Tamara Wernli / 16.02.2017 / 17:48 / Foto: LEWEB PHOTOS / 7 / Seite ausdrucken

Der scheinheilige Maulkorb für Milo Yiannopoulos

Redefreifreiheit ist, wenn man einen Provokateur an einem Event auftreten lässt. Das dachte sich auch die University of California in Berkeley und genehmigte neulich den Auftritt von Milo Yiannopoulos. Die Hysterie seiner Gegner gipfelte in einer Hexenjagd.

Milo, 33, ist Autor beim rechtskonservativen Webportal Breitbart, bekennender Schwuler und Trump-Wähler. Er tingelt mit seiner "Dangerous Faggot"-Tour durch Amerikas Universitäten; weil seine Auftritte eine Mischung aus Vortrag und Unterhaltung sind, hat er oftmals Lacher auf seiner Seite. Wegen seiner provokativen Ansichten ("Radikaler Feminismus ist ein Krebsgeschwür für Männer " oder "Der Islam ist bösartig, weil er in einigen Ländern Homosexuelle wie mich mit dem Tod bestraft") wird er von der Opposition Hassprediger genannt, Rassist, Sexist, weisser Unterdrücker, Nazi. Der Nazi-Vergleich ist ja heute wie eine Trumpfkarte – er sticht alle Argumente aus, legitimieret offenbar alle Gewalt.

Wenn man sich Vorträge von Milo ansieht, hat man nicht den Eindruck, dass hier ein Monster am Werk ist. Er hat nicht vor, den dritten Weltkrieg anzuzetteln, er will keine Zivilisation auslöschen. Milo ist ein selbstverliebter, extrovertierter Typ, der sich mit teils nachvollziehbaren, teils beleidigenden, nicht plausiblen, aber mit gewaltfreien Argumenten gegen politische Korrektheit stellt, den Feminismus und die Black-Lives-Matter-Bewegung.

Die Uni-Administrationen kuschen vor protestierenden Aktivisten

Weil einige hundert Menschen seine Ansichten nicht hören wollten, und eine konstruktive Debatte mit einem angriffslustigen rechten Aktivisten für sie ganz offensichtlich die Apokalypse herbeiführt, schlugen sie Scheiben ein, zündeten Holzpaletten an, warfen Molotowcocktails, stürmten Gebäude. Milo musste evakuiert werden, Trump stellte daraufhin die öffentlichen Gelder der Uni Berkeley in Frage. Die New York Times twitterte gross die Schlagzeile: "Präsident Trump empört, dass Berkeley die Rede des rechten Yiannopoulos absagte." Die Ausschreitungen waren ihr eine kleine Erwähnung darunter wert.

Trump ist nicht der einzige, der laut darüber nachdenkt, den Universitäten Geld zu entziehen. Gemäss einem Artikel der New York Times vom vergangenen August streichen immer mehr Alumni ihre finanzielle Unterstützung, weil sie mit "der gegenwärtigen Kultur an Universitäten" nicht mehr einverstanden sind. Zu den Beanstandungen zählen: Die Redefreiheit ist gefährdet; die Administration kuscht vor protestierenden Aktivisten; Studenten sind zu sehr eingebunden in Rasse- und Identitäts-Politik. Ein Amhurst-Absolvent fasste es so zusammen: "Universitäten sind heute eingewickelt in diese politisch aufgeladene Mission, anstatt eine Institution der höheren Bildung zu sein. […] Wenn Studenten und Administration so viel Zeit mit Hexenjagd verbringen, geht viel von der intellektuellen Stärke verloren."

Man kann mit den Ansichten eines Milo Yiannopoulos übereinstimmen oder nicht. Fakt ist, auch Provokateure dürfen ihre Thesen öffentlich darlegen. Der linke Mob, pardon, die Demonstranten, die sich gerne als Vertreter einer gerechten, liberalen und toleranten Gesellschaft sehen, greifen Menschen an, zerstören Eigentum, halten einen Redner gewaltsam von seinem Auftritt ab und nennen diesen einen Nazi. Mangelt es an intellektueller Stärke, bringt man eben leicht etwas durcheinander. Eines aber haben sie mit ihren Gewalteskapaden erreicht: Milos Bekanntheit hat es zweifellos um ein Vielfaches gesteigert.

Tamara Wernli arbeitet als freischaffende News-Moderatorin und Kolumnistin bei der Basler Zeitung. Dort erschien dieser Beitrag auch zuerst. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gender- und Gesellschaftsthemen.

Leserpost (7)
Jürgen Althoff / 17.02.2017

Soviel ich weiß, ist er Engländer, kann also nicht Trump-Wähler, sondern nur Trump-Unterstützer gewesen sein.

K. Baumann / 17.02.2017

MILO,  wie er verkürzt genannt wird,  hat etwa die Wirkung eines Dieter Hildebrandt (Lach-und Schieß) bei solchen Vorträgen. Nur, dass MILO im ggs. zu Hildebrandt wie—damals in der Schickeria schick—nicht linkslastig ist. Im Grunde s a r g t er seine Demonstranten mit Zahlen und Fakten, mit Kritik und sogar Selbstkritik,  derartig ein, dass sich manche wünschen niemals vom Stuhl aufgestanden zu sein. So sah ich in einem Video-Stream arabisch verhüllte Frauen, deren Anwesenheit nicht zufällig war,  entnervt protestieren und dann noch entnervter den Saal zu verlassen.  Und MILO hatte sie doch gar nicht unsittlich tangiert !  Bedenktlich ist, dass der Saal auch Innen von ordentlicher Polizei geschützt wurde.  Die Charakteristik der Demonstranten, wie sie Roger Köppel in WELT / N24 vom 12.2.17 so drastisch beschrieb, nämlich als die Nachfolger untergehender 68-er,  scheint zuzutreffen. Es ist gut, dass uns Frau WERNLI daran erinnert, was Demokratie-Feinde mit uns vorhaben,  wenn sie uns heimsuchen dürften.  Das ist stalinistisch.

Elmar Schlürscheid / 17.02.2017

Bin gespannt wann in Deutschland das Rechtsfahrgebot aufgehoben wird!?!

Peter Bekker / 17.02.2017

Winston Churchill: ‘the new fascists will call themselves anti-fascists’.

Martina Schulze / 16.02.2017

Wenn Milo Britischer Staatsbürger ist, wie kann er dann Trump-Wähler sein?

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