Sophie Dannenberg / 20.10.2015 / 09:26 / 4 / Seite ausdrucken

Der Nazi in uns

Als früh der Radiowecker anging, hatte ich, bevor ich wach wurde, noch schnell einen Alptraum. Ich träumte, im Deutschlandfunk liefe ein Interview mit dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz. In meinem Alptrraum sprach er über das Attentat auf die Kölner OB-Kandidatin, aber statt um den furchtbaren Vorfall ging es um die Frage, ob die Mörder jetzt unter uns sind.

„Das ist eine wirklich schwierige Situation“, sagte er,  „und ich hoffe, dass Menschen jetzt innehalten, darüber nachdenken und überall, wo es Hinweise gibt, die auch sofort an die Polizei durchgeben. Da ist einer in meinem Bekanntenkreis, der ist immer radikaler geworden, der redet immer radikaler. Dann muss man durchaus auch den Mut haben, dies weiterzugeben.“

Beim Frühstück sann ich meinem Traum nach, der die Zeiten des Kalten Krieges wiederauferstehen ließ, während im Deutschlandfunk ein Bericht zu „70 Jahre Schuldbekenntnis der EKD“ lief. So sehr nahmen mich die Wir-schaffen-das-Ereignisse der letzten Wochen mit, dass ich unseren Politikern schon solche Sätze in den Mund träumte. Das Attentat war widerlich, aber daraus eine Denunziationspflicht für „radikales Reden“ abzuleiten, das war surreal. Das war so wie bei Ionescos Nashörnern.

Der Politiker hatte ja nicht an die Pflicht erinnert, angekündigte Straftaten der Polizei zu melden. Nein, von nun an sollten die Bürger jeden „Radikalen“ in ihrem Bekanntenkreis zur Strecke bringen. Also jeden, der „falsche“ Gedanken hatte. Vielleicht sogar den Gedanken, dass die Kanzlerin mit ihrer Einwanderungspolitik Gesetze bricht oder den, dass wir uns mit der unkontrollierten Einwanderung auch Salafisten, Antisemiten und Frauen- und Schwulenverächter ins Land holen, oder den, dass die fremden Menschen, die Haus und Auto verkauft haben, um hier ein besseres Leben zu finden, irgendwann richtig sauer werden, weil sie in Turnhallen vor sich hinvegetieren müssen, anstatt ihr Stück vom Sozialstaatskuchen abzukriegen. Dass es dort Übergriffe gegen weibliche Flüchtlinge gibt. Dass irgendwann niemand mehr irgendjemanden beschützen kann. Dass diese Turnhallen und Zeltlager regelrechte Sozialisationsagenturen für Terroristen werden könnten. Dass es menschenverachtend und verlogen ist, hier so zu tun, als wären wir die allergrößten Humanisten, aber gleichzeitig ausgerechnet mit der Türkei kooperieren. So radikale Gedanken halt.

Während der Beitrag über „70 Jahre Schuldbekenntnis der EKD“ lief, dachte ich darüber nach, ob wir deshalb Millionen illegale Einwanderer reinlassen. Wegen der Schuld.

Bitte, bitte, liebe Welt, denk nicht mehr, dass wir immer noch Nazis sind. Wir sind inzwischen ganz lieb. Wir sind so lieb, dass wir uns lieber kaputtmachen lassen, als uns selbst zu schützen. Wir sind einfach die Liebsten. Die größten Menschenfreunde aller Zeiten! Da kommen die anderen nicht mit. Vor allem diese minderwertigen Ostländer nicht, die mit den Zäunen.

Aber ich schweife ab. Ich höre ziemlich viel Deutschlandfunk. Es gibt eigentlich keinen Sender, der uns besser auf die Zukunft vorbereitet. Regelmäßig lausche ich Sendungen, die uns die friedfertigen Attentate der Islamisten erklären oder lobend Projekte vorstellen, die sich um Migranten kümmern, oder sehr nette, vorbildliche Flüchtlinge im O-Ton was von sich erzählen lassen.

Der Deutschlandfunk ist inzwischen eine Art Sesamstraße für verkappte Nazis, die wir ja alle immer noch sind! Man muss so einen deutschen Bürger wirklich bloß mal mit der Fingerkuppe anstupsen, und sei er noch so links, und schon kommt ein ekliger Nazi in seiner unsichtbaren SS-Uniform aus ihm rausgesprungen und schreit Heil Hitler! Jetzt schauen Sie nicht so, jeder von uns hat so einen hundertjährigen Tatternazi in sich stecken, auch wenn er selbst erst in der Kita ist! Aber wenn man den deutschen Bürger gut erzieht und regelmäßig belehrt, dann hält er diesen braunen Springteufel in sich vielleicht in Schach!

Zumindest bis zu nächsten Panorama-Sendung.

Siehe auch:
“Das ist eine wirklich schwierige Situation und ich hoffe, dass Menschen jetzt innehalten, darüber nachdenken und überall, wo es Hinweise gibt, die auch sofort an die Polizei durchgeben. Da ist einer in meinem Bekanntenkreis, der ist immer radikaler geworden, der redet immer radikaler. Dann muss man durchaus auch den Mut haben, dies weiterzugeben.” Hier
Und:
“Rein numerisch ist die Anzahl von Rechtsextremen in Deutschland geringer als in anderen Ländern. Aber die Gewaltbereitschaft und die Brutalität sind deutlich höher. In Deutschland gibt es ohne Zweifel rechtsextreme Gewalt. Und es gibt eine bis weit in die Mitte hinein reichende Angstrhetorik, die den Rechtsextremisten Mut macht.” Hier

Leserpost (4)
Claas N. Pheynt / 23.10.2015

Soviel zur Mentalität derer, die vorgeben, auf uns aufpassen zu müssen, damit wir nicht rückfällig werden. Danke, Frau Dannenberg! Schon 4½ Jahre alt und dennoch aktuell ist Wolfgang Röhl’s Beitrag mit dem treffenden Titel “Fang den Doktor! Die Stunde der Wikizianten” (networkedblogs.com/heFio).

Brigitte Mittelsdorf / 20.10.2015

Nie hätte ich gedacht, dass einmal in der Bundesrepublik zum Denunzieren aufgerufen wird. Als ehemalige DDR-Bürgerin kann ich auf nahezu 2500 Seiten Stasi-Akten verweisen. Ich weiß, was es heißt, denunziert zu werden. Nun fordert Herr Lewentz den Bürger auf, den Nachbarn, den Freund, ja, vielleicht einen ganz und gar Unbekannten zu belauschen und jedes Wort - vom Lauscher, je nach Lust und Laune, als “böse” interpretiert -der Polizei zu melden. Gab es das nicht schon mal? Unter Stalin? Unter Hitler? In China? Und in der glücklicherweise verschwundenen DDR? Hat Herr Lewentz überhaupt eine Ahnung, welchen miesen, verachtenswerten Charakterzügen er da huldigt? Als ich das Interview las, hatte ich nicht nur einen Kloß im Hals, das war schon ein ganzer Felsbrocken. Danke Sophie Dannenberg für den Artikel. Jetzt geht es mir schon etwas besser.

Wolfgang Schlage / 20.10.2015

“Während der Beitrag über ‘70 Jahre Schuldbekenntnis der EKD’ lief, dachte ich darüber nach, ob wir deshalb Millionen illegale Einwanderer reinlassen. Wegen der [Nazi-]Schuld.” Für mich ist es ganz klar, dass die Weigerung Deutschlands, seine Grenzen und seine Identität zu schützen (ja, seine Identität überhaupt wahrhaben zu wollen) und sich mit den Immigranten hoffnungslos zu überfordern, ein Ausfluss des Schuldgefühls für die Naziverbrechen ist. Durch Überangepasstheit (“Habt mich bitte alle lieb”, oder gar: “mich gibt es eigentlich gar nicht”) versucht die Nation, das Nazi-Unrecht irgendwie wieder gut zu machen - ignorierend, dass dies nicht geht und dass durch diese Orientierung an der Vergangenheit, nicht an der Gegenwart, weiteres Unrecht geschaffen wird. Es schlummert in dieser Unterwürfigkeit auch gefährliche Überheblichkeit: das Reden über “die faulen Griechen” u.ä. in der Eurokrise und das Gefühl der moralischen Überlegenheit, das mit der deutschen Unterwürfigkeit einhergeht, zeigen dies deutlich. Das Nazi-Erbe wird nicht dadurch abgelegt, dass man immer nur genau das Gegenteil dessen tut, was ein Nazi täte. Ganz im Gegenteil. Von einer wirklichen, auch inneren, Überwindung der Nazizeit ist Deutschland weit entfernt.

Helmut Driesel / 20.10.2015

“Mann muss den Mut haben, dies weiterzugeben.” So fabelhaft hier formuliert wird - in meinen Augen ist die Überschrift falsch gewählt. Vielleicht “Der Feigling in uns…”, ein Nazi ist definitiv etwas anderes. Wenn jemand Alpträume hat, in denen man beispielsweise alleine im Wald von Hunden verfolgt wird, dann gibt es nur eine hilfreiche Lösung: Man muss in den Wald gehen und sehen, ob sie da sind. Das Problem daran ist: Es ist nicht ungefährlich. Es könnten Hunde da sein. Das Weitergeben eines Verdachts ist für den Fall, dass man sich geirrt hat, im $ 241a StGB geregelt. Darüberhinaus kann jedermann in Deutschland, der einen Satz vom Typ “Ich bringe Dich um!” in der Öffentlichkeit ausspricht im Rahmen der Betreuungsgesetze in den psychiatrischen Schwitzkasten genommen werden, ohne Beteiligung eines Richters und auch für sehr lange Zeit, länger gegebenenfalls, als man für einen ausgeführten Mord in Haft sitzen würde. Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass man Feinde hat, die in diesen grundgesetzfernen Sphären der Gesellschaft verkehren oder ausreichende politische Macht zur Willkür haben. (Herr Broder hat in diesem Zusammenhang mal davon geschrieben, dass er gerne ein Interview mit Horst Mahler führen würde, der ja sein Leben auf diese Weise in Eigeninitiative vollkommen in die Tonne getreten hat. Für einen Juristen absolut beschämend. Aber für alle anderen aufschlussreich. Nicht nur am Rand berührt das auch den Rat zum Schweigen an die Hauptangeklagte des NSU-Prozesses in München. Der ja von vielen nicht verstanden wird.)

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