Gerd Held / 25.12.2014 / 06:00 / 0 / Seite ausdrucken

Der Weihnachtsapfel (Teil I)

Die Orange gehört zu den Dingen, die wir mit der Advents- und Weihnachtszeit verbinden und die, mitten im dürren Winter, etwas von der Magie des Lebens auf den Tisch bringen. Doch hier geht es nicht um irgendeine Naturesoterik, sondern um die moderne Ökonomie. Die wunderbaren Eigenschaften der Orange wurden erst dadurch entdeckt, dass sie eine Ware des Welthandels wurde.

Man kann sich die Szene, die sich vor gut 150 Jahren im winterlichen Hamburger Hafen abgespielt haben soll, lebhaft vorstellen. Als die Großhändler die erste große Ladung mit den bitter-süßen, schrumpligen Früchten empfingen, waren sie nicht gerade begeistert. Dass eine solche „Zitrone“ zum rohen Verzehr geeignet sei und eine größere Kundschaft finden würde, konnten sie sich nicht vorstellen. Und doch kam es so. Die Orange machte Karriere und wurde als volkstümlicher „Weihnachtsapfel“ eingebürgert. Es war gerade der Kontrast der sonnenverwöhnten Südfrucht zum dunklen, kalten und hart arbeitenden Norden, der ihrem Geschmack den Reiz gab und ihr eine besondere Magie verlieh. Inzwischen haben sich viele andere Fremdlinge auf den Obsttellern der Bundesbürger versammelt, aber die Orange ist der Klassiker. 

Die Geschichte der Orange fängt ganz langsam an. Sie war in Europa nicht völlig unbekannt, sondern über Jahrhunderte als eine seltene, exotische Erscheinung präsent. Schon früh war von sagenhaften „Goldäpfeln“ die Rede, deren Verzehr ewiges Leben verleihen sollte. Die christlich-mittelalterliche Phantasie hat an Eva´s Apfel gedacht und die Angelegenheit in die Nähe der Erbsünde gerückt – vom späteren „Weihnachtsapfel“ war man weit entfernt. Ursprünglich stammt die Orange aus dem indochinesischen Raum. Die Frucht gelangte schon in der Antike ans Mittelmeer, gepflanzt wurde zunächst nur der Zitronenbaum. Erst im 10. Jahrhundert nach Christus brachten arabische Kaufleute den Orangenbaum von Kleinasien über Nordafrika nach Sizilien, Sardinien und Spanien. Ein klarer Fall von ökologischem Kolonialismus, lange bevor Portugiesen und Spanier die Weiterverbreitung nach Amerika übernahmen. Was damals Europa erreichte, hatte allerdings noch wenig mit der heutigen Südfrucht zu tun. Die „bittere Orange“ (Citrus auratium) war ein Bäumchen mit kleinen Früchten, deren hoher Anteil an organischen Säuren sie roh ungenießbar machte. Aber sie hatten, wie die Blüten, ein starkes Aroma und dienten daher als ätherische Essenz, kulinarische Beigabe und Medikament. Ein hispano-arabisches Rezept aus dem 13. Jahrhundert empfiehlt eine „Orangencreme“ bei Völlegefühl, Mundgeruch und kalter Nase.

Die „süße Orange“ (Citrus cinensis) fand bis 1450 keine Erwähnung. Auch sie stammte aus Südostasien, aber erst die Blüte des europäischen Fernhandels brachte sie in Bewegung. „In Indien gab es viele Orangen, jedoch sind alle süß“ wunderte sich 1518 ein Seemann Vasco da Gamas. Die neue Frucht fand zunächst auch nicht mehr Freunde als ihr bitterer Vorgänger. Sie kam selten auf den Tisch und blieb Zaungast auf den Feldern. Bis ins späte 18. Jahrhundert diente ihr gelegentlicher Anbau nur Sonderprodukten, die freilich schon europäischen Erfindergeist anzeigen. Das französische Entemenu „à la bigarade“, die schottisch-englische Orangenmarmelade, das Neroli-Öl in der Parfüm-Manufaktur, die „Orangeade“ (Orangensirup mit Wasser) und der Curacao-Likör (über den Umweg der Antilleninsel) – sie alle benutzte Extrakte aus Schalen, Scheiben, Blüten und Blättern. Die „Orangerie“ wurde im Barock zum fürstlich-höfischen Treffpunkt und gegen 1700 kam das Wort „Apfelsine“ (appelsina = Apfel aus China) über Holland in den deutschen Sprachgebrauch.

Ein paar Jahrzehnte später kommt auf einmal Schwung in unsere Orangengeschichte. Fast schlagartig werden an verschiedenen Orten der spanischen Mittelmeerküste bei Valencia größere Baumkulturen angelegt. 1781 in Alcira und 1790 in Villareal beginnt die rasante Karriere der modernen Südfrucht. Aber sie beginnt zugleich an einem ganz anderen Ort: im europäischen, industriellen Norden entsteht eine Nachfrage nach sonnig-frischen Früchten. Erst in der Kombination von Süden und Norden wird die Orange wertvoll. Der systematische Anbau im Valencianer Land dient dem Export, die mediterranen Märkte folgen später. Lange Zeit erhalten sie Früchte zweiter Wahl, noch heute liegt der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch über dem spanischen. Die Natur ist günstig, denn die Orangen werden in Herbst und Winter geerntet, wenn es im Norden am dunkelsten und kältesten ist. Der Exportmarkt schlägt die Brücke. Nun können sich Anbau- und Verbrauchsgebiet im großen Maßstab trennen, die Wege von Baum und Frucht trennen sich. Und doch war noch nie so viel Verbindung zwischen den gegensätzlichen Geographien der Erde. 

Wie müssen unsere Landsleute vor 150 Jahren die fremden Früchte bewundert haben: Die historischen Aufkleber auf den ersten Exportkisten zeigen Küsten, Sonne und Meer, schwarzgelockte Frauen, exotische Vögel und andere Symbole aus der Welt der Kolonialwaren. Ein anderes Licht strahlt dem Betrachter entgegen, ein warmer Wind berührt ihn. Bisher war der Süden allenfalls in der Exotik von Kaffee und Kakao greifbar. Eine direkte Berührung mit dem Süden war nur wenigen Reisenden vorbehalten. Mit der Orange, dem „Weihnachtsapfel“, kommt nun zum ersten Mal für breite Volksschichten der Süden in den Norden. Das ist eine eigenartige Pointe der Weihnachtsgeschichte, die ja von der göttlichen Zuwendung für diese Welt handelt.   

(Im zweiten Teil des Artikels wird morgen beschrieben, wie die Orangenwirtschaft die südlichen Anbauregionen entwickelte und wie der Welthandel Natureigenschaften, die bisher verborgen und wenig geschätzt waren, entdeckt und entfaltet) 

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