Dirk Maxeiner / 23.07.2017 / 06:25 / Foto: Shanomag / 7 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Rache an VW & Co

Für die deutsche Autoindustrie muss man sich ja derzeit ein wenig fremdschämen. Jutta Ditfurth bei Maischberger regt mich erheblich weniger auf  als Dieter Zetsche oder Rupert Stadler beim verkünden der Compliance-Regeln. Damit jetzt niemand glaubt, ich hätte was gegen Mercedes oder Audi, habe ich mir zur Abwechslung die diesbezügliche Ansage von Volkswagen rausgesucht.  Zitat:

„Volkswagen hat einen ganzheitlichen, integrativen Ansatz gewählt, der das Risikomanagementsystem, das Interne Kontrollsystem und das Compliance-Managementsystem in einem Managementansatz (Governance, Risk & Compliance-Ansatz) vereint. Auf Dauer erfolgreich kann ein Unternehmen nur sein, wenn es sich integer verhält, Recht und Gesetz weltweit einhält und zu seinen freiwilligen Selbstverpflichtungen und ethischen Grundsätzen auch dann steht, wenn es unbequem ist.“

Eines muss man den Herren in Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt lassen: Sinn für Humor haben sie. Das ist ja prinzipiell auch gut so. Aber verarschen lasse ich mich nicht . Und deshalb hab ich mal in meine eigenen Compliance-Regeln geschaut und beschlossen die Herrschaften so richtig abzustrafen. Eine Domina im Sado Maso-Club von Sindelfingen könnte es ihnen auch nicht besser besorgen. Mein persönlicher Governance, Risk & Compliance-Ansatz zwingt mich zu einer außergewöhnlichen Maßnahme. Und die lautet: Ich kauf mir jetzt einen gebrauchten Renault.

Und zwar einen "Vel Satis", so heißt die schrägste große Limousine, die den Franzosen in den letzten Jahrzehnten eingefallen ist – und den Franzosen ist viel schräges eingefallen. Wie das Ding aussieht, sehen sie hier. Und was es kostet sehen sie beispielsweise hier. Mehr als 1.000 Euro kostet der Spaß nicht. Und wenn das Teil nicht mehr will oder eine Reparatur ansteht, kauft man sich einfach einen neuen. Ist billiger als ne große Inspektion beim Daimler. Preiswerter kann man seine deutsche Nobelmarken-fahrenden Nachbarn nicht zur Weißglut bringen. Dieses Kartell soll leiden!

Aber zurück zum Vel Satis: Ausgehend von der Überlegung, dass der Mensch ein aufrechtes und kein liegendes Geschöpf ist, kombinierten die Franzosen Erbteile eines London-Taxis mit denen eines Thalys-Superschnellzuges. Sie verschnitten das ganze mit Elementen des spaceigen Renault Avantime und des historischen Renault 40 CV aus den zwanziger Jahren. Ferner kreuzten sie eine Wohnlandschaft von ligne roset ein. Die Chancen, dass dabei ein konventionelles Auto herauskommen könnte, standen von Anfang an bei Null. Das ganze war bis zum Jahr 2009 im Programm und steht sich bei Gebrauchwagenhändlern die Reifen platt, weil es vom teutonischen Geschmack deutlich weiter entfernt ist als The Rocky Horror Show.

Leute, die von einem rollenden Bernsteinzimmer träumen

Ich hab schon eine Probefahrt gemacht – und kann nur von schönen Erlebnissen berichten. So platzierte ich den Vel Satis auf dem Parkplatz neben die E-Klasse meines Nachbarn und verdunkelte mit seinem Schatten den Glanz des Mercedes. Beinahe so wie jenes gewaltige Ufo, dass in „Independent Day“ die Sonne über Washington verfinstert.  Mein Nachbar schien sich beim Einsteigen an den Gedanken zu klammern, dass es sich bei dem Gegenstand zu seiner Linken nur um eine Halluzination handeln könne. Er schaute einfach nicht mehr hin. Doch das Ding wollte sich einfach nicht in Luft auflösen. Also aktivierte er Plan B und legte einen fulminanten Kavalierstart hin, auf dass dieses unheimliche Wesen schnell aus seinem Gesichtsfeld verschwinde. Später versicherte er mir, die Styling-Abteilung von Audi, BMW oder Mercedes hätten einen solchen Entwurf allenfalls unter Einfluss der Designerdroge Ecstasy gefertigt. Ich erwiderte daraufhin, dass mich seine überladene E-Klasse an ein rollendes Bernsteinzimmer erinnere – bedauerlicherweise aber nicht verschollen sei.

Der  Renault Vel Satis befördert solcherart die Komik des Alltags und mich überkommt große Heiterkeit. Meine aufreizende gute Laune führt bei Menschen, die viel Geld für ein schönes aber bedauerlicherweise flaches deutsches Auto ausgegeben haben, zu energischer Revierverteidigung. Der gebührende Abstand wird per Kickdown wieder hergestellt – zumindest bis zur nächsten Ampel. Man sollte es mit dem zufriedenen Grinsen aber nicht übertreiben. Scheinbar grundlose Heiterkeit gilt bei Polizisten als Indiz für Cannabis am Steuer. Und der Kauf eines Vel Satis ebenfalls. Das avantgardistische Fach ist im Automobilbau ja schon seit längerem unterbesetzt, in der Oberklasse sowieso. Dereinst war zumindest auf die Anarchisten von Citroen noch Verlass. Doch sie wurden in den vorgezogenen Ruhestand geschickt oder suchten angesichts heutiger Citroens den Freitod, indem sie sich vom Dache einer göttlichen DS in die Seine stürzten.

Der Vel Satis war augenscheinlich nur möglich, weil bei Renault niemand fragte, was „man“ oder die anderen unternehmen. Die Bezeichnung Vel Satis ist ein Phantasieprodukt. Wer ein lateinisches Wörterbuch und etwas Kombinationsgabe zu Hilfe nimmt, kann die Silben aber auch als „sich selbst genug“ deuten. Das kommt dem französischen Nationalcharakter entgegen, der es anderen überlässt, gefällig zu sein. Statt Vel Satis hätten sie dieses Auto auch Vel Saterix nennen können, um seinen widerständischen gallischen Geist zu unterstreichen. Außerdem passt durch die hintere Heckklappe ein ausgewachsenes Wildschwein.

Sogar Ironie muss den Designern gestattet gewesen sein

In mancher Perspektive hat der Vel Satis mit seinen Kiemen in der Haube gar eine urzeitlich animalische Ausstrahlung (Vel Saurus käme daher als Name auch nicht schlecht). Sogar Ironie muss den Designern gestattet gewesen sein. Ich habe beispielsweise lange überlegt,  woran mich dieses runde, kurze Stummelheck mit den riesigen Rückleuchten erinnert. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: An die elektrischen Autoscooter vom Jahrmarkt! Denken Sie sich eine Stange mit Stromabnehmer auf den Kofferraumdeckel des Vel Satis und sie wissen, was ich meine. Ich werde einen Laubrechen installieren, der bis zur Oberleitung der Augsburger Straßenbahn hochreicht. Und dann habe ich ein Elektroauto und stecke diese ganzen Fortschrittsverweigerer in den Sack.

Der Fahrersitz befriedigt auch den anspruchvollsten Spieltrieb. Mit seinen tausend elektrischen Verstellmöglichkeiten würde er sogar jeder gehobenen Zahnarztpraxis zur Ehre gereichen. Ich hab mir beim ersten Test ständig vorgestellt, dass ein Becher aus der Mittelkonsole fährt und die freundliche Stimme des Navigationsgerätes sagt: „Sie dürfen jetzt ausspülen“. Statt dessen sagt sie aber: „Willkommen an Bord, die Kontrollsysteme sind eingeschaltet“.  Für einen Franzosen spricht der Vel Satis überhaupt ziemlich gut deutsch. Er kann aber nicht nur sprechen sondern auch Piepen, Läuten, Blinken, Hupen. Alles sehr dezent und vornehm allerdings nicht immer zur rechten Zeit. Und das tollste: Sogar Jammern kann er! Wenn man beim Rangieren zu dicht an ein Hindernis herankommt, erschallt ein klagender Dauerton. Das erinnerte mich spontan an meine Frau bei der Lektüre unseres letzten Steuerbescheides, sie besitzt allerdings keine Stummtaste.

Gestartet wird der Vel Satis mit einem großen roten Knopf. Als Antrieb hatte ich deshalb eigentlich ein hübsches kleines Atomkraftwerk erwartet. Statt zur Inspektion führe ich dann einmal im Jahr zur Wiederaufbereitungsanlage nach La Hague, die Brennstäbe erneuern. Aber das hat sich Renault nun doch nicht getraut. Kann aber noch kommen. Für Elektroautos, die in Frankreich eine Steckdose aufsuchen, trifft der Slogan "Powered by Uranium" ja heute schon zu.

Leserpost (7)
Ulla Smielowski / 23.07.2017

Da werde ich mal direkt umschauen wo ich einen Vel Satis bekomme. Das unkonventionelle reizt mich, fuhr ich doch in der 80igern des letzten Jh. einen Mini-Cooper. Das fand ich chic, war aber leider teuer.  Da ein Auto ja eigentlich Luxus ist, stellt sich sowieso die Frage, warum man viel Geld dafür ausgeben muss.

Manfred Löffert / 23.07.2017

Vielen Dank für den köstlichen Artikel über das alte Renault-Raumschiff.  Da stand ich damals oft davor und habe mich aber nicht getraut. Es hat dann später nur für diverse Laguna gereicht. Fahre jetzt als Rentner einen popeligen OPEL. Aber die Idee, auf die Sie mich jetzt mit Ihrem Bericht gebracht haben… Jetzt muss nur noch die Dame des Hauses überzeugt werden. Ich schau schon mal bei Ebay rein.

Hjalmar Kreutzer / 23.07.2017

In den 90ern kaufte ich mir auf Empfehlung von jemandem, der in der Industrie mit diesem Typ Manager zu tun hat, das Buch “Nieten in Nadelstreifen” von Günther Ogger. Es scheint sich in mehr als 20 Jahren nicht viel geändert zu haben. Inzwischen arbeitet derjenige zwar in Deutschland, aber für einen ausländischen Konzern, wo das Verhältnis von denen, die arbeiten zu denen, die solche Blähwörter verzapfen, auch nicht viel besser ist. Die Anmerkungen zum Vel Satis könnte man zusammenfassen unter: “Ihr Auto gefällt mir auch nicht!”, Aber so ist es witziger. So schlecht fand ich ihn damals nicht, als ich ihn mal als Leihwagen hatte. Damals war ich gerade vom Trabi auf meinen ersten Renault Clio umgestiegen und empfand den Vel Satis als absolut futuristisches Renn-Geschoss, was ich mir zum damaligen Neupreis mit meinen drei D-Mark nicht leisten konnte. Auch schon damals bekam man ein alltagstaugliches und einigermaßen komfortables Auto sowohl bei Renault, als auch VW oder Mercedes nur mit zig. “Paketen” einer Aufpreisliste, nix biller Franzose! Nach Erfahrungen mit einem absoluten Montagsauto war ich irgendwann von Renault weg. Derzeit ist es ein Gottseibeiuns!  Diesel mit Automatik der B-Klasse von Mercedes.

A. Simon / 23.07.2017

“.... wenn es sich integer verhält, Recht und Gesetz weltweit einhält…” Die Realität sieht aber anders aus: Nur die Unternehmen und die Unternehmer, die sich wenig integer verhalten und sich zumindest leicht jenseits der gesetzlichen Vorgaben bewegen sind wirtschaftlich erfolgreich. Es gibt kein Unternehmer, der erfolgreich ist, weil er ein Gutmensch ist. Öffentlich versuchen dann diese Unternehmen und Unternehmen ihr Bild zurechtzurücken, indem sie (meist auch noch steuerbegünstigt) irgendwelche soziale Aktivitäten durchführen. Die Beobachtung zeigt: Besonders in solchen Unternehmen die öffentlich am lautesten von Compliance reden, die z. B. auch immer wieder betonen, wie mitarbeiterorientiert sie sind, dort werden diese Sachen am wenigsten umgesetzt. Wer laut verkünden muss, dass für ihn Selbstverständlichkeiten etwas ganz Besonderes sind, bei dem kann man davon ausgehen, dass es in den Betrieb nicht so aussieht.

F. Kamper / 23.07.2017

Vel Satis ist leicht erklärt: Der Entwurf stammt vom weltberühmten bulgarischen Designer Sitaslev.

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