zur Diskussion gestellt und dann geopfert, es dient ja dem gedeihlichen miteinander. Jetzt opfern wir die Minderheiten die sich ein lebenswertes und würdevolles Leben in dieser Gesellschaft hart erkämpfen mussten und immer noch müssen. Das dieses Appeasementgeschrei und verstehenwollen auch noch des offensichtlich Bösartigen ausgerechnet aus der Ecke der Gesellschaft am lautesten erschallt die sonst bei jedem nicht 100% Barrierefreien Bahnhofszugang einen zornroten Kopf bekommt macht mich schier sprachlos. Ich denke mir schon lange, ein nicht kleiner Teil unserer Gesellschaft ist ein Fall für die Psychotherapie.

Sönke Joachim Peters / 17.06.2016

Beim Thema Schwule nehmen Putin-Anhimmler und besonders fromme Muslime wohl deckungsgleiche Positionen ein, denke ich.

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