Dirk Maxeiner / 14.01.2018 / 06:12 / Foto: Tim Maxeiner / 8 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Die Autobahn-Semmel

Meine Stammstrecke Augsburg-Berlin schaffe ich nur mit einer Tankpause. Das liegt an meinem alten Volvo, der durstiger ist als das übrige Leichtmetall, das heute unter der Bezeichnung Automobil herumfährt. Damit es nicht langweilig wird, tanke ich jedesmal woanders. Das Benzin ist ja überall das gleiche: Super bleifrei, bitte kein E10, wir sind Karnivoren.

Und damit komme ich auf den Kraftstoff, der dem Reisenden selbst dargeboten wird. In der Glastheke neben der Kasse liegt stets eine Kollektion erlesener Autobahn-Semmeln. Wenn Sie aus dem Rheinland kommen, dann können Sie auch Autobahn-Brötchen sagen, Berliner nennen es wohl Autobahn-Schrippe. Als Bewohner Bayerns bestehe ich allerdings auf Autobahn-Semmel.

Die Autobahn-Semmel entsteht nach einem geheimnisvollen Norm-Verfahren, das sie überall gleich aussehen und gleich schmecken lässt. Ihr Verbreitungsgebiet reicht mittlerweile über Deutschland hinaus. Im Osten kann sie bis kurz vor Warschau angetroffen werden, im Süden bis zum Brenner, im Westen bis kurz hinter Saarbrücken. Im Norden ist der Übergang zur Fisch-Semmel fließend.

Die Autobahn-Semmel zeichnet sich dabei durch eine längliche Form ab, die entfernt an einen Hotdog erinnert. Die Semmel ist stets von blassem Teint, so, als habe sie 14 Tage Urlaub in Draculas Gruft gemacht. Der Graf war bekanntlich in Rumänien ansässig, sein Wirken konnte also nicht durch den Mindestlohn beeinträchtigt werden. Irgendwo muss es begabte Tagelöhner geben, die den Teig für die gemeine deutsche Autobahn-Semmel nach einer backtechnisch ausgefeilten Rezeptur herstellen. Ich tippe auf eine Mischung aus recyceltem Schaumstoff von Geräte-Verpackungen mit einer Prise Weißmehl.

Eine Autobahn-Semmel ersetzt die Grippe-Schutzimpfung

Um die Blässe der Autobahn-Semmel ein wenig aufzuheitern, kommen wahlweise grüne Gurkenscheiben oder ein überbordendes Salatblatt hinzu, als optisches Highlight mitunter auch einige Scheiben von gekochtem Ei. Das Herz der Autobahn-Semmel besteht wahlweise aus gekochtem Formschinken oder Form-Käse. Ich hoffe, für den Formschinken sterben keine Tiere, sie würden nämlich umsonst sterben. Ganz einfach, weil es geschmacklich keinen Unterschied zum Käse gibt. Das ist wie in der Politik: Egal, was man wählt, man kriegt immer das gleiche. Unentschlossene greifen daher meist zu Formschinken mit Käse, gewissermaßen zur großen Koalition.

Zu ihrer vollen Geschmackblüte verhilft der Autobahn-Semmel jedoch eine stets gleiche Mayonnaise beziehungsweise Salatcreme, die anstelle von Butter oder Margarine eingesetzt wird. Dies hat gesundheitliche Gründe. Aufgrund zahlreicher Lebensmittel-Zusatzstoffe ersetzt eine Autobahn-Semmel die Grippe-Schutzimpfung, gerade für ältere Mitbürger empfiehlt sich daher der regelmäßige und vorsorgende Verzehr von Autobahn-Semmeln.

Das Geschmackserlebnis ähnelt zum Auftakt dem einer Wärmedämmplatte aus Styropor in Kombination mit kaltem Wasser (Gurke, Salatblatt). Dann kommt der Belag zum tragen mit einem sympathischen Hauch von rutschfester Gummimatte, mit einem Top von Nitrofen (Ei). Im Abgang hallt dann ein leichter Zitronengeschmack nach, am ehesten einem Erfrischungstuch vergleichbar.

Ab und zu brauche ich ein wenig Abwechslung, dann beauftrage ich das Navigationsgerät, mir eine einsame Tankstelle in Dunkeldeutschland zu suchen. Dort sind noch Verköstigungs-Stationen aufzufinden, die den robusten Charme einer Kantine der Nationalen Volksarmee ausstrahlen. Und dort gibt es keine Autobahn-Semmeln. Stattdessen wird noch die gute alte Bockwurst mit Senf offeriert. Auch die kann ich nur empfehlen, weil sie so kommunikativ ist. Die letzte sprach mit mir von kurz hinter Leipzig bis kurz hinter Nürnberg. Eine Unterhaltung, die ich eindeutig dem Radio-Programm des MDR vorziehe.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (8)
Heiko Stadler / 14.01.2018

Hätten wir doch nur Autobahn-Semmeln im Parlament! Am Streit um Semmel oder Bockwurst ist bisher noch keine Freundschaft zerbrochen. Semmeln erzeugen keine Stichwunden. Gegen Semmeln bzw. deren Beilagen braucht man sich nicht mit Pfefferspray schützen und das Schönste ist - man kann die Semmel einfach aufessen.

Jochen Selig / 14.01.2018

Oh, die Leipzig-Nürnberg-Unterhaltung kann ich bestätigen. Wie ein Backstein.  Sagenhaft!

Klaus Klinner / 14.01.2018

Zuerst dachte ich, der letzte Absatz zu “Dunkeldeutschland” sollte ein Seitenhieb auf unsere stark gealterte Politikprominenz sein und rang mir pflichtgemäß ein müdes Lächeln ab. Bis ich merkte, dass sie ja ausnahmsweise meinten, was sie schrieben. Dann wurde mir doch schwer ums Herz. Fehlte eigentlich nur noch der Hinweis auf die Rentner von Pegida, dann wären wir bei der ZEIT gewesen.

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