Jesko Matthes, Gastautor / 22.01.2018 / 16:03 / Foto: Tomaschoff / 6 / Seite ausdrucken

Der längste Arztbesuch Ihres Lebens

Sind Sie bereit, ein Weilchen im Voraus zu planen? Für den Januar 2019? Nee, nicht, was Sie denken: nicht GroKo, nicht Obergrenze, nicht Energiegrundlast, nicht Urlaub, nicht Dosenpfand. Zur Abwechslung mal was richtig Nachhaltiges mit geringem CO2-Fußabdruck: die elektronische Gesundheitskarte im Rahmen der neuen Telematik-Infrastruktur.

Sagt Ihnen nichts? Dann freuen Sie sich schon mal auf Ihren ersten Gang zum Arzt 2019, beispielsweise, weil Sie ein Rezept über Ihr Standardmedikament gegen Bluthochdruck benötigen oder eine Überweisung zu Ihrem Orthopäden wegen Ihrer chronischen Rückenschmerzen. Kein Problem, denken Sie, Sie haben ja Ihre elektronische Gesundheitskarte (eGK) parat. Silvester und Neujahr sind leidlich überstanden, alle Finger noch dran, eine Magentablette und irgendwas gegen Kopfschmerzen wären aber nicht schlecht. Also: Ab zum Arzt!

Der 2. Januar 2019 ist ein Mittwoch. In vielen Praxen ein kurzer Tag. Könnte diesmal ein etwas längerer werden, der längste Tag. Es ist nämlich gleichzeitig der erste Tag, an dem die neue Telematik-Infrastruktur in allen deutschen Arztpraxen bindend wird. Feine Sache, könnten Sie denken, meine elektronische Gesundheitskarte wird, von einer wahrscheinlich vierstelligen PIN geschützt, nun auch wesentliche Befunde zu speichern erlauben, die mir die Gesundheitsgurus und Medizin-Kauderwelsch-Experten sonst vorenthalten. Alles ganz einfach und sicher.

Leute vom Fach lächeln süffisant:

„Aufgrund der begrenzten Menge von Kombinationsmöglichkeiten ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis die richtige Kombination gefunden ist. Beim Einsatz eines Computers spielt die Leistung des Prozessors eine entscheidende Rolle, aktuelle Hochleistungs-Prozessoren können rund vier Milliarden Kalkulationen pro Sekunde ausführen. Das Knacken eines vierstelligen Passworts ist daher in 72 hoch 4 / 4.000.000.000 = 0,00672 Sekunden abgeschlossen."

Das nennt man brute force, rohe Gewalt. Wenn Sie Ihre PIN vergessen haben und dennoch Ihre Karte auslesen wollen, dann lassen Sie das am besten ein handelsübliches Chipkarten-Lesegerät und Ihren Rechner für sich erledigen, in knapp 7 Millisekunden, dann ist er so weit. Zum Vergleich: Machen Sie einen Schnappschuss mit ihrer uralten analogen Kamera, in der Sie die Verschlusszeit noch einstellen können; es handelt sich um etwa eine hundertfünzigstel Sekunde. Jeder andere Rechner kann das natürlich auch in dem Tempo. Ihre PIN wird zur Nuckel-PIN, blitzschnell ausgelutscht und so gläsern wie die Kuppel des Reichstags.

„Versichertenstammdatenmanagement".

Achgottchen, Bedenken beiseite, ist doch trotzdem eine feine Sache, Laborwerte, Röntgenbilder, Befunde, Arztbriefe und Ihren bundeseinheitlichen Medikamentenplan gleich bei sich auf der Karte zu haben, oder? Sie erinnern sich an veraltete Technik, an ISDN? Gewöhnen Sie sich an VSDM. Denn auch bei ausreichendem Passwortschutz – ich schlage daher etwas leicht zu Merkendes wie kL1#6B@v$48z vor – ist das Speichern Ihrer nur für Sie und ihre Mediziner nützlichen gesundheitsbezogenen Daten mitnichten das, was als erste Funktion der vom Bundesgesundheitsministerium gepriesenen elektronischen Gesundheitskarte eGK für Sie und den Arzt Ihres Vertrauens verpflichtend wird.

Verpflichtend wird zunächst das VSDM. Hä? Ja, das VSDM: „Versichertenstammdatenmanagement". Was dahinter steckt, geht so: Beim Einstecken ihrer eGK in das Kartenlesegerät bei Ihrem Arzt wird zunächst, wahrscheinlich ganz ohne PIN, eine selbstverständlich völlig datensichere Leitung zu Ihrer Krankenkasse aufgebaut. Kein Problem, es sind ja nur noch 113 verschiedene Kassen, deren Server bestimmt immer 24 Stunden online sind. Hier wird alsdann fix geprüft, ob über Sie neue Daten vorliegen.

Sie könnten ja umgezogen oder in Rente gegangen sein. Vielleicht haben Sie ja gar die Kasse gewechselt oder seit ein paar Monaten Schulden bei Ihrer Kasse, weil Sie blöderweise als freiwillig gesetzlich krankenversicherter Scheinselbstständiger in die Privatinsolvenz gerutscht sind und keine Beiträge bezahlt haben. Oder weil Ihr Unternehmen in der Schieflage ist und den Arbeitgeberanteil nicht bezahlt hat. Als braver Bürger haben Sie das alles Ihrer Kasse gemeldet, oder sie ist irgendwie bei der Lektüre des Amtsblatts von selbst darauf gekommen. Nun werden Ihre aktualisierten Daten automatisch auf Ihre eGK geschrieben, und schon kann die Behandlung los gehen, ganz einfach.

Fahren Sie am besten gleich nach Hause

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Gehen wir mal ein paar Fälle durch. Erster Fall: Sie sind umgezogen und haben es gemeldet: Ihre Stammdaten werden aktualisiert. Zweiter Fall: Sie sind umgezogen und haben es nicht gemeldet. Es passiert – gar nichts, Sie werden behandelt. Dritter Fall: Ihre Karte ist ungültig, warum auch immer, denn Ihren Beitrag haben Sie bezahlt, auch nicht die Kasse gewechselt. Wahrscheinlich haben Sie noch ein altes Modell der eGK, das nicht aktualisierbar ist, oder der Chip ist verkratzt, oder Sie haben die eGK bei sechzig Grad in der Waschmaschine gewaschen, zu lange im Wohnzimmer auf der Lautsprecherbox oder in der Küche auf der Mikrowelle liegen gelassen.

Nun haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können sich – Risiko! – einfach als Privatpatient behandeln lassen oder doch lieber ins Ersatzverfahren gehen. Dafür rufen Sie einfach ab 2.1.2019 morgens kurz nach acht die Service-Hotline Ihrer Krankenkasse an und lassen der Arztpraxis Ihres Vertrauens eine Versicherungbestätigung faxen. Falls es das Fax dann noch gibt, es stirbt eventuell gerade aus. Per e-Mail geht leider auch nicht, die muss nämlich ab 2.1.2019, wie alle gesundheitsbezogene Korrespondenz, verschlüsselt werden. Das geht zwar dann in Ihrer Arztpraxis, aber nur mit Ihrer eGK, und genau die funktioniert ja gerade nicht.

Bei Unterversorgung mit Zappelstrom, dank Energiewende zum Beispiel, wenn am ersten Tag des Jahres seit fünf Uhr fünfundvierzig noch schnell alle Pendler ihre Elektroautos laden, fahren Sie am besten gleich nach Hause mit ihrem Diesel, das Tiefgefrorene auf die Veranda bringen, denn dann läuft auch in Ihrer Arztpraxis überhaupt nichts mehr. Okay, es gibt auch die mobilen Kartenlesegeräte mit Batteriebetrieb.

Aber wie kann Ihre Praxis sicher sein, ob Sie überhaupt behandelt werden dürfen, bevor Ihre Karte in die EDV übertragen ist, also ohne VSDM? Denn ohne Datenabgleich keine Behandlung! Das ist natürlich auch ein klitzekleines Problem in Seniorenheimen mit Demenzkranken. Wer hat, falls nötig, die PIN für Ihre eGK im Kopf? Wie lange leben Sie da überhaupt? Haben Sie Ihren Umzug ins Heim dem Bürgeramt gemeldet? Oder sind Sie gar wegen Ihrer Gebrechen von der Meldepflicht befreit?

Mit der Karte Ihres Cousins

Ach, ja, und was ist, wenn Sie zu den Neubürgern mit so fünf bis zwölf verschiedenen Identitäten zählen oder zu jenen, die sich – sagen wir nicht: illegal, sagen wir: zufällig – mit der Karte Ihres Cousins zweiten Grades behandeln lassen wollen? Keine Sorge! Es bleibt alles beim Alten. Die Arztpraxis ist zur Prüfung Ihrer Daten auf Richtigkeit nicht verpflichtet, aber: „Aktuelle Versichertenstammdaten verhindern Missbrauch." Ja, nee, is' klar! Sie als braver Bürger können dagegen Ihren Umzug, Ihre Berentung oder Ihren eGK-Missbrauch auch nicht einfach in Ihrer Arztpraxis melden, sondern weiterhin nur Ihrer Krankenkasse. Die Arztpraxis übernimmt lediglich den Job Ihrer Krankenkasse, Ihre Daten auf der Karte zu ändern. Falls Sie sie dort haben ändern lassen. Hervorragend! So geht Entbürokratisierung in der Arztpraxis! So geht Schutz vor Missbrauch! So geht Datensicherheit!

Das wird also erstens alles total nützlich, zweitens total schnell. So schreibt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung: „Vorgaben an die Hersteller der Technik sehen vor, dass die Online-Prüfung nicht länger als fünf Sekunden dauern soll, mit Aktualisierung maximal 13 Sekunden. Trotzdem kann es in der Anfangszeit zu Verzögerungen kommen".

Echt, jetzt? Ist mir bei völlig neuer EDV noch nie passiert! Mein persönlicher Praxisrekord am ersten Tag eines Quartals liegt bei 215 eingelesenen Versichertenkarten, das war im Winter 2009/10, bei „Schweinegrippe“. Gehen wir mal davon aus, dass es auf wundersame Weise doch zu den genannten Verzögerungen kommt. Alle Praxen lesen ein, das Internet spackt ab, weil gerade erster Börsentag des neuen Jahres ist, oder weil soeben doch noch die Koalitionsverhandlungen zur Ablösung der geschäftsführenden Regierung 2017/18 enden, was allen Nachrichtenagenturen eine Sensationsmeldung wert ist.

Jetzt dauert das Einlesen der Karte also, sagen wir, optimistische 30 Sekunden. Macht für zwei Patienten eine Minute. Das sind dann knapp 108 Minuten an diesem Tag, allein für das Einlesen und das VSDM, den Datenabgleich der elektronischen Gesundheitskarten. Sie sitzen derweil immer noch, auf das Einlesen ihrer eGK wartend, im Wartezimmer. Mit Schüttelfrost.

Ich plane daher vorausschauend. Ich will mich nicht dem Verdacht der unterlassenen Hilfleistung wegen der paar banalen Anlaufschwierigkeiten einer simplen Telematikinfrastruktur mit Versichertenstammdatenmanagement aussetzen. Rechtsgüter muss man immer abwägen. Risiken auch. Ich kann zum Beispiel nicht Ski fahren, was gefährlicher sein kann, als Ski fahren zu können. Ist mir egal. Ich mache meine Hausarztpraxis bis Mitte Januar 2019 dicht, nur meine Helferinnen dürfen das neue Verfahren mit ihren elektronischen Gesundheitskarten schon mal üben. Ich selbst mache Après-Skiurlaub. Ich fahre nach St. Anton, denke mitfühlend an mein Team, an meine Kolleginnen und Kollegen in der Heimat, an der Hotelbar. Dann tanze ich mit gesunden deutschen Touristinnen zu DJ Ötzi und besaufe mich mit Jagertee.

Foto: Tomaschoff

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Leserpost (6)
Michael Bartscherer / 22.01.2018

Lieber Herr Kollege, vielen Dank für Ihren schönen, sarkastischen Überblick über die zu erwartenden kleinen “Kollateralschäden” bei Einführung der Telematik-Ifrastruktur (TI). Schön hier auf der Achse mal etwas zu diesem Thema zu lesen, das trotz seiner Wichtigkeit und Bedrohlichkeit in der allgemeinen Wahrnehmung außerhalb von Fachkreisen praktisch nicht präsent ist. Dabei handelt es sich hier um ein Projekt orwellscher Prägung und einen Systembruch allererster Güte, was leider in Ihrem Beitrag nicht so ganz pointiert herausgearbeitet ist. Letztlich wird hiermit nämlich ein Kernelement der ärztlichen Berufsausübung, die ärztliche Schweigepflicht ausgehebelt (oder zumindest in tödliche Gefahr gebracht). Es ist nämlich keneswegs so, daß die Daten der Patienten auf den niedlichen kleinen Kärtchen gespeichert werden sollen. Nein, diese sind nur Schlüssel zur großen, amorphen TI-Cloud, wo unsere Patientendaten auf irgendwelchen Servern mehr oder weniger sicher lagern. Und daß da über kurz oder lang mehr oder weniger legale Begehrlichkeiten entstehen dürften, sollte eigentlich jedem einleuchten. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur zu paranoid und kann in meiner Beschränktheit das höhere Wohl einfach noch nicht erkennen. Als durchaus technikaffiner Arzt, Praxisinhaber und eigener Systemadministrator weiß ich sehr genau, warum ich meine Praxissoftware offline halte. Mal sehen, wie lange ich das noch durchhalte, denn in dem schönen TI-Gesetz ist ist auch gleich noch die erpresserische Daumenschraube für renitente schweigepflichtige Offliner eigebaut: wer nicht mitspielt, bekommt kumulativ pro Jahr 1% Honorarabzug. Hätte ich nur noch 5 Jahre bis zur Rente, wäre das keine Frage, aber ich muß wohl noch ein wenig länger mitspielen. Auch noch zu erwähnen wäre die ungeheure Geldverbrennung durch dieses Kassen- und IT-Lobbyprojekt. Wurden wir doch vor wenigen Jahren im Rahmen der Einführung der “eGesundheitskarte” auf Kosten der Versicherten mit neuen Kartenlesern zwangsbeglückt, so ist jetzt festzustellen, daß diese für die kommende TI gar nicht tauglich sind, also nochmal eine Runde teurer Elektronikschrott aus Versichertengeldern. Konnte man vor ca. 5 Jahren wohl noch nicht ahnen. Auch interessant, daß es nach meinem Kenntnisstand bisher genau eine (1) Firma gibt, die zugelassene Konnektoren (das ist die Blackbox zum Anschluß) anbietet, was natürlich einen fairen Preiswettbewerb ermöglicht. Nun ja wir Deutschen haben in den letzten Jahren viele fette Kröten schlucken müssen, ohne daß es zu einem massiven Aufschrei gekommen wäre, insofern habe ich da wenig Hoffnung, lehne mich jetzt einfach mal zurück und hoffe, daß das TI-Projekt sich was vom großen Vorbild BER abguckt. Freundliche Grüße und schönen Skiurlaub! Michael Bartscherer P.S. Dieser Leserbrief wurde mit einem von der Praxis-EDV getrennten Linux-PC verfasst :-)

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