Burkhard Müller-Ullrich / 03.01.2007 / 22:56 / 0 / Seite ausdrucken

Der Mittelpunkt

Wenn man sich von Gelnhausen aus südwärts in die Waldungen des Naturparks Hessischer Spessart schlägt, den Ort Linsengericht links liegen läßt und statt dessen auf Niedermittlau zuhält, dann kommt man durch die Gemeinde Meerholz. Meerholz, Mittelpunkt der Europäischen Union. Die Meerholzer sind zwar – wie man hört – mächtig stolz auf diesen Titel, doch sie hatten noch nicht viel Zeit, aus ihrer geografischen Besonderheit etwas zu machen, denn die hat sich erst durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens am ersten Januar ergeben. Vorher lag die Mitte im rheinland-pfälzischen Kleinmaischeid, noch früher hatte sie in Belgien gelegen. Die vielen Erweiterungen der EU bewirken eben, daß Karl Schlögels Buchtitel „Die Mitte liegt ostwärts“ wörtliche Erfüllung findet.

Nun stellt sich allerdings die Frage, nach welchen Kriterien die Mitte ermittelt wird. Da gibt es nämlich viele Methoden und folglich genauso viele Mitten: man kann den Schnittpunkt der jeweils längsten Ost-West- und Nord-Süd-Achse nehmen, man kann aber auch den Schwerpunkt berechnen, wobei dieser wiederum ganz unterschiedlich ausfällt, je nachdem ob man das Oberflächenrelief berücksichtigt oder nicht. Und wie geht man mit Inseln und Seegebieten um?

Solche Probleme führten schon im letzten und vorletzten Jahrhundert zu einer regelrechten Mittenschwemme – sowohl in Deutschland als auch in Europa, das ja sowieso nicht eindeutig umgrenzt ist. Für de Gaulle reichte es vom Atlantik bis zum Ural, aber das war zu einer Zeit, als Mitteleuropa auch begrifflich im Ostblock verschwand. Rein geographisch betrachtet, liegt Europas Mitte demnach immer noch in Litauen; der Mittelpunkt der Europäischen Union ist hingegen ein politisch Ding, selbst wenn es in Breiten- und Längenangaben besteht.

So sinn- und zwecklos diese Mittensuche ist, so gut paßt sie indes zum Zeitgeist des Juste Milieu, das bei uns von einer ausgerechnet in Berlin-Mitte regierenden Großen Koalition verkörpert wird. Dabei zeigt das Berliner Beispiel auch, daß gerade in der Mitte oft die größte Leere herrscht. In Meerholz ist es eine stille Streuobstwiese, welche von den Kartographen als das exakte Zentrum der Europäischen Union errechnet wurde. Der Nabel ist es sicher nicht, denn der befindet sich nach wie vor in irgendeinem Brüsseler Büro beziehungsweise Sitzungssaal.

Allerdings liegt auch die Anti-Mitte der EU im nirgendwo. Die haben wir mit Hilfe eines Globus gerade selbst ermittelt – und zwar nach folgendem Exklusiv-Verfahren: Man ziehe eine Linie von Meerholz genau durch den Erdmittelpunkt. Dort, wo sie auf der anderen Seite herauskommt, liegt das exakte Gegenteil des Hessischen Spessarts: eine Insel im Südpazifik. Die Leute dort werden davon ähnlich begeistert sein wie die Meerholzer – wenn sie erst mal davon erfahren!

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