Ben Krischke, Gastautor / 05.02.2017 / 20:00 / Foto: Onenna59 / 12 / Seite ausdrucken

Der Haltungsjournalist, das edle Wesen

Von Ben Krischke

Der Haltungsjournalist ist ein edles und sensibles Wesen. Mit all seiner naturgegebenen moralischen Überlegenheit und seinen, in den Reporterschmieden dieses Landes geschärften, Sinnen, pirscht er sich durch diesen Dschungel namens Gesellschaft, schlägt kleine Schneisen der Aufklärung ins Dickicht der Kleingeisterei, während er aufmerksam lauscht, stets in Habachtstellung.

Das tut er – natürlich – nicht ohne Grund. Er weiß um seine unersetzbare Rolle. Er ist Kundschafter, er eilt voraus, trägt Sorge, dass hinter dem nächsten Strauch und unter dem nächsten Stein nicht schon das Ende einer offenen, toleranten, bunten, friedlichen und stets glücklichen Utopie lauert. Eine Utopie, die er dank der ausführlichen Lektüre entsprechender Publikationen und in endlosen Gesprächen über die Überwindung aller Ungerechtigkeiten dieser Welt dank Gender Mainstreaming und andere Substitutions-Religionen wie Veganismus erschaffen hat.

Für den Haltungsjournalist, dieses edle und sensible Wesen, sind es furchteinflößende Zeiten. Donald Trump, AfD, Pegida, rechte Scharfmacher, alternative Medien, Fake-News, Klimawandel, die Ossis: die Gefahren sind aktuell so zahlreich wie lange nicht, also lauscht er noch genauer, blickt noch akribischer hinter jeden Baum und unter jeden Stein. Diese Bürde hat er sich nicht selbst auferlegt, nein, sie wurde ihm auferlegt, aber er trägt sie standhaft und vorbildlich, weil er sie standhaft und vorbildlich tragen muss.

Gekämpft hat er, Blut und Tränen vergossen

Gekämpft hat er, Blut und Tränen vergossen, ein Volontariat gemacht oder auch nicht, Artikel geschrieben, politische Werke voller wertvoller Gedankengänge von größter Bedeutung verfasst und sie unter anderem bei den Speerspitzen und Flaggschiffen des deutschen Qualitätsjournalismus veröffentlicht (oder auf Twitter). Nicht aus Geltungsdrang. Natürlich nicht. Sondern zum Wohle des Volkes, zum Wohle der Menschen, die schon lange hier leben, jenen, die noch nicht so lange hier leben und für jene, die schon lange nicht mehr leben oder bald nicht mehr leben werden.

In seinem Bücherregal stehen die Werke der größten Denker und Vordenker, die dieses Land hervorgebracht hat: „Das Kapital“ von Karl Marx, „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas und „So geht Deutschland“ von Claudia Roth. Er hat sie alle gelesen, immer und immer wieder. Und des nachts schmiedet er Pläne von großen Worten und Taten, davon, wie er vorausgeht, der Sonne entgegen, in ihm der brennende Geist des Revolutionärs, in seinem Jutebeutel das neue, von ihm verfasste kommunistische Manifest, hinter ihm ein geschlechtsloses, buntes Proletariat und keine Ossis.

Der Haltungsjournalist hat nicht nur eine Mission, nein, er hat eine gesamtgesellschaftliche, ach was, eine weltumspannende Aufgabe. Er ist zu Höherem berufen, von Gottesgnaden. Wer so viel Verantwortung trägt, all die Last auf den Schultern, der kann sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern, Qualitätsanspruch hin oder her.

Wer höheren Zielen folgt, der muss manchmal Sätze aus dem Zusammenhang reißen, laut nach Pressefreiheit schreien und Zensur tolerieren, Skandale konstruieren, Polizei-Codes kritisieren, Straftaten verschweigen, steigende Kriminalitätsraten ignorieren, Widersprüche in der eigenen Argumentation zulassen und – ganz wichtig – den Feind denunzieren, wo auch immer er ihn erspäht, damit dieser nicht weiterhin sein menschenverachtendes, rechtsextremes, brutalgrausames Weltbild propagieren kann. Zum Beispiel bei der Jungen Union.

Schließlich geht es um das Kollektiv, um das Große und Ganze, um nichts Geringeres als die alles entscheidende Frage, in welcher Welt wir leben wollen! Wer das nicht versteht, wer diesem sensiblen und ehrenhaften Menschen nicht endlich den Respekt zollt, der ihm gebührt, der trägt die Schuld – und wird auf immer ein Ewiggestriger bleiben. Mit Hut oder ohne.    

Ben Krischke, Jahrgang 1986, lebt und arbeitet als Journalist und freier Autor in seiner Wahlheimat München. Er schreibt über Politik, Medien und die Schattenseiten der Political Correctness. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog hier.

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Leserpost (12)
Matthias Tabek / 06.02.2017

Nicht schlecht, Herr Specht! Man wünscht sich, dass so viele von sich selbst ergriffenen Journalisten*innen wie möglich in diesen Spiegel schauen, den Sie ihnen da vorhalten.

Ralf Schneider / 06.02.2017

Wunderschön mal wieder; danke Herr Krischke, danke Achgut!! - Immer wieder ist die “Achse” der trostspendende Erfrischungstrank nach langer Durststrecke der täglichen Zeitungslektüre. Denn nicht nur die “Großen” der Medienbranche liefern ein Sperrfeuer aus schriftstellerischen Hochleistungskanonen, sondern auch manche Lokalzeitung wie hier die unsrige - den Namen möchte ich aus Pietätsgründen hier nicht verraten - offenbart sich als wahres Dorado, als Laichgewässer für die Reproduktion für Edeljournalismus’. So steigert sich schon während des Frühstücks der Durst nach Vernunft und Einsicht inklusive einer Betrachtung von Themen aus allen Seiten, bis man endlich zum Laptop greift und “Achgut” öffnet.

Matthias Kratzsch / 06.02.2017

Lieber Ben Krischke, Sie sind noch so jung und haben einen so scharfen Sinn und die Fähigkeit auch in ironischen Sätzen alles auf den Punkt zu bringen, was manchen alten Hasen des Journalismus noch nie gelungen ist. Diese Schreiberlinge erkennen nicht einmal die Realität in der Gesellschaft oder sind eben “gekaufte Journalisten”, wie sie Udo Ulfkotte richtig bezeichnete. Machen Sie weiter so. Gehen Sie weiter mit aufrechtem Gang, der Erfolg wird Ihnen in den nächsten Jahren Recht geben.

Horst Jungsbluth / 06.02.2017

Anstatt sich auf ihre wirklich interessanten Aufgaben in einem demokratischen Rechtsstaat zu beschränken, wo es eigentlich darum gehen sollte, die “Kunden” in Form von Lesern, Hörern und Sehern umfassend und korrekt zu informieren sowie zu unterhalten, spielen sich viele Journalisten als moralische Instanzen auf, die mit ständig erhobenem Zeigefinger belehren und keinen Zweifel daran lassen, dass sie alles besser wissen.  Dabei hätten sie allen Grund in sich zu gehen, um nicht nur das Versagen in den beiden Diktaturen zu reflektieren, sondern auch die ellenlange Liste jener Kollegen zu studieren, die sich in einer einigermaßen funktionierenden Demokratie von dem “Schild und Schwert” einer unfähigen Diktatur instrumentalisieren ließen. Auch dass der 11. September 2001 ausgerechnet in der Stadt mit der größten Medienkonzentration in Deutschland jahrelang unbehelligt vorbereitetet werden konnte, sollte dem deutschen Journalismus zu denken geben. Stattdessen erleben wir ihn in seiner schlimmsten Form, wo wieder einmal die erschreckende Realität ausgeblendet wird und man überall Rassisten, Fremdenfeinde, Homophobe und “Rechtsradikale” tapfer bekämpft, um den “Wald vor lauter Bäumen” nicht wahrnehmen zu müssen.

Patrik Zimmer / 06.02.2017

Der freie Journalismus ist tot. Es lebe die Staatsjournallie.

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