Dirk Maxeiner / 08.05.2016 / 06:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 2 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Mit Navi hätte Kolumbus niemals Amerika entdeckt

Taxifahren ist auch nicht mehr was es einmal war. Ich erinnere mich lebhaft an Zeiten, als ich am Bahnhof Zoo in Berlin regelmäßig auf freundliche aber völlig orientierungslose Aushilfsfahrer traf. Diese fuhren meist zügig los und baten an der ersten Ampel um eine gewisse Arbeitsteilung: „Du sagen, ich fahren.“

Die gemeinsame Zielsuche führte uns dann meist weit in dunkle Randbezirke, wo schließlich der Taxameter abgeschaltet und der Stadtplan aufgefaltet wurde. Heutzutage befindet sich praktisch in jeder Droschke ein elektronisches Navigationssystem. Das spart Zeit, Nerven und funktioniert fast immer. Ost-Berlin ist seitdem keine Terra incognita mehr. Vorbei die Zeiten des Stadtplan-Studiums. Vorbei die Zeiten ausgefeilter Wegbeschreibungen. Vorbei die Zeiten der Lotsendienste, die ortskundige Menschen Orientierungshilfe leisteten. Alles geht wie von selbst, welch ein Fortschritt.

Der Mensch lernt langsam und verlernt schnell. Anstatt sich Wegmarken und Fahrstrecken einzuprägen, vertraut er blind auf den kleinen Kasten und pflegt die Konservation mit seinem Beifahrer. Mit dem Ergebnis, dass beide keinerlei Vorstellung mehr davon haben, wo sie sich eigentlich befinden. Die urmenschliche Fähigkeit sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren ist ja schon lange verloren gegangen. Jetzt verlässt uns auch die zivilisatorische Befähigung aus eigener Erinnerung an der zweiten Ampel rechts und dann hinter dem Kaufhof links abzubiegen.

Spiegelbildlich nimmt auch die Befähigung der Menschen ab, einem Suchenden den Weg zu beschreiben, also gewisse Orientierungspunkt parat zu haben und abrufen zu können. Neulich wollte ich zum alten Rathaus von Hannover und stand direkt davor, ohne zu wissen, dass es sich um das alte Rathaus handelt. Angesprochene Passanten zuckten mit den Schultern oder erklärten mir, sie seien von auswärts. Aber es dauerte nicht lange bis ein Einheimischer sein Smartphone zuckte, umständlich verschiedene Namen für das gesuchte Objekt eingab, um dann festzustellen: "Ach das ist ja hier".

Anschaulich werden die blinden Flecken unserer smarten Zivilisation stets, wenn man plötzlich wieder in einem Auto ohne elektronischen Lotsen sitzt, beispielsweise in einem Leihwagen der untersten Kategorie. Huch, ein Auto ohne Navi ! Das ist fast so, als habe einem jemand ein Sinnesorgan amputiert.

Gehört das Verfahren nicht auch zum Fahren dazu? Das nach dem Weg fragen? Das in die falsche Richtung geschickt werden? Die schönsten Urlaubserlebnisse verbinden sich oft mit rein zufällig entdeckten Lokalitäten. Heute werden die schon beim gezielten Filtern der gewünschten Urlaubsunterkunft ausgefiltert. Wer dem Zufall keine Chance gibt, der vermeidet womöglich unangenehme Überraschungen, aber leider auch angenehme. Das ist sicherlich auch das Dilemma der Dating-Portael. Wie soll man denn  jemand finden, von dem man gar nicht weiß, daß man ihn sucht.  Ich gebe zu bedenken: Mit Navi hätte Kolumbus niemals Amerika entdeckt.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (2)
Rainer Schulze / 08.05.2016

Lieber Herr Maxeiner, meine Rede! Ich bin Geographie-Freak und habe das Atlas- und Kartenlesen nahezu parallel zum Bücherlesen gelernt (mein sehr geschätzter Onkel war Fachleiter Geographie an einem Gymnasium). Mein persönliches Highlight zu diesem Thema: vor einigen Jahren war für unsere neu zugeschnittene Abteilung ein (neuhochdeutsch) Teambuilding-Event in einem knapp 100 Kilometer entfernten Weindorf angesetzt. Zehn Personen, zwei Autos. Im ersten saß ich. Meine Ansage an den Fahrer: Bundesautobahn XY bis zur Ausfahrt Z nehmen, dort Richtung A-Stadt fahren und dann nach zehn Kilometer rechts abbiegen in den Zielort B-Dorf. Das Weinprobenhotel befände sich dort an der Ecke der zweiten Abzweigung von der Dorfstraße links. Unsere Fahrzeit: eine Stunde. Der zweite Wagen mit den Kollegen (und *_Innen) kam nach zwei Stunden an. Navi kaputt, kein Autoatlas an Bord. Meinem Spott, dass sie deswegen nicht gewusst hätten, in welche Richtung sie die Garage verlassen müssten, würde nur halbherzig widersprochen.

Christoph Behrends / 08.05.2016

“Der Mensch lernt langsam und verlernt schnell.” Wenn dieser Satz von Ihnen ist, lieber Herr Maxeimer, gehört er unbedingt in den Zitatenschatz eines jeden Lehrers! Herzlichen Dank.

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