Peter Grimm / 14.02.2018 / 12:00 / 9 / Seite ausdrucken

Der Pressekodex beim hessischen Kindergeburtstag

Sie wissen ja, dass der Pressekodex des Deutschen Presserats den Journalisten anempfiehlt, die Herkunft von Tätern oder Tatverdächtigen möglichst unerwähnt zu lassen, um den Ruf besonders schützenswerter ethnischer Gruppen nicht böswilligen Vorurteilen auszusetzen. Dass den Berichterstattern dann von manchen Lesern das Verschweigen von Tatsachen vorgeworfen wird, ist höchst ungerecht, denn diese Nicht-Information greift ja zum einem aus einem moralisch wertvollen Grunde und zum anderen nur dann, wenn der Informationsverwalter entscheidet, dieser Fakt wäre zum Verständnis der Story irrelevant.

Soll man sich deshalb nun bevormundet fühlen? Etwa gar Anspruch darauf erheben, dass man sich erwachsen genug fühlt, selbst zu entscheiden, welche Information für einen relevant ist und welche nicht? Ist es nicht undankbar, darauf zu bestehen, dass Berichterstatter Informationen ausgraben, zusammentragen, verbreiten, nicht aber vergessen sollen? Immerhin machen sich die Kollegen in jedem Einzelfall die Mühe, zu entscheiden, wie betreut die Berichterstattung sein muss.

Zwei Gruppen in Schwalmstadt

Die WAZ beispielsweise verbreitet diese dpa-Meldung aus Schwalmstadt, wobei wir jetzt nicht genau wissen, ob sich im konkreten Fall nun die Kollegen der Zeitung oder der Agentur um die Informationsbetreuung gekümmert haben:

In Nordhessen ist eine Kindergeburtstagsparty eskaliert: Bei einem Streit zwischen zwei Gruppen wurden Erwachsene und Kinder verletzt.

Eine Kindergeburtstagsfeier in Nordhessen ist in einer Schlägerei geendet. Wie die Polizei am Montag mitteilte, wurden am Samstag mindestens drei Erwachsene und vier Kinder leicht verletzt. Mehrere Betroffene hätten daraufhin die örtliche Polizeistation in Schwalmstadt aufgesucht und Strafanzeige erstattet.

Der Rettungsdienst versorgte die Verletzten. Ursache war ein Streit, der wahrscheinlich unter zwei Gruppen ausgetragen worden sei. Worin die Auseinandersetzung bestand, blieb zunächst unklar.

Heutzutage kommen eben manchmal Gruppen zu Kindergeburtstagen, die neben Topfschlagen auch Faustkämpfe mögen und zwar so lange, bis der Arzt kommen muss. Auch die Partys für die Kleinen verlaufen nun einmal etwas anders als früher, der hessische Kindergeburtstag verändert sich. Wenn Sie jetzt wissen wollen, welche Gruppen nun Kindergeburtstagsgäste rettungsdienstreif prügeln mussten, dann schwingt doch da schon die Unterstellung mit, es könnten keine hessischen Ureinwohner sein, ganz so, als ob die nicht auf einer Party prügeln könnten. Solch bösartige Gedanken darf man doch nicht füttern, oder?

Besser mit betreuter Berichterstattung

Wer es unbedingt wissen will, der muss in diesem Falle nicht einmal nachfragen, sondern sich nur die ursprüngliche Polizeipressemeldung durchlesen. Auf die haben die WAZ-Kollegen immerhin verlinkt. Hier lautet die gleiche Meldung:

Mehrere verletzte Personen sind das Resultat eines Streits im Rahmen einer Kindergeburtstagsfeier am Samstag in der Lehmkaute. Bei einer Kindergeburtstagsfeier in einem Vereinsheim in der Lehmkaute gerieten mehrere Personen in Streit, welcher in einer größeren Schlägerei mündete. Bei dem Streit wurden mindestens drei Erwachsene und vier Kinder verletzt. Mehrere betroffene Personen suchten später die Polizeistation in Schwalmstadt auf um Strafanzeige zu erstatten. Hierbei mussten verletzte Personen auch durch einen alarmierten Rettungsdienst ärztlich versorgt werden. Die näheren Hintergründe der Auseinandersetzung sind zurzeit nicht bekannt, offensichtlich handelt es sich um eine Auseinandersetzung unter zwei Gruppen bulgarischer Herkunft.

Aber die Bearbeiter von dpa oder WAZ hatten durchaus recht, auf diese Information zu verzichten. Schließlich handelt es sich womöglich um Gruppen mit bulgarischer Staatsbürgerschaft, aber einer anderen ethnischen Herkunft. Diese Frage könnte auch beim Leser auftauchen. Nun hätte man sie der Polizei auch stellen können, aber wozu? Am Ende leidet vielleicht der Ruf einer schützenswerten Gruppe. Darf man das riskieren?

Da ist es sicher besser, die Leser nehmen an, dass hessische Kindergeburtstage jetzt allgemein etwas faustkampfaffiner ausgetragen werden. Wie gut, dass es fachmännisch betreute Berichterstattung gibt.

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Leserpost (9)
Karla Kuhn / 14.02.2018

“Heutzutage kommen eben manchmal Gruppen zu Kindergeburtstagen, die neben Topfschlagen auch Faustkämpfe mögen und zwar so lange, bis der Arzt kommen muss.” Unsere Kindergeburtstage gehören der Vergangenheit an, abgesehen davon, daß wir damals ohne Zwischenfälle fröhlich feiern konnten. Aber derartige “Gruppen” hätten bei uns schon damals gar nicht die Chance für eine Einladung bekommen. Wir kannten unsere “Pappenheimer”, die wir eingeladen haben.

Gabriel Rosenzweig / 14.02.2018

Sehr geehrter Herr Grimm, den humoristischen Umgang mit diesem Fall der journalistischen Glanzleistung - gepaart mit einer manchmal gar kessen Sprache, hat mich sehr amüsiert! Gleichzeitig zeigt es umso deutlicher auf, was so alles in der Medienlandschaft falsch läuft. Spotten ist “unsere” Stärke, um den Wahnsinn des PC-Sprechs aufzuzeigen. Bitte mehr davon!

Hubert Bauer / 14.02.2018

Journalistendeutsch - Echtes Deutsch: Mann = Ausländer, Deutscher Staatsangehöriger = Deutscher mit Migrationshintergrund

Gregor Reichelt / 14.02.2018

Wir haben Informationsfreiheit & diese darf höchstens gebrochen werden, wenn Gefahr im Verzug ist oder es sich um Staatsgeheimnisse handelt. Alle anderen Informationen dürfen nicht systematisch zurückgehalten werden, schon gar nicht durch die öffentlich-rechtlichen. Sorry, aber der Pressekodex ist schlicht verfassungsfeindlich.

Heinz Thomas / 14.02.2018

Daraufhin stimmen wir das schöne Lied mit dem Text: “Zigeunerjunge, Zigeunerjunge…” an - man könnte mutmaßlich richtig liegen…

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