Dirk Maxeiner / 25.02.2018 / 06:21 / Foto: Raimond Spekking / 17 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Der Konformisten-Test

Angesichts der Tatsache, dass bei urbanen Trendsettern 70er-Jahre-Autos und Pilotenbrillen wieder hoch im Kurs stehen, fragt sich der damals bereits auf dem Planeten weilende Mensch: Habe ich mich als junger Mensch wirklich so ausstaffiert? Ja, ich habe. Und alle anderen auch. Schließlich konnte ich nicht ahnen, wie komisch so manches ein paar Jahrzehnte später wirken würde. Und das gilt nicht nur für den modischen, sondern auch für den moralischen Zeitgeist. 

Der moralische Zeitgeist gilt zu seiner Zeit stets als ewige Wahrheit. Er ist die Norm dessen, was man zu sagen, zu denken und wie man zu handeln hat. Das wusste schon Goethe, als er zu Protokoll gab: „Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeit lang sein Wesen treibt.“

Wer sich außerhalb stellt, muss mit Sanktionen rechnen. Während der Modemuffel nicht mehr zur angesagtesten Party eingeladen wird, wird der Moralmuffel aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden ausgeschlossen. Was übrigens erstaunlich oft auf das Gleiche herauskommt. Der Freundeskreis wird auf jeden Fall überschaubarer. 

Erinnerungen an die Zukunft

Auf einem Wohltätigkeitsball, neudeutsch „Charity-Event”, sollte man stets die aktuelle Mode und Moral zur Schau stellen. Wenn Sie heute schon einen Geschmack davon bekommen wollen, was dereinst als für die Zeit typischer geistiger Bullshit erinnert werden wird, gehen Sie am besten zu einer Fernsehpreis-Verleihung. „In Zeiten wachsender Unübersichtlichkeit braucht es glaubwürdige Persönlichkeiten vor der Kamera“, hieß es beispielsweise in der Ankündigung für den Deutschen Fernsehpreis für die beste Moderation einer Informationssendung. Das wirkt heute schon ein wenig gewagt, in 20 Jahren wird es der Brüller sein. Wenn man diesen Typus von glaubwürdiger Persönlichkeit beispielsweise im Interview mit Sebastian Kurz, dem jungen österreichischen Kanzler sieht, ahnt man, dass die herrschende Weltsicht bereits ins Abklingbecken befördert wird.

Bislang hat die Eroberung der kulturellen Hegemonie durch einen linksgrünen Zeitgeist allerdings rundum geklappt: Von den Medien bis zur Oper, vom Tatort-Krimi bis zu den kirchlichen Institutionen. Dazu kommen grauhaarige Lichtgestalten aus dem christlich-konservativen Lager, die sich im Wohlwollen des medialen Juste Milieu sonnen möchten und sich mit politisch korrekten Anbiederungen ranschmeißen an, wo es nur geht.

Der heute vorherrschende Typus ist jedoch meist jünger, viel unpolitischer, viel konformistischer. Diese Herrschaften haben nicht nur Parteien, sondern auch weite Kreise der Wirtschaft erobert. Sie sehen aus wie smarte Fondsmanager und ihre Moral ist stets genauso frisch gebügelt wie ihre weißen Hemden. Ihr höchstes Ziel ist es, die tadellose Gesinnung stets sauber und unbefleckt zu halten.

Aber es führt kein Weg daran vorbei: In 20 oder 30 Jahren wird man die heutige Mode belächeln. Möglicherweise wird man auch den Kopf schütteln. Genau wie wir den moralischen Zeitgeist vergangener Tage in all seiner Fehlerhaftigkeit analysieren, werden dies künftige Generationen mit den heute herrschenden Ansichten tun. Diejenigen, die die gegenwärtige deutsche Politik für alternativlos und ein moralisches Gebot der Stunde halten, würden sich womöglich sehr wundern, was diese künftigen Generationen dereinst von ihnen halten. 

Der prüfende Blick über die Schulter

Der amerikanische Essayist Paul Graham hat das mal so formuliert: „Es scheint eine unveränderliche Tatsache der Geschichte zu sein: In jeder Epoche haben Leute Dinge geglaubt, die einfach nur lächerlich waren, und die so fest geglaubt wurden, dass man in entsetzliche Schwierigkeiten gekommen wäre, falls man etwas anderes geäußert hätte.” Die Tatsache auszusprechen, dass die Erde um die Sonne kreist, war einst eine äußerst gewagte Angelegenheit.

Jeder Zeitgeist hat seine Tabus und Dinge, die man besser nicht ausspricht. Heutzutage droht gottlob keine Inquisition mehr, aber durchaus eine Menge Ärger. Doch was genau straft der heutige Zeitgeist ab? Bei der Antwort hilft eine einfache Frage: Gibt es irgendwelche Dinge, die Sie ausgesprochen ungern öffentlich äußern würden? Gibt es Dinge, die Sie an einem öffentlichen Ort nur aussprechen, nachdem Sie sich umgeschaut haben, und prüfen, ob ein Unbefugter zuhört? Und die Sie nur mit gesenkter Stimme weitergeben? Man nennt das wohl auch den DDR-Blick. Als Wessi kannte ich ihn über viele Jahre nicht, habe es aber vor ein paar Jahren erstmals in Lukaschenkos Weißrussland erlebt. Um über Politik zu sprechen, ging man mit mir in eine Bierschwemme, weil es da so schön laut ist.

Wenn Sie öfter Sachen denken, die Sie nicht laut auszusprechen wagen, müssen Sie sich nicht unbedingt Sorgen machen. Sie können sie ja für sich behalten und in stiller Distanz zum Zeitgeist verharren. Eher nachdenklich sollten Sie werden, wenn Sie alles, was Sie denken, überall gefahrlos hinausposaunen können. Höchstwahrscheinlich reden Sie dann genau das, was man so reden sollte. Die Wahrscheinlichkeit ist dann ziemlich hoch, dass Sie auch in der Vergangenheit stets das geglaubt hätten, was der Zeitgeist vorschrieb. Und das, was Sie so laut verkünden, dereinst als exemplarische Verirrung betrachtet wird.

Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 3.0 via Wikimedia

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Leserpost (17)
Werner Arning / 25.02.2018

In jeder Epoche gab es Menschen, die die Relativität des gerade vorherrschenden Zeitgeistes durchschauten und sich von diesem nicht anstecken ließen. Es waren Menschen, deren „geistig-moralisches“ Rüstzeug ausreichend bestückt war, um sich tatsächlich eine eigene Meinung zu bilden. Das war nicht selten lebensgefährlich. Mindestens hatte es den sozialen Ausschluss zur Folge. Doch waren dieses häufig Menschen, die nicht anders konnten. Selbst wenn sie gewollt hätten, es hätte nicht geklappt. Sie durchschauten zu viel, verstanden zu viel, und wenn sie nicht das Glück hatten, Gleichgesinnte zu finden, vereinsamten sie, landeten in Gefängnissen, auf dem Scheiterhaufen oder am Galgen. Oder sie schafften es doch, sich anzupassen, hielten den Mund und würden unglücklich. Die Bibel meint, wenn sie von Propheten spricht, möglicherweise diesen Typus Mensch. Typen, die auf die Gefahr hin des eigenen Unterganges, den Leuten „ihre“ Wahrheit mitteilten. Jedenfalls gab es sie wohl immer schon. Die, die dem Zeitgeist widerstehen.

Geert Aufderhaydn / 25.02.2018

Das oben zitierte Interview Maischberger/Trittin/Kurz hat einen Platz im Geschichtsbuch verdient: was Trittin absondern wüde, war von vornherein klar. Dieser blutjunge Kurz ist in seiner Gelassenheit aber geradezu übermenschlich. Und Maischberger bleibt, was sie schon immer war: eine Systemschnalle, die gerade wegen ihres Konformismus vom Apparat mit Ehrungen überhäuft wird. Fast ein “Held der Arbeit”, obwohl das schon wieder die tatsächlichen Helden der Arbeit beleidigt, die nie für etwas anderes als für ihre Arbeit gefeiert wurden. Maischberger dürfte ahnen, daß der Wind bald aus einer anderen Richtung weht. Spannend, zu sehen, wie sie jetzt verfährt - versucht sie eine Kehrtwende?  Elegant dürfte die kaum ausfallen. Oder legt sie sich das Image der knorrigen Überzeugungstäterin zu, Motto: hier stehe ich, ich kann nicht anders. Fragen über Fragen . . .

Robert Hientz / 25.02.2018

Weise Worte

Ronny Habermann-Curie / 25.02.2018

Der Haltungs-Journalismus ist das große Dilemma, weil er immer noch den Ton angibt. Mir macht nicht die Tatsache Angst, dass fast alle Presseleute und TV-Reporter in Umfragen angeben, dem linksgrünen Spektrum anzugehören. Mich fröstelt es zu wissen, dass all diese selbstgerechten Gesinnungstäter beim geringsten Sturm einknicken und Positionen vertreten würden, die von 33-45 opportun war. Es gibt schon heute zu viele Pa­r­al­le­len. Der wahre Mob sitzt in den Redaktionen.

Elmar Schürscheid / 25.02.2018

Bravo, ich würde lachen wenn es nicht so ernst wäre. Jetzt schön ein Kaffee und ein Frühstück. Sie haben meinen Sonntag aufgewertet. Moment, ich schau mich noch mal um ob meine Frau nicht mitkriegt was ich schreibe. Nee, die Luft ist rein. Man kann ja nicht genug aufpassen heutzutage.

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