Dirk Maxeiner / 28.01.2018 / 06:25 / Foto: Pixabay / 10 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Das Untier des Jahres

Nachdem das Unwort des Jahres („alternative Fakten“) mit großem Erfolg ausgerufen wurde, möchte ich hiermit einen neuen Verdienstorden proklamieren: Das Untier des Jahres. Die Anzahl der Beine ist dabei nicht vorgeschrieben, es können zwei, vier, sechs oder auch mehr sein. Der erste Preis wird in diesem Jahr verliehen an – Trommelwirbel – : Die Wildsau.

Zumindest in Bayern kommt die Wildsau in zweibeiniger und vierbeiniger Form vor, sowie in allen Geschlechtsidentitäten, über deren Zahl ich gerade den Überblick verloren habe. Die Auszeichnung ist auch nicht diskriminierend, selbst bei der zweibeinigen Wildsau schwingt in Süddeutschland stets etwas Anerkennendes mit. Es handelt sich um ein Wesen, das durch eine gewisse Unangepasstheit, Mut sowie rustikale Manieren auffällt. Franz Josef Strauß beispielsweise war eine klassische Wildsau, alles was danach kam, verdient diesen Begriff nicht mehr, ein Löwe als Bettvorleger ist keine Wildsau.

Mein Preis für das Untier des Jahres geht deshalb an die vierbeinige Wildsau, auch Schwarzkittel genannt. Sie fällt den Bewohnern Deutschlands seit einiger Zeit durch Hausbesuche auf, wobei sie nicht besonders höflich anklopft, sondern gleich mit der Tür eintritt. Sie will die Bewohner auch nicht in ein religiöses Fachgespräch verwickeln, verwechseln sie sie also nicht mit diesen netten Mormonen mit ihren Konfirmationsanzügen.

In meiner Nachbarschaft wurde sie unlängst auch durch das Vorsprechen in einer Apotheke und einem Modegeschäft auffällig. Wildsäue haben ganz eigene Vorstellungen von einer passenden Möblierung und tendieren dazu, die Einrichtung ein wenig neu anzuordnen. Sie orientieren sich dabei an der Lehre des Feng Shui. Das sind laut Schöner-Wohnen-Magazinen unterschiedliche Einrichtungsmethoden, welche den Fluss der Lebensenergie Chi anregen. Die Wildsau liebt es kleinteilig.

Größtes Sauenzuchtprogramm aller Zeiten

Ich selbst traf kürzlich eine ganze Großfamilie. Ich fuhr in tiefer Nacht durch das Donau-Ries, rechts und links der Straße ein Spalier von Maisfeldern. Nebel waberte über die Fahrbahn und ich erkannte im Scheinwerferkegel zwei leuchtende Augen, ein Paar etwa 15 Zentimeter lange Stoßzähne und etwa 200 Kilo Lebendgewicht, die relativ gemütlich über die Straße trotteten. Ich stoppte das Auto sofort, denn das war nur die Vorhut, also der Chef oder die Chefin der Sippe. Ein paar Sekunden später erfolgte der galoppierende Familiennachzug. Wildsäue haben sehr eigene Vorstellungen von der Straßenverkehrsordnung.  Wenn Sie einmal sehen wollen, wie so etwas vonstatten geht, dann können Sie das in diesem herrlichen Video anschauen.

Wildschweine lieben Maisfelder. Die Sau betrachtet die Energiepflanzen richtigerweise als Kraftfutter. Außerdem ist sie darin vor dem Jäger und seinem Schießgewehr sicher. Die großflächigen deutschen Maisplantagen, die Nachschub für Biogasanlagen liefern sollen, gelten als einer der Gründe, warum sich die Wildsäue in unserem Land vermehren wie die Karnickel (wobei sie diesen entwürdigenden Vergleich natürlich von sich weisen würden). „Wir haben das Umland in ein Schweineparadies verwandelt. Wir bauen um ein zigfaches mehr Mais an als früher. Und Wildschweine lieben Mais", sagt beispielsweise Derk Ehlert, er ist so eine Art Wildschweinbeauftragter der Stadt Berlin. Einfach gesagt: Die deutsche Energiewende ist das größte Wildsau-Zuchtprogramm aller Zeiten.

Die Abschusszahlen von Wildschweinen haben sich in den letzten Jahrzehnten verzehnfacht, jährlich werden derzeit etwa 600.000 Wildsäue zur Strecke gebracht. Das gibt nur Auskunft über den Trend der Populationsentwicklung – wieviele Wildsäue insgesamt tatsächlich unter uns weilen, weiß kein Mensch, denn diese Untiere verweigern jegliche Volkszählung. Der Datenschutzbeauftragte hätte seine Freude an ihnen.

Nachdem unsere kluge Regierung zuerst Prämien für den Anbau von Mais ausgelobt hat, werden jetzt Prämien für den Abschuss von Wildsäuen bezahlt. In Hamburg gibt’s 100 Euro Kopfprämie, in Niedersachsen 50 Euro. Ein wenig als Problem gilt dabei: Je mehr Wildsäue abgeschossen werden, desto schneller vermehren sie sich in ihren maisgeschützten Lottersuhlen. Als Überträger der afrikanischen Schweinegrippe machen sie sich bei den Bauern gerade zusätzlich unbeliebt.

Lösung a la Kim Jong-un

Hier deshalb kurz mein aktueller Energiewende-Wildsau-Bericht: Erst subventioniert unser geschäftsführendes Fachpersonal per Energiewende gigantische Maisanplantagen. Daraufhin explodiert die Wildschwein-Bevölkerung. Nun korrigieren wir die erste Fehlentscheidung mit der nächsten Fehlentscheidung. Wir subventionieren jetzt den Abschuss von Wildsäuen. Woraufhin sie sich noch schneller vermehren. Ich fürchte, dieser Rüstungswettlauf spitzt sich zu und strebt einer Lösung a la Kim Jong-un zu. Final wird es auf eine Wildsau-Neutronenbombe zur Rettung der Energiewende hinauslaufen. Es wäre ja ohnehin am besten, das Land zur Erreichung der Klimaziele komplett stillzulegen. Vielleicht überlassen wir die Republik aber auch ganz einfach den Wildsäuen. Die sehen allerdings so aus, als ob sie rechts wählen würden.

Nehmen wir einmal an, es gibt nur dreimal so viel Wildsäue, wie jährlich abgeschossen werden, dann wären das knapp zwei Millionen Schwarzkittel. Bei rund 80 Millionen Einwohnern kommt also eine Wildsau auf 40 Bundesbürger (zweibeinige Wildsäue nicht eingerechnet). Sollte es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen kommen, sehe ich schwarz. Wildsäue sind paramilitärisch geschulte Zeitgenossen, sozusagen die GSG 9 im deutschen Wald.

Mein schönstes Wildsau-Erlebnis hatte ich aber nicht in Europa, sondern im afrikanischen Namibia. Da verbrachte ich vor vielen Jahren ein paar Tage auf der Okonjima-Farm, die damals ein paar Zelte als Unterkunft für Touristen vermietete. Zum Personal gehörte ein zahmer Pavian namens Elvis, ein junger Löwe namens Matata sowie ein Warzenschwein, genannt Miss Piggy. Alle drei hatten keine besonders guten Manieren.

Piggy besaß den Augenaufschlag einer Operndiva

Der Pavian hielt sich für Clint Eastwood. Während meines Besuches hat er einer Besucherin an den Haaren gezogen, das Abendessen geklaut und einen Fotografen in den Hintern gebissen. Matata, der junge Löwe war nur faul. Ein typischer Dialog des Farmer-Ehepaars zu dem Nichtsnutz: Sie: „Übrigens Dein Löwe liegt unter unserem Bett und furzt“. Antwort er: „Es ist auch Dein Löwe“. Ja und jetzt raten Sie mal, wer Herrscher im Ring war: Natürlich Miss Piggy, das Warzenschwein.

Piggy besaß den Augenaufschlag einer Operndiva, sah aber ansonsten aus wie der Glöckner von Notre-Dame. Im übrigen war sie ein als Warzenschwein verkleideter Wachhund. Sie hatte den hinteren Hof samt Lieferanteneingang unter sich. Sie raste ständig umher, wobei ihr Schwanz senkrecht in der Luft stand wie eine Funkantenne. Ich habe immer nach jemandem Ausschau gehalten, der die Fernsteuerung für dieses Viech betätigte. Da war aber keiner. Besonders nachts auf dem alkoholschweren Weg vom Farmhaus zum Zelt.

Da donnerte eine riesige schwarze Billiardkugel an mir vorbei, wendete und suchte mich nach Möhren ab. Vorsorglich hatte man mir eine Karotte mitgegeben. Nach Übergabe des Lösegelds durfte ich passieren. Miss Piggy machte mir daraufhin jeden Abend ihre erpresserische Aufwartung. Wildsäue lernen extrem schnell. Sie wissen beispielsweise, wie man Türklinken runterdrückt, und vererben dieses Können sogleich der Brut. Lassen Sie also niemals eine Wildsau hinters Steuer ihres Autos. Es passiert doch auch so schon genug.

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Leserpost (10)
Jochen Brühl / 28.01.2018

Sehr schöner Beitrag. Ich würde ihn gerne an meine Schwester weiterleiten, die mir gerade das neuste Buch von Ranga Yogeshwar zum Geburtstag hat zukommen lassen, weil es auf der Bestseller-Liste stehen soll. Das soll ich nun lesen, obgleich bei mir die Listung auf einer deutschen Bestsellerliste (womöglich noch die des Spiegel) eigentlich die sicherste Garantie dafür ist, ein solches Buch nicht zu lesen.  Das mit der Weiterleitung lasse ich mal besser sein, da sich dieser Beitrag mit den klimareligiösen Thesen eines Yogeshwar sicher nicht verträgt.

Karla Kuhn / 28.01.2018

“Franz Josef Strauß beispielsweise war eine klassische Wildsau, alles was danach kam, verdient diesen Begriff nicht mehr, ein Löwe als Bettvorleger ist keine Wildsau.” Ach, kann ich herzlich lachen, herrlich. Der Bettvorleger gefällt mir soooo gut. “...Wildsäue haben ganz eigene Vorstellungen von einer passenden Möblierung und tendieren dazu, die Einrichtung ein wenig neu anzuordnen. Sie orientieren sich dabei an der Lehre des Feng Shui. Das sind laut Schöner-Wohnen-Magazinen unterschiedliche Einrichtungsmethoden, welche den Fluss der Lebensenergie Chi anregen. Die Wildsau liebt es kleinteilig.” Mein Fluß der Lebensenergie Chi wird durch Ihren köstlichen Artikel angeregt.  “Hier deshalb kurz mein aktueller Energiewende-Wildsau-Bericht: Erst subventioniert unser geschäftsführendes Fachpersonal per Energiewende gigantische Maisanplantagen. Daraufhin explodiert die Wildschwein-Bevölkerung. Nun korrigieren wir die erste Fehlentscheidung mit der nächsten Fehlentscheidung. Wir subventionieren jetzt den Abschuss von Wildsäuen. Woraufhin sie sich noch schneller vermehren. Ich fürchte, dieser Rüstungswettlauf spitzt sich zu und strebt einer Lösung a la Kim Jong-un zu. Final wird es auf eine Wildsau-Neutronenbombe zur Rettung der Energiewende hinauslaufen. Es wäre ja ohnehin am besten, das Land zur Erreichung der Klimaziele komplett stillzulegen. Vielleicht überlassen wir die Republik aber auch ganz einfach den Wildsäuen. Die sehen allerdings so aus, als ob sie rechts wählen würden.”  ....als ob sie rechts wählen würden, Fachpersonal , die ganze Schminke ist weggelacht. Vielleicht sollten Sie, Herr Maxeiner, zusammen mit Herrn Broder einen kabarettistischen Abend veranstalten, der wird mit Sicherheit ein großer Erfolg aber bitte die Taschentücher am Eingang nicht vergessen.

Lutz Muelbredt / 28.01.2018

Zumindest sorgt die gemeine Wildsau dafür, die geschmacklichen Präferenzen des Wolfes für Süßfleisch im Zaume zu halten. Sozusagen eine saugute Sicherheitspartnerschaft.

Werner Arning / 28.01.2018

Mein Onkel Josef, der bereits die russische Gefangenschaft überlebt hatte und sich Zeugenberichten zufolge, mehr oder weniger zu Fuß bis zu seinem westfälischen Heimatdorf durchgeschlagen haben soll, hatte mit einem Keiler (männliches Wildschwein) folgendes Erlebnis. Er passierte während einer Treibjagd. Onkel Josef stand in einem tiefen Graben und sah diesen Keiler auf ihn zulaufen. Es blieben ihm zwei Handlungsoptionen. Entweder zu versuchen wegzulaufen, oder in aller Schnelle die Schrotpatrone seiner Flinte gegen eine großkalibrige Kugel zu tauschen. Er entschied sich für zweite Option. Der Schuss traf das Schwein zwischen die Augen und es kam vor seinen Füßen zum Liegen. Kein Jägerlatein.

Andreas Geisenheiner / 28.01.2018

Man darf es 3x lesen, um alle sa"tierische”  Raffinesse zu erfassen. Aber einen besseren Lösungsvorschlag als Neutronenbomben gegen das lottersulige demografische Untierverhalten hätte ich schon. Man muss den 4-beinigen Untieren nur ihre Geschlechtervielfalt klarmachen. Das war doch schon bei den 2-Beinern erfolgreich! Ansonste ein toller MAXEINER-Danke!

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