Dirk Maxeiner / 08.01.2017 / 06:30 / Foto: Tim Maxeiner / 2 / Seite ausdrucken

Der Sonntagsfahrer: Alles egal, nur die Wellen nicht

Mein Sohn entzog sich schon vor längerer Zeit dem deutschen Jammertal und desertierte nach Kalifornien. Das macht Familienausflüge zu etwas längeren Episoden, ich erfahre dabei aber immer wieder interessante Neuigkeiten. So entspricht das Bild des Surfers, das in hiesigen Lifestyle-Medien verbreitet wird, nicht unbedingt den Tatsachen. Der durchschnittliche kalifornische Lokalmatador empfängt den Fremden nicht etwa mit einem strahlenden „Welcome“, sondern haut ihm sein Brett auf die Nuss, weil Neuzugänge in seinem Revier absolut nichts zu suchen haben. Die guten Wellen sind alle in Privatbesitz. Wiki-USA schreibt: "Localism or territorialism is a part of the development of surf culture in which individuals or groups of surfers designate certain key surfing spots as their own". Wenn Du Glück hast, zerstechen sie dir nur die Reifen. Womit wir bei den Automobilen dieser von den Umgangsformen her eher groben Spezies sind.

Ein Surfer-Auto erkennt der Eingeweihte mit verbundenen Augen. Er riecht es sofort. Es ist der unverkennbare Geruch von Sand, nassen Socken und leeren Pizzaschachteln. Für Normalsterbliche erinnert das an einen ungelüfteten Schlafsaal in der Jugendherberge. Der Geruch von Salzwasser, Abenteuer und einem undichten Benzinschlauch ergeben ein sehr spezifisches Geruchsbild. Denn Surfern ist eigentlich alles egal außer dem Surfen. Und so ist das typische Surf-Mobil auch ein Alles-Egal-Auto.

Es sollte lediglich einige praktische Voraussetzungen mitbringen: Ein paar Bretter sollten locker reingeworfen werden können. Ja reingeworfen, nicht aufs Dach geschnallt. Das ist eigentlich uncool, der wahre Surfbump bleibt lieber unerkannt. Und eine Matratze sollte idealerweise auch noch reingezwängt werden können. So kann man morgens um 5:30 Uhr als erster den Swell beobachten. Das Auto sollte billig sein, damit es für die Pizza oder einen Tacco reicht. Und es sollte nicht viel Sprit schlucken: Kalifornien ist nix für Fußgänger und die wirklich guten Spots liegen oft weit ab vom Schuss. Also: Wer viel Geld für sein Auto ausgibt, macht sich verdächtig. So jemand hat einen guten Job, womöglich schon mal ein Buch gelesen und somit zu wenig Zeit für Wellen. Woraus die Regel folgt: Je breiter die Reifen, desto schlechter der Surfer.

Beim Schrottdealer am unbeleuchteten Ende der Straße

Aber wie kommt es dann, dass man auf den schönen Büchern und Filmen immer so wunderbare Autos sieht? Alte Chevys, VW-Käfer und -Busse, ja sogar Hotrods? Ganz einfach: Zu Ihrer Zeit waren das schlampige Gebrauchtwagen oder zusammengeflickte Ersatzteillager. Nichts wert, keiner wollte sie haben. Die Surfer erwarben diese Autos nicht aufgrund ihres erlesenen Geschmacks, sondern weil sie kaum was kosteten. Die legendären „Woodys“ (Kombis mit holzverkleidetem Stauraum) aus den 30er und 40er-Jahren gingen in den 50er Jahren für 75 Dollar über den Tisch. Fündig wurde man beim Schrottdealer am unbeleuchteten Ende der Straße.

„Well it ain’t got a backseat or a rear window/But it still gets me where I want to go, singen „Jan and Dean“ in dem Movie „Surf-City“. Die Surf-Culture begann als Provokation des geordneten Bürgertums. Dazu passte, dass man sich seiner ausgemusterten Blechkisten bemächtigte. Mancher bemalte sie dann auch noch von Hand. Gregg Noll ein Pionier des Big-Wave Surfing dekorierte seinen fahrbaren Untersatz mit indischen Swastikas (spiegelverkehrte Hakenkreuze): „Just to piss people off“.

Nicht vergessen, die Heckscheibe rauszuhauen

Die „Woodys“ von heute sind ungepflegte Pickups, gut abgehangene Ford- und Chevy-Vans, aber auch Toyotas, Nissans oder Hondas mit wenig Profil auf den Reifen und papierdünnen Bremsbelägen (und nicht vergessen die Heckscheibe rauszuhauen, damit das Surfbrett reinpasst). Rost blüht auf den Parkplätzen über den Surfspots wie die Mandelbäume am Mittelmeer. Die salzige Luft des Pazifik hinterlässt auf dem Blech ihre eigene abgefahrene Ästhetik, wer weiß vielleicht wird das in 25 Jahren auch in den bürgerlichen Lifestyle heimgeholt.

Die Autos mögen sich ändern, die Rituale um sie herum bleiben jedoch weitgehend gleich. Da wäre zunächst die „Parking-Lot-culture“. Surfen besteht in erster Linie aus Warten. Und wer nach dem perfekten Swell Ausschau hält, tut das am besten schön windgeschützt auf dem Parkplatz über der Klippe. Da stehen die Surfmobile dann, Schnauze zum Meer, Seitenscheiben runtergelassen. In der Hand eine Dose Bier oder ein Thermobecher mit Kaffee, werden durch die Seitenscheibe ab und zu ein paar Worte zum Nachbarn rübergeworfen. Ein sehr lakonischer Zustand. Kurz vor Sonnenuntergang wird es mitunter sogar richtig gesellig. Dann trocknen die Neoprenanzüge auf dem Dach. Und die Pickups lassen die Heckklappe herunter, auf der man sich zur „Tailgate-Party“ versammelt. Über Autos wird da nicht geredet. Die sind egal.

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (2)
Hans Meier / 08.01.2017

Danke, ich fühle mich wohl, und erinnert. In der Dämmerung des Morgens zum Brouwersdamm gezuckelt, den Wohnwagen mit den Kleinen und meiner Frau hinten am Kombi mit dem Brett auf dem Dach, um den besten Platz zu besetzen, derweil die anderen noch schliefen. Denn das, kann ich auch mit Sicht auf die Nordsee, wo ich auf den frischen Wind wartete, um weit draußen nach Sandbänken Ausschau zu halten, auf denen bei Ebbe, die Seehunde und wir Surfer, rasteten. Bei zu wenig Wind wurde halt was anderes unternommen, es wurden Drachen für die Kleinen gebaut, oder man stellte die Radlager-Spiele nach, oder wechselte die Brems-Belege, denn man hatte ja Zeit zur Verfügung und nutzte sie.

MELIORA SPERO / 08.01.2017

„Localism or territorialism is a part of the development of surf culture in which individuals or groups of surfers designate certain key surfing spots as their own“. Hier zeigt sich deutlich, wie Menschen spontan und ohne staatliche Organisation ticken.  Revier und Ressourcen (und wenn es nur die Welle am Strand ist) werden von jedem Menschen beansprucht und sind immer Anlass für Auseinandersetzungen. “Mitmachen” für alle und überall funktioniert eben einfach nicht.  Nur räumliche Trennung der unterschiedlichen Lager und ihrer Interessen kann das Ganze in einer einigermaßen friedlichen Balance halten.  Ein Fremder kann vielleicht noch spontan mitsurfen, mehrere sind schon eine parallele Gruppe und damit Bedrohung. Und aus anderer Warte gesehen, ist dieses ein überall geltendes Prinzip.  “Integration” ist immer nur eine Definition und bemisst sich nach der Größe der akzeptierten “Parallelgesellschaften”. Ob das Parallelgesellschaften innerhalb eines Staates, parallel existierende Nationalstaaten oder parallel existierende Wirtschaftsvereinigungen sind, ist egal. Das Prinzip ist immer das Gleiche: Abgrenzung ist notwendig, ohne Grenzen geht es nicht. Und um wieder zum Anfang zurückzukommen:  Spontan wird eben nicht jeder willkommen geheißen, sondern die Grenze aufgezeigt. Hier gibt es ein “Brett auf die Nuss”. Größere Gruppen machen vielleicht Zugangsregeln und kassieren Strandgebühr usw.  Wer die Mechanismen des Grenzenaufzeigens versteht, kann die Form beeinflussen. Wer sie für entbehrlich hält, kriegt selbst ein Brett auf die Nuss und muss sein Revier abgeben.

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