Dirk Maxeiner / 18.02.2018 / 06:20 / Foto: Richie Diesterheft / 12 / Seite ausdrucken

Der Sontagsfahrer: Wohnhaft U9, Wagen 4

Der durchschnittliche Deutsche schläft 24 Jahre seines Lebens, sagt die Statistik. Und da sind Ruhezeiten hinter’m Steuer noch nicht einmal mitgerechnet, etwa das verbreitete Nickerchen vor der Ampel. Der Unterschied zwischen Fahren und Parken ist nicht jedem motorisierten Zeitgenossen unmittelbar einsichtig, der Übergang zwischen den beiden Aggregatzuständen entsprechend fließend.

Das Wort „parken“ hat sich inzwischen, seiner Bedeutung entsprechend, weiter entwickelt. Man parkt ja durchaus nicht nur sein Auto. Ehefrauen werden inzwischen ebenfalls geparkt, meist an prominenten Orten wie dem Tegernsee oder Kitzbühl. Dort bilden sie eine Parkgemeinschaft mit anderen Ehefrauen furchtbar wichtiger Manager, die leider gerade durch die Welt jetten müssen.

Aber auch Männer werden geparkt, besonders, wenn es sich um Politiker handelt. Keine Angst, jetzt kommt kein Martin-Schulz-Witz, der Mann hat auch so schon genug Spott zu ertragen. Sein Beispiel dient hier nur der Erläuterung sprachlicher Metaphern, weil im Moment doch darüber spekuliert wird, ob Schulz irgendwo geparkt werden soll oder ob eine endgültige Stilllegung ansteht. Eine Großgarage für solche Fälle wurde übrigens in Brüssel errichtet. Um Stellplätze kann man sich im Kanzleramt oder in der EU-Kommission bewerben.

Ein beliebtes heimisches Parkhaus heißt Bundesministerium für Verkehr. Dort wurden seit 1949 geparkt: Hans-Christoph Seebohm, Georg Leber, Lauritz Lauritzen, Kurt Gscheidle, Werner Dollinger, Jürgen Warnke, Friedrich Zimmermann, Günther Krause und Matthias Wissmann. Eigentlich fehlt nur noch Günther Öttinger, aber der zog einen Parkplatz in Brüssel vor, weil man dort besser Englisch üben kann.

Wo selbst russische Panzerverbände zurückschrecken

Seit 1998 heißt das Parkhaus „Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen", und es erhielten Franz Müntefering, Reinhard Klimmt, Kurt Bodewig und Manfred Stolpe einen Platz auf dem obersten Deck. Das Ganze ging dann in das „Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung" über, wo Wolfgang Tiefensee und Peter Ramsauer erfolgreich abgestellt werden konnten. Inzwischen firmiert die Garage unter der Bezeichnung „Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur". Dort hatte Alexander Dobrind bis 2013 einen Stellplatz, gegenwärtig ist Christian Schmidt dort sicher vor Regen und Unwettern untergebracht.

Weil es am wenigsten Arbeit macht, besteht Verkehrspolitik in Deutschland traditionell aus einer Mischkalkulation von Gefälligkeiten nach allen Seiten. Ansonsten kümmert man sich um seinen eigenen Parkplatz. Alles andere wird vorausschauend stillgelegt, weil das noch weniger Arbeit macht.

Bei der Deutschen Bahn ist man auf diesem Weg schon sehr erfolgreich voran gekommen. Fachkräfte wie Hartmut Mehdorn, die im Lokschuppen geparkt wurden, haben die Bahn gründlich entschleunigt: Wenn's stürmt oder schneit, fährt sie gar nicht. Wenn die Sonne scheint, wird stattdessen der Kreislauf der Fahrgäste stillgelegt, weil die Klimaanlagen ausfallen. Der deutsche Hauptstadtflughafen konnte sogar vor der Eröffnung stillgelegt werden – ein weltweit einmaliges Vorbild für vorausschauende Verkehrspolitik und ökologisches Verantwortungsbewusstsein.

Auch bei der Stillegung der deutschen Automobilindustrie kommt man gut voran. Zuerst sind die Diesel dran, dann der Rest. Aber was soll man auch mit so viel Autos, wenn die Infrastruktur bereits stillgelegt wurde? Auf der Münchner Sicherheitskonferenz wird in diesen Tagen viel über einen militärisch-strategischen Geniestreich diskutiert: Die deutschen Autobahnbrücken sind nämlich das einzige Abwehrsystem, das einen Überraschungsangriff russischer Panzerverbände auf Mitteleuropa nicht ratsam erscheinen lässt. Spätestens am Rhein ist Schluss, etwa auf der A1 zwischen Köln und Leverkusen, wo über 35 Tonnen gar nichts mehr geht. Mein Opa hätte gesagt, als er vom Krieg erzählte: „Auf einer deutschen Autobahnbrücke kriegt selbst der Iwan kalte Füße".

Der neue russische Armata T-14 Superpanzer wiegt übrigens 49 Tonnen. In friedlichen Zeiten muss das kein Nachteil sein. Ich beispielsweise hätte gerne so ein Gerät, weil man überall damit parken kann, selbst auf besetzten Parkplätzen. Mir fällt auch spontan ein Parkplatz ein, den ich gerne einmal mit meinem Armata T-14 aufsuchen würde.

Ein guter Parkplatz ist ja fast so selten wie ein Sechser im Lotto, besonders in einer Großstadt. Ein Wohnungsnachbar von mir in Berlin-Tiergarten ergatterte neulich eine freie Lücke, genau vor unserer Haustür. Das ist jetzt ungefähr ein halbes Jahr her. Und sein Auto steht immer noch da. Die Natur heißt es willkommen, in der Dachrinne bildet sich allmählich Moos und auf der Haube entsteht ein kleines Atoll aus Vogelkot.

Wer einen solchen Parkplatz erobert hat, gibt ihn halt nicht mehr her. Das Auto und die Fläche darunter verschmelzen zu einem Besitzstand, gewissermaßen zu einer Immobilie. Und abends blickt er zufrieden aus dem dritten Stock hinunter auf seinen blechernen Liebling, der ganz nah bei ihm ist. Ein Erfolgserlebnis, das allenfalls im Urlaub getoppt werden kann, wenn er morgens um fünf Uhr zum Pool herunter schleicht, um mit seinem Handtuch den Besitz einer Badeliege abzusichern

Wöchentliche Neu-Verlosung der Parkplätze

In Amerika geht es da übrigens gerechter zu. Einmal in der Woche kommt die Straßenreinigung, und alle Autos müssen verschwinden. Wer sich nicht dran hält, wird rigoros abgeschleppt. Das System dient der örtlichen Hygiene – und zwar in zweifacher Hinsicht. Einerseits geht es um die Straßenreinigung, andererseits handelt es sich um eine wöchentliche Neu-Verlosung der Parkplätze. Damit jeder mal drankommt. Ich bin daher der Meinung, dass wir von den Amerikanern in puncto sozialer Gerechtigkeit noch viel lernen können.

Mein Nachbar, der stets seine soziale Gesinnung hervorhebt, besteht allerdings auf seinen Parkplatz, er hat ihn so hartnäckig annektiert wie Putin die Krim. Und der Parkplatz-Raffzahn tut plötzlich etwas, das vollkommen seinem Naturell widerspricht: Er benutzt den öffentlichen Nahverkehr. Das ist der Gipfel der Perfidie. Bussen und Bahnen stehen ja ohnehin glorreiche Zeiten bevor, schließlich sollen sie in der Stadt demnächst kostenfrei benutzt werden dürfen.

Warum fällt denen das erst jetzt ein? Hätte man das Modell rechtzeitig auf Air-Berlin angewandt, gäbe es die Airline heute noch. Ich bin auch der Meinung, dass Kinder-Karussells zwecks Förderung junger Familien grundsätzlich kostenfrei sein sollten. Auch der jetzt schon kostenlose Fahrdienst des Bundestages sollte nicht nur von Abgeordneten, sondern auch von der allgemeinen Bevölkerung genutzt werden. 

Kostenlose Busse und Bahnen sind aber vor allem eine großartige Idee, um die grassierende Wohnungsnot und Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Wer kein Dach über dem Kopf hat, kann es sich künftig im Berliner U-Bahn-Ring bequem machen und sich vom klackernden Sound des Gleisbettes in den Schlaf wiegen lassen. Lediglich die Fahrkarten-Kontrolleure werden sich ein wenig an die neuen Verhältnisse anpassen müssen. Sie könnten sich beispielsweise mit dem Verkauf von Zahnbürsten und Zahnpasta oder mobilen Morgen-Rasuren selbstständig machen.  

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (12)
Werner Arning / 18.02.2018

Ich hab in letzter Zeit ohnehin schon das Gefühl, als wären viel weniger Kontrolleure im öffentlichen Nahverkehr unterwegs als früher. Jedesmal ärgere ich mich, dass ich treudoof meinen Fahrschein löse, werde aber gar nicht mehr kontrolliert. Mit meiner S-Bahn fahren nicht wenige Flüchtlinge in die Stadt und zurück zur Unterkunft. Die wirkten des öfteren ungehalten, wenn sie kontrolliert wurden. Es spielten sich unschöne Diskussionen während der Fahrt ab, die auch nie zu einem Ergebnis kamen. Vielleicht hat sich der Verkehrsverbund deshalb eines Besseren besonnen und die Kontrollen bis auf Weiteres eingestellt. Ist ja vielleicht auch vernünftig. Ich glaube, ich werde mir den Fahrpreis in Zukunft auch lieber sparen. Man muss ja flexibel sein. Da können wir von den Flüchtlingen lernen.

Heiko Stadler / 18.02.2018

Falls sich jetzt jemand darüber aufregen sollte, dass der Fahrdienst für die gut bezahlten Bundestagsabgeordneten kostenlos ist, so kann ich Entwarnung geben. Im gleichen Maß, wie die Abgeordneten ihre Diäten jährlich erhöhen, haben sie beschlossen, den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge zu reduzieren, so dass am Ende nur noch theoretisch das Elekroauto überig bleibt, das aber wegen der bis dahin zusammengebrochenen Stromversorgung nicht mehr geladen werden kann. Tatsächlich wird es auf den CO2-freien Eselkarren hinauslaufen. Jeder bekommt eben das, was er verdient.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen

Es wurden keine verwandten Themen gefunden.

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com