Dirk Maxeiner / 26.11.2017 / 06:25 / Foto: Seattle Municipal Archives / 4 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Mr. Wash und Mrs. Merkel

Das Thema Sauberkeit liegt den Deutschen schon immer besonders nahe. In der vergangenen Woche schafften es gleich zwei Ereignisse in die Medien, die etwas mit Waschen zu tun hatten. Erstens: Gebhard Weigele, der Erfinder der Waschanlage, ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Zweitens: Jamaika ist verschieden. Seitdem ist in Berlin Mitte die Seife ausverkauft, weil sich alle die Hände in Unschuld waschen. Dabei müssten sie das gar nicht, schließlich ist der überwiegende Teil der Bevölkerung über das Ableben der Idee ausgesprochen erleichtert.

Aber zurück zur Waschanlage. 1962 meldete der Augsburger Erfinder Weigele die weltweit erste "selbsttätige Waschanlage für Kraftfahrzeuge" zum Patent an. Die maschinelle Reinigung, ein Symbol des Wirtschaftswunders, war geboren, später verewigt in Popsongs wie Rose Royces "Car Wash" (1976).  Weigeles erste Anlage nahm im Augsburger Domviertel ihren Betrieb auf, gleichsam unter den Augen der katholischen Kirche. Das war Zufall, passte aber zum zeitgeistigen Bestreben nach Reinheit auch im übertragenen Sinne..

Die "Aktion saubere Leinwand" – gemeint war damit die Kinoleinwand – wurde in den 1960er Jahren ins Leben gerufenen und hatte sich zum Ziel gesetzt, die sich nach zaghaftem Beginn immer rascher ausbreitende Sexualisierung der Massenmedien durch Zensur- und Kontrollmaßnahmen, nicht zuletzt aber auch durch eine Änderung des Grundgesetzes zu unterbinden. Auslöser war der schwedische Film „Das Schweigen“. In einer Szene in einem Café macht der Kellner Anna Avancen. Später wird Anna in einem Varieté Zeuge, wie ein Paar es während der Vorstellung auf den Sitzen treibt.

Die rubbelnden Bürsten setzten triebhafte Fantasien frei

Die Autowaschanlage trat einen weltweiten Siegszug an, die Aktion saubere Leinwand war von weniger durchschlagendem Erfolg. Was der verdiente Erfinder der Waschanlage sicher nicht geahnt hat: Seine rubbelnden und kreisenden Geräte setzten obendrein triebhafte Fantasien frei und das Geschehen in und um sie herum entwickelte eine gewisse Eigendynamik. Geben Sie mal bei Google die Worte „Autowaschanlage“ und „Porno“ ein, dann wissen Sie, was ich meine. Aber tun Sie dies bitte auf eigene Gefahr. 

Doch auch für die Braven unter uns ist die Autowaschanlage so etwas wie ein Massage-Salon für die Seele. Schon Pilatus wusch sich seine Hände in Unschuld, nachdem er Jesus seinen Häschern überlassen hatte. In der Waschanlage will sich der Mensch gründlich reinigen vom Schmutz der Woche, will sich wenigstens für ein paar Stunden unbefleckt und strahlend der Welt zeigen. Sauberkeit ist eben eine Frage der inneren Einstellung. Wie Löwe und Kojote am Wasserloch, so treffen sich Jaguar und Panda klassenübergreifend in der Waschanlage, besonders am Wochenende.

Die alten Griechen nannten den Vorgang der Reini­gung "Katharsis". Das schöne Fremdwort wurde in­zwischen von den  Psychologen gekapert. Sie be­zeich­nen damit eine Abreaktion verdräng­ter Af­fekte. Die moderne Katharis ist vollautomatisch und heißt Mister Wash. Zivili­sierte Menschen zeichnen sich  dadurch aus, dass sie ihre Affekte in Waschstraßen abrea­gieren und nicht zuhause die Kinder vermö­beln oder in der Wahlkabine die Grünen ankreuzen.

Die positive Auswirkung von Waschstraßen auf die Volksgesundheit ist deshalb nicht zu un­terschät­zen. Als besonders angenehm gelten jene Anlagen, bei denen man während des inneren Waschgangs im Auto sitzen bleiben darf. Am schönsten ist es am Samstagmorgen, wenn die Sonne scheint und sich eine lange Schlange vor dem Tor mit dem geheimnisvoll röhrenden Tunnel bildet, denn die Deutschen fahren auch zur Waschanlage, wenn sie gar nicht schmutzig sind.

Kärcher verbittet sich das "kärchern"

Und die Menschen aus anderen Kulturkreisen sind in dieser Hinsicht perfekt assimiliert, sobald Sie sich einen BMW oder Mercedes mit standesgemäßer Breitbereifung leisten können. Wer orientalisch geprägte Jungmänner bei der akribischen Nachbehandlung ihrer Fahrzeuge beobachtet, weiß um die völkerverbindenden Verdienste dieser Einrichtungen. Hier wird täglich der Beweis erbracht, dass niedrige Haushaltstätigkeiten wie Spülen, Staubsaugen und Abwaschen mit der Sharia vereinbar sind. Selbst das Entfernen von grobem Schmutz aus Schüsseln ist zulässig, sofern dabei Felgenreiniger verwendet wird.

Zwei weitere deutsche Produkte gehören zum vollkommenen Reinigungsevent dazu. Da wäre zunächst die Vorbehandlung mit einem Hochdruckreiniger der Firma Kärcher, die den ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu der Bemerkung veranlasste, er werde bestimmte Viertel "kärchern". Daraufhin schickte das schwäbische Unternehmen einen Protestbrief wegen der deutschen Vergangenheit und so. Als Hersteller dieser waffenscheinpflichtigen Geräte warnte die Firma vor "einer Zweckentfremdung der Marke" und dem Gebrauch von Wortschöpfungen wie "kärchern".

Aus dem gleichen Hause kommen auch erfolgreiche Supersauger für die Nachbehandlung. Das große Saugen gehört dazu wie das Föhnen zum Friseur. So ein Ding inhaliert 100 Liter Luft pro Sekunde und reißt die unmöglichsten Dinge in seinen Schlund. Es wurde bereits beobachtet, wie der Supersauger Damen die Nylons vom Leibe riss und Herren das Toupet wegfrass.

Die politische Klasse in diesem Land, die ihr Auto vom Chauffeur waschen lässt, weiß gar nicht, was sie verpasst. Der regelmässige Besuch einer Waschanlage wäre  für den gesamten Reichstag der eindeutig kürzeste Weg zum Seelenheil. Aber nix da, die Herrschaften lassen ja fremdwaschen.  Ein gesunder Geist in einem gewaschenen Mercedes bleibt daher das heimliche Privileg des Bundestagsfahrdienstes, Deutschlands wahrer Hort der geistigen Stabilität.

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass sich in der Waschstraße nicht nur Sünden und Geschwindigkeits-Übertretungen fortspülen lassen, sondern auch Katerzustände. Schon bloßes Händewaschen kann uns laut Seifen-Beipackzettel vom Gefühl des Scheiterns befreien – um wieviel gründlicher ist da doch so ein Vollwaschprogramm bei Mr. Wash.

Ich muß an Dove-Seife und Angela Merkel denken

Trifft der Mensch eine falsche Entscheidung, dann neigt er oft dazu, sie schön zu reden. Sie zu rechtfertigen, um mit der sogenannten kognitiven Dissonanz klarzukommen. "Wer sich von derartigem Unbehagen befreien möchte, sollte sich einfach möglichst bald nach der Entscheidung die Hände waschen. Dabei werden offenbar neben dem Schmutz auch etwaige Restzweifel weggespült. Das klingt bizarr, doch Forscher wollen genau das mit Hilfe von Studien jetzt festgestellt haben", schreibt Spiegel online und zitiert eine Studie der Pschologen Spike W. S. Lee und Norbert Schwarz. Komisch, dass ich dabei nicht nur an Dove-Seife sondern auch an Angela Merkel denken muss.

Der Bundeskanzlerin und ihren Getreuen sei jedenfalls dringend ein Besuch in einer betreuten Waschanlage empfohlen. Besonders nah am Reichstag liegt „Cosy Wash“ in Mitte, mit einem auf den politischen Alltagbetrieb abgestimmten Angebot: „Hochdruck-Vorwäsche von Hand, Einsatz unseres Aktivschaums, eine gründliche Radwäsche sowie die vollautomatische Glanztrocknung.“ Außerdem im Angebot: "Heisswachs, Schaumwachs, Felgenintensivreinigung, Unterbodenwäsche, Unterbodenkonservierung und Cosy-Polly-Wertglanz".

Ab geht die ruc­kelnde Fahrt in den prasseln­den, pfeifenden und saugenden Schlund. Bürsten ru­bbeln und dröhnen, bearbeiten die Fronthaube, ver­schwinden don­nernd über Dach und Rücken. Dann wohlige Stille: Seifige Lappen fahren vom Himmel und schlieren in fernöstli­cher Massagetechnik rhythmisch übers Blech. Schließlich kommt das große Don­nerwetter: Sturz­bäche fallen vom Him­mel herab und Wasserkano­nen schießen unters Bo­denblech. Zum Schluss er­scheint Licht am Ende des Tunnels und es erhebt sich ein tosender Sturm, bläst das Wasser weg, säuselt geheimnis­voll durch die Be­lüftung. 

Aber es dauert natürlich, bis alle 709 Bundestagsabgeordneten durch so einen Reinigungs-Prozess durch sind. Vielleicht wäre es daher besser, einen kleinen Gemeinschaftsausflug nach Berlin-Rummelsburg zu unternehmen. Dort steht die wahrschein­lich längste Waschstraße der Welt. In der sil­bernen Röhre werden allerdings keine Autos ge­waschen, sondern der ICE. Über mehrere hundert Meter wird der Schnellzug gerubbelt und geföhnt. Da könnte sich der ganze Bundestag auf einmal den Pelz waschen lassen, ohne dabei nass zu werden.

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Leserpost (4)
Wolf-Dietrich Staebe / 26.11.2017

Egal, wie oft Sie Merkel und die Bundestagsabgeordneten durch alle möglichen Waschstraßen schicken, es wird nicht helfen: Den Schmutz, der diesen Leuten anhaftet, können Sie mit Wasser, Seife und Bürsten nicht entfernen.

Winfried Sautter / 26.11.2017

Der eigentliche Sieg der Waschstrasse kam aber erst in den 1980ern (?), als es den Bundesdeutschen aus ökologischen Gründen verboten wurde, ihre Autos auf der Strasse zu waschen und die Lauge einfach so in den Gulli fliessen zu lassen. Bis dahin war es das samstagnachmittägliche Ritual in jeder Siedlung, die jeweilige Familienkutsche mit reichlich Wasser und Schaum zu waschen, dann mit grosszügig aufgetragenem Wachs zu wienern und zu polieren, und danach via Verlängerungskabel mit dem Staubsauger den letzten Fuzzel aus dem Innenraum abzusaugen. Eine kollektive Orgie der Liebkosung des Fetischs Auto. Dazu waren alle Autoradios mit Höchstlautstärke auf die Rundfunkkonferenzschaltung der Bundesliga eingestellt. Männerwelt eben. Es war eine besondere Atmosphäre. Der Carwash hat den Deutschen die Erotik des Autos genommen und ihnen eine Anstalt der Ersatzbefriedigung gegeben. Von daher nicht ganz unberechtigt, dass er mit Porno in Verbindung gebracht wird.

Dirk Jungnickel / 26.11.2017

“Wasch mir den Pelz , aber mach mich nicht nass! ”  dürfte den meisten Bundestagsabgeordneten ein nicht unbeliebter Spruch sein, von den Sondierern ganz zu schweigen. Der Bundespräsident übt sich im Levitenlesen, was heute eine moderatere Bedeutung hat als ursprünglich. Ob er die Kanzlerin und ihre Adlaten für besagte Waschanlage disponiert, wird freilich nicht nach draußen dringen.  Mögen sie aber bei der Prozedur - hoffentlich! - nicht ohne Lackkratzer davon kommen.

Christian Kühn / 26.11.2017

In Koeln-Muelheim gab (gibt?) es eine grosse Waschanlage, durch das Auto gezogen wurde, waehrend man durch grosse Schaufenster nebenher gehen, zugucken und einen Kaffee trinken konnte. Ich durfte als kleiner Steppke mal im Auto mit durch die Waschanlage (das grosse Programm von 12 DM!), was damals einer der Hoehepunkte meines noch jungen Lebens war und mir auch heute noch in schoener Erinnerung ist. Den Geruch des Wachses, das am Ende noch drauf kam und so schoen an den Scheiben runterperlte, ist mir jetzt noch in der Nase…und alles ohne Porno!

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