Dirk Maxeiner / 03.12.2017 / 06:15 / Foto: Achim R. Schloeffel / 4 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Kindheit in der Tiefgarage

Zwischen meiner Frau und mir gibt es zwei eingespielte Rituale, ein tägliches und ein jährliches. Das tägliche lautet in etwa so: „Was sollen wir heute abend kochen?". Antwort: „Keine Ahnung, geh zu Aldi und lass dich inspirieren". Daraufhin sie: „Die haben immer das gleiche, da fällt mir nix ein." Darauf ich: „Lass uns essen gehen". Sie: „Nein, das ist auch immer das gleiche und außerdem zu teuer". Darauf ich: „Ich sollte sowieso mal abnehmen". Sie: „Quatsch, heute Abend hast du Hunger". Es kommt dann doch immer irgendwas auf den Tisch.

Und nun zum jährlichen Ritual: „Was möchtest du als Weihnachtsgeschenk?" Meine Antwort: „Keine Ahnung, ich hab doch alles, was ich brauche". Und dann natürlich die Gegenfrage: „Und was wünschst du dir?". Daraufhin zahlt sie es mir heim: „Nix, ehrlich nicht". Früher wurde diese Anspruchslosigkeit noch durch den gegenseitigen Kauf scheinbar origineller Gaben unterlaufen, die fortan idiotisch in der Gegend rumlagen und irgendwann unauffällig entsorgt wurden. Inzwischen schenken wir uns wirklich nichts mehr. Statt dessen machen wir was Schickes zu essen (siehe oben).

Dabei wusste ich als Kind immer genau, was ich mir wünschte: Ein Spielzeugauto. Hauptsache Auto. Statt dessen gab es dann meistens ein Buch. „Das neue Universum" und „Das große Jugendbuch" waren für meinen Bruder und mich fest gebucht. Wir mussten dann aufrichtige Begeisterung heucheln, schließlich wollten unsere Eltern nur das Beste für uns. Unsere Freunde bekamen wunderbare Schuco-Autos, Märklin Metallbaukästen, mit denen man Lastwagen oder Traktoren bauen konnte oder gar eine elektrische Carrera-Rennbahn. Wir besuchten sie dann am zweiten Weihnachtsfeiertag, um zu besichtigen, was wir nicht geschenkt bekommen hatten.

Rache ist ein Gericht, das der Kenner kalt genießt

Vermutlich aus Rache für dieses frühkindliche Trauma habe ich dann später ein begonnenes Studium sausen lassen und kalt lächelnd ein Volontariat bei auto, motor und sport angetreten. Rache ist ein Gericht, das der Kenner kalt genießt. Dort konnte ich dann die gesamte Automobil-Weltproduktion in Augenschein nehmen und manchmal sogar mit einem der Exemplare herumfahren. Das erhöhte mein Sozialprestige im Freundeskreis enorm, und ich war glücklich. Etwas anderes als Autos interessierte mich damals nämlich nicht die Bohne.

Es macht mir deshalb immer wieder Freude, auf Menschen zu treffen, die diesen Zustand auch in der Nach-Adoleszenz-Phase einfach beibehalten haben. Man muss sich denjenigen, der die Zusammensetzung der Sonderausstattungsliste einer Mercedes A-Klasse auswendig herunterrasseln kann, dem aber die im Bundestag vertretenen Parteien am Arsch vorbei gehen, als glücklichen Menschen vorstellen.

Ein besonders ausgeprägtes Exemplar ist mir vor einiger Zeit über den Weg gelaufen. Bei einem Gespräch in anderer Sache kamen wir irgendwie auf das Thema Modellautos. Und der Mann, der zuvor noch auf seinen „durchgetakteten Terminkalender" hingewiesen hatte, verfügte plötzlich über alle Zeit der Welt.

„Zugegeben, das ist eine einsame Sache“, sagte Sven Hinrichsen (Name auf seinen Wunsch geändert) „und ich bin der Schlimmste von allen“. Der Mann ist einer Leidenschaft verfallen, die man ihm nicht unbedingt ansieht. Nächtelang durchkämmt er das Internet auf der Suche nach neuen Objekten seiner Begierde. Agenten und Zuträger wissen von seiner geheimen Mission und halten überall auf der Welt die Augen für ihn auf.

Die Trophäen werden dann in einer geheimnisvollen Tiefgarage in einem Hamburger Industrieviertel untergebracht. Nur Eingeweihte wissen, was dort unten vor sich geht. Und es gibt viele Menschen, die würden zu Fuß nach Santiago di Compostela pilgern, um einmal einen Blick in diese Räumlichkeiten werfen zu dürfen. Schließlich lagert unter der Erde so eine Art Weltkulturerbe: die größte Sammlung von ferngesteuerten Modellautos diesseits der Milchstraße. In Fachkreisen heißen die wertvollen Stücke „RC-Modelle“. RC steht für ”remote controlled“.

Ungebrochener Technik-Optimismus

Eine sorgfältig geführte Inventarliste zählt über 1.000 Fahrzeuge und weit über 15.000 Bausätze sowie Millionen von Ersatz- und Tuningteilen. Der RC-Modeller hat die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Reifen und Felgen, Fahrwerks- und Karosserieversionen, Getrieben und Motoren. Selbst in den kleineren Klassen, wie zum Beispiel bei den 1:32 Modellen, funktioniert vieles wie im richtigen Autoleben – bis hin zu mit Öl gefüllten Stoßdämpfern. Wollte Sven Hinrichsen mit jedem der in Schränken und Regalen, auf Tischen und auf dem Boden geparkten Minis ein wenig herum sausen, so würden viele Monate vergehen. Und um alle Sammelstücke aufzubereiten und alle Bausätze zusammenzufügen, würde ein ganzes Sammlerleben schon lange nicht ausreichen.

Genau wie richtige Automobile, so erzählen auch ihre ferngesteuerten Miniaturen vom Zeitgeschmack und vom Zeitgeist. Das geht bis hin zu den charakteristischen Illustrationen, welche die Originalverpackungen schmücken. Dafür hatte sich ein ganz eigenes Illustrations-Genre entwickelt. Eine spezielle Künstlergilde war damit beschäftigt, die Automodelle in Szene zu setzen. Die Bilder künden von ungebrochenem Technik-Optimismus, wie er in Europa teilweise verloren gegangen ist, in Asien aber heute noch in voller Blüte steht.

Mit dem Modellauto-Virus wurde der Sammler infiziert, nachdem er einem Freund einen ferngesteuerten Bausatz eines britischen MGB-Sportwagens als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Beim Durchstöbern von Internetangeboten, Katalogen und Geschäften lernte er staunend das artenreiche Biotop der Modellautos kennen. Geradezu „manisch“ habe er in der Folgezeit nächtelang vor dem Computer gesessen und aus dem Internet-Arsenal der schönsten RC-Modellautos „alles zusammengekauft, was ich kriegen konnte“. Er sei sich dabei abwechselnd „wie ein Plünderer“ und „wie ein wildgewordener Jagdhund“ vorgekommen.

Er nennt diese Zeit seine „Orientierungs- oder Experimentierphase“. Diese war eine schwere Prüfung für die internationale Sammlerszene, der dieser mysteriöse Herr aus Hamburg so manchen Schatz vor der Nase wegschnappte. Und auch die Geduld seiner Frau wurde erheblich strapaziert. In einer wissenschaftlichen Phänomenologie des Sammlers ist wohl nicht ganz zu Unrecht von einer mitunter stattfindenden  „Verschiebung zärtlich liebevoller Bedürfnisse vom Partner auf das Objekt der Sammlung“ die Rede.

Die verschiedenen Modelle eroberten zunächst Regale und Schränke. Dann besetzten sie eine Küche im Kellergeschoss, die zur Werkstatt aufgerüstet wurde. Von dort schwappte die Flut in Flure und Garagen und schließlich ins Wochenendhaus. Als auch dort entschiedene Parkplatznot herrschte, wurde ein großer Raum in der Tiefgarage angemietet.

Phase der Raserei und des Raubrittertums

Doch der war bald schon wieder zu klein, und so erfolgte ein Wanddurchbruch zu einem zweiten Raum. Und von dort geht es wohl nach allen Regeln des Untertagebaus bald weiter. Dunkelheit, kühle Temperaturen und Trockenheit haben für den Erhalt der Sammlung eine wichtige Funktion: Im Tageslicht gasen die empfindlichen Kunststoff-Karosserien der kleinen Flitzer schneller aus, werden spröde und verlieren ihre Farben. Die dauerhafte Konservierung der wertvollen Stücke ist nicht einfach.

Nach der Phase der Raserei und des Raubrittertums hat inzwischen die Konsolidierung der Sammlung eingesetzt. Das ist anderen Sammlernaturen genauso gegangen. Anne Morow Lindbergh, die Frau des berühmten Ozeanfliegers Charles Lindbergh, war beispielsweise eine passionierte Muschelsammlerin. Und sie schrieb einmal: „Als alle meine Taschen ausgebeult und feucht, die Bücherregale ausgefüllt und die Fensterbretter übersät waren, fing ich an, meine Reichtümer zu sichten und eine Auswahl zu treffen“.

Auch Sven Hinrichsen sucht und sammelt längst systematisch. Die großen Marken bei den RC-Modellen heißen nicht Mercedes oder Porsche, sondern Associate, Hirobo, Yokomo, Kyosho Schumacher, Marui, Nichimo oder Tamiya – um nur einige wenige zu nennen. Den größten Marktanteil haben traditionell japanische Hersteller, was am spezifischen Nationalcharakter liegt. „Die Japaner haben einfach den entsprechenden Spieltrieb“, erzählt Sven Hinrichsen, „der wird in den Forschungsabteilungen der japanischen Industrieunternehmen ja auch gezielt gefördert.“

Der Schwerpunkt der Sammlung Sven Hinrichsens besteht aus Offroad-Modellen im Maßstab 1:10 mit Elektromotor. Sie wurden seit den siebziger Jahren zu hunderttausenden gebaut, allerdings auch im gleichen Tempo verschlissen. Der Stand der damaligen Fertigungstechnik nötigt Hinrichsen großen Respekt ab: „Die haben in Großserie mit Fiberglas und Aluminiumlegierungen gearbeitet und waren damit der richtigen Automobilindustrie weit voraus. Absolut erstaunlich.“

Durch das Treppenhaus in den ersten Stock fahren

Die wichtigsten Modelle der wichtigsten Hersteller sind fast komplett versammelt – vor allem die der ausgestorbenen Anbieter. Das Ganze meist als fahrfertiges Exemplar und dann noch einmal als Bausatz. Hinzu kommen die Tuningteile, mit denen sich die Geländebuggies aufrüsten lassen. Auf einem großen Tisch stehen viele dutzend dieser Gefährte. Sieht aus wie ein Fahrerlager für das Baja 1000 Meilen-Rennen.

Sven Hinrichsens besondere Zuneigung gilt den Trial-Modellen und den Wettkämpfen, die damit ausgetragen werden. In den USA sind auch die sogenannten ”Crawler“ sehr beliebt. Das sind äußerst kletterfähige Modelle, mit denen man notfalls durch das Treppenhaus in den ersten Stock fahren kann.

Original-Vorbilder dafür gibt es schon längst nicht mehr. Die Modellautos haben auf diesem Gebiet ihre großen Brüder technisch überholt. So tauchten bei den Minis zuerst charakteristische Radaufhängungen an Vierpunkt-Aufnahmen auf, die sich extrem verschränken können.

Was als Modellbau begann, emanzipiert sich allmählich von seinen großen Vorbildern und strahlt in das richtige Leben ab. So ist der Übergang zwischen Modell und Roboter längst fließend. Winzige geländegängige Kameramobile erkunden heute Schäden in Abwassersystemen. Militärs setzen Mini-Panzer für die ferngesteuerte Entschärfung von Sprengsätzen ein. Weltraumtechniker nutzen das Know-how bei ihren Entwürfen für Mond- und Marsmobile. So ein NASA-Rover mit original Marsstaub wäre natürlich ein ganz besonderes Sammlerstück. Schließlich transportiert so ein Gefährt auch eine wichtige Lehre: Die vom Kollateralnutzen des Spieltriebs.

Foto: Achim R. Schloeffel CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (4)
Geert Aufderhaydn / 04.12.2017

Zuerst dachte ich: Thema verfehlt, setzen, sechs!  Aber - warum eigentlich nicht . . .

Rudi Möllner / 03.12.2017

Zitat: In Fachkreisen heißen die wertvollen Stücke „RC-Modelle“. RC steht für ”remote controlled“. Zitat Ende. Falsch. RC steht für Radio controlled = funkferngesteuert.

Jens Frisch / 03.12.2017

“Kollateralnutzen des Spieltriebs.” Danke für diesen schönen Begriff!

Winfried Sautter / 03.12.2017

Das “Das Neue Universum”, Jugendzeitschriften wie “Das Neue Guckloch”, oder auch die Reihe “Wissen Universell” des Franz-Schneider-Verlags (sonst eher Bähh!)  spiegelten wunderbar den allgemeinen Fortschrittsoptimismus bis in die 1960er, die beginnenden 1970er wider: Kolonien auf dem Mars und Unterwasserstädte in naher Zukunft, unaufhaltsamer Fortschritt auf allen Gebieten der Wissenschaft mit dem Ziel, die Erde zum Paradies werden zu lassen. Kassandra-Rufer wie der Club of Rome, dann der die ideologische Herrschaft übernehmende, misanthropische Ökologismus haben damit gründlich aufgeräumt. Die Zukunft nur noch Dystopie. Ich denke an die Lektüre meiner Jugend mit einer gewissen bitteren Nostalgie zurück. Meine Kinder, nun selbst vor dem Erwachsenwerden, beschäftigen sich lieber erst gar nicht mit grossen Träumen der Menschheit.

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