Gastautor / 07.11.2017 / 06:08 / Foto: M.I.Ulyanova / 7 / Seite ausdrucken

Der Fluch des guten Willens (6): Pläne ohne Plan

Von Dietrich Dörner.

„Pläne machen ist mehrmalen eine üppige, prahlerische Geistesbeschäftigung, dadurch man sich ein Ansehen von schöpferischem Genie gibt, indem man fordert, was man selbst nicht leisten, tadelt, was man doch nicht besser machen kann, und vorschlägt, wovon man selbst nicht weiß, wo es zu finden ist.“

Aus Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können.

Politische Vorhaben werden meist nach ihren Zielen beurteilt. Wenn man ankündigt, dass man etwas für den Frieden, für die Freiheit, für Steuersenkungen, für die Völkerverständigung, gegen den Klimakollaps, gegen die Armut, gegen den Hunger tun möchte, so wird man meist dafür Beifall erhalten. Beifall nur für Ziele ist aber durchaus unangebracht. Denn lobenswerte Ziele sind sehr leicht zu haben; sie liegen auf der Straße! Gute Absichten zu hegen ist nicht schwer; es ist, so wie Kant schreibt, „eine üppige und prahlerische Geistestätigkeit“.

Gute Absichten taugen überhaupt nichts, wenn man nicht weiß, wie man die Ziele auch erreichen kann. Sie taugen nicht nur nichts, sondern wirken in der Regel antitelisch, das heißt meist schaden sie! Hat man gute Absichten, so verführt das leicht zur entschlossenen Tat; man findet, dass man schnell etwas tun muss. Immer haben aber in komplexen Realitäten Handlungen nicht nur Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen. Und die konterkarieren dann die Hauptwirkungen. Das aber vergisst man, berauscht vom eigenen Edelmut, leicht. Man betrachtet das hehre Ziel und vergisst dabei die Kosten.

Nachdem Lenin mithilfe des Deutschen Reiches und mit rund 50 Millionen Goldmark im April 1917 in Sankt Petersburg (das damals ‚Petrograd’ hieß) eintraf, meinte er, dass nun möglichst schnell die proletarische Revolution in Russland stattfinden müsste. Die Hinweise einiger seiner Mitkombattanten, dass doch nach der Marxistischen Lehre vor der proletarischen Revolution die bürgerliche stattzufinden habe und dass man eine proletarische Industriegesellschaft mit einer großen Anzahl proletarischer Fabrikarbeiter doch in Russland gar nicht habe, reagierte er mit der Ernennung der russischen Bauern zum Proletariat.

Von da an sprach man von der „Arbeiter- und Bauern Macht“. Lenin hatte auf diese Weise den Anteil der Proletarier an der russischen Bevölkerung von 5 Prozent auf über 90 Prozent erhöht. Nachdem er die Große Rote Oktoberrevolution erfolgreich inszeniert hatte, wusste er so ganz genau nicht, was man denn nun tun sollte. Er meinte, dass die Organisation desWuMBA, des kaiserlich-deutschen Waffen-und-Munition-Beschaffungsamtes ein für die Gestaltung eines sozialistischen Staates sehr geeignetes Vorbild abgäbe. Das aber war nicht der Fall. Die Effektivität des WuMBA basierte auf einem effektiven Transportwesen, einer effektiven Industrie, einem effektiven Nachrichtensystem, einer effektiven Bürokratie. All das war in Russland nicht vorhanden!

Die erfolglosesten Bauern sollten das Dorf leiten

Lenin blätterte dann noch im kommunistischen Manifest und entnahm diesem die Regel Nummer 1, die Marx und Engels dem Revolutionär empfehlen: Expropriation der Expropriateure (Enteignung der Besitzer); zwar ist in der Regel Nummer 1 im Manifest nur von der Expropriation des Grundeigentums die Rede, man expropriierte aber alles und brachte die vormaligen Expropriateure auch in großen Mengen um, wovon im kommunistischen Manifest nichts steht.

Die Durchführung dieses Programmes aber stieß – besonders bei den Bauern – auf erbitterten Widerstand. Die Bauern hatten gerade eben das Adelsland an sich genommen und verspürten nur sehr wenig Lust, ihr Land einem bolschewistischen Kommissar zu unterstellen; umso weniger, nachdem die Bolschewisten auf die Idee kamen, den „Dorf-Armen“, also den erfolgloseren Bauern, die Leitung des Dorfes anzuvertrauen.

Schließlich hatte man 1923 etwa 20 Millionen Tote zu beklagen. Lenin führte die Neue Ökonomische Politik ein, die auf die Wiederherstellung der kapitalistischen Institution der Marktwirtschaft hinauslief, weil er meinte, dass die Bolschewisten das Regieren erst noch lernen müssten, worauf er dann bald starb: 70 Jahre „rotes Zarentum Stalins“ und „real existierender Sozialismus“ folgten, was nur die Protagonisten, sonst aber kaum jemanden, davon überzeugen konnte, dass das alles die 20 Millionen Tote wert war.

Kritik brachte Lenin in Rage – und die ihn womöglich ins Grab

Lenin mochte Kritik nicht. Er geriet, wie Orlando Figes schreibt, bei Einsprüchen regelmäßig in eine solche „Rage“, dass man um seine Gesundheit fürchtete. (Figes meinte sogar, dass diese Wutanfälle zu Lenins frühem Tod (1924) beigetragen haben.) Aufgrund seiner gefährdeten Gesundheit baute Lenin vor, indem er die bolschewistische Partei in eine „Partei neuen Typs“ (entsprechend seiner Schrift von 1902 „Was tun?“) umwandelte.

Im Wesentlichen bedeutete das, dass Lenin die innerparteiliche Demokratie, die innerparteilichen Disputationen und Diskussionen abschaffte. Statt dass also die oberen Organe der Parteien durch die unteren gewählt werden, werden in einer Partei neuen Typs die unteren Organe von den oberen bestimmt. Kurz gesagt in einer Partei neuen Typs galt, was der Führer, bzw. die herrschende Doktrin sagte!

Diese Veränderung der Bedeutung des Begriffs „Partei“ wurde von manchen politischen Bewegungen enthusiastisch begrüßt. Hitler übernahm sie gern für die NSDAP. Diese beiden Maßnahmen beseitigen im wesentlichen Kritik und homogenisieren Gruppenstrukturen. Beide Maßnahmen sind Fehler, weil sie zu fehlerhaften Entscheidungen führen;

Soweit also zum Thema „Ziele ohne Maßnahmen“. Großartige Ziele vorzugeben, ohne Auskunft zu geben darüber, wie man denn diese Ziele erreichen kann, welches die Nebenwirkungen sind, die Schwierigkeiten und die Unwägbarkeiten, ist einer der grundlegenden Fehler politischen Handelns.

Apropos Nebenwirkungen: Im ‚Kommunistischen Manifest’ (Seite 24) zählen Marx und Engels die Maßnahmen auf, die nach der Ergreifung der politischen Herrschaft durch das Proletariat zur „Anwendung kommen können“. Die erste Maßnahme (wir erwähnten sie schon) ist die Expropriation des Grundeigentums, die dritte die Abschaffung des Erbrechts, die achte gleicher Arbeitszwang für alle und die Errichtung industrieller Armeen …. .

(Ich weiß nicht, ob alle Anhänger des marxistischen Systems bei der Lektüre des „Kommunistischen Manifests“ bis hierhin vorgedrungen sind. Also: mich erschreckt das mit dem „Arbeitszwang für alle!“ und den „industriellen Armeen“! – Alle diejenigen, die bei den von Marx und Engels genannten Maßnahmen der Diktatur des Proletariats vielleicht etwas zusammenzucken, sollten allerdings berücksichtigen, dass nach Marx und Engels diese Diktatur nicht ewig dauert und sich von selbst auflöst – Zeitzeugen allerdings, die diese Selbstauflösung einmal beobachtet haben, lassen sich nicht auffinden.)

Zu keiner der Maßnahmen, die im kommunistischen Manifest genannt werden, fallen Marx/Engels negative Fern- oder Nebenwirkungen ein! Warum nicht? Könnte es sein, dass Marx und Engels die Diskussion des Themas „Nebenwirkungen“ aus den oben genannten Gründen unterlassen haben, also deshalb, weil sie die hehren Ziele, die die sozialistische Bewegung anstrebt, nicht relativieren wollten dadurch, dass unter Umständen die negativen Folgen sehr groß, die positiven aber sehr gering sind? Betrachtet man die Realität der Versuche, den Kommunismus zu etablieren, so fallen einem – von der Sowjetunion bis Nordkorea – hauptsächlich die negativen Nebenwirkungen auf.

In der nächsten  Folge lesen Sie: Der 4.September 2015

Diese Serie besteht aus Auszügen aus dem Buch „Zielverführung. Wer für alles eine Lösung weiß, hat die Probleme nicht verstanden.“

Die Professoren Dietrich Dörner, Jose Julio Gonzalez, Hartwig Eckert, Ines Heindl und Gunnar Heinsohn haben sich für das Buch „Zielverführung“ zusammengetan, um der Frage nachzugehen, warum wir in komplexen Systemen – also allen gesellschaftspolitischen – unter großem Aufwand das Gegenteil von dem erreichen, was wir als Ziel definiert haben.

Herausgegeben von Hartwig Eckert und Jose Julio Gonzalez, Altan Verlag 2017, 82008 Unterhaching, ISBN 978-3-930472-51-2. Zu beziehen beim Verlag direkt oder hier bei Amazon.

Prof. Dr. Dr. Dietrich Dörner ist ein deutscher Psychologe und emeritierter Hochschullehrer an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 7

Foto: M.I.Ulyanova via Wikimedia Commons
Leserpost (7)
Andreas Rochow / 07.11.2017

Diesmal haben die erschütternden Einzelheiten der Großen Russischen Oktoberrevolution und der darauf folgenden bolschewistischen Diktatur wenig mit Semantik, Linguistik oder Grammatik zu tun. Vielmehr erinnern sie daran, dass die Kunde von 20 Tsd. größtenteils Hungertoten in der Sowjetunion zu den Revolutionsbegeisterten, auch linken westlichen Intellektuellen, nicht durchdringen konnte. Noch 1963 konnten Annelie und Andrew Thorndike mit ihrem zweiteiligen DEFA-Dokumentarfilm “Das russische Wunder” punkten, der u.a. als Pflichtfilm eingesetzt wurde, um die Schüler in der DDR zu indoktrinieren. Dass die Thorndikes dafür mit deutschen und internationalen Preisen überhäuft wurden, verwundert nicht erst heute: Die Kraft linker Ideologien und die Leidenschaft, Menschen auf ihre Klassenzugehörigkeit zu reduzieren, bleibt so gesehen ein “Wunder”; die Autoren hatten es freilich ganz anders gemeint.

Karl Eduard / 07.11.2017

Das mit dem “Arbeitszwang für Alle”. Wovon sollen sich die Menschen ernähren, wenn sie enteignet wurden? Vom Staat? Was bedeutet, von den übrigen Arbeitenden. Natürlich kann jemanden, der vom Staat lebt, die Aussicht erschrecken, nun auch für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Arbeitsunfähige, Kranke, Alte mal ausgenommen. Wenn die Menschen eines Staates vom Staat gewisse Dinge erwarten, dann kann der Staat von seinen Bürgern erwarten, dazu beizutragen. Arbeit schult auch und bildet den Charakter. Ich will jetzt nicht von adeln sprechen. Warum die Oktoberrevolution mit ihren Zielen gescheitert ist? Weil die Menschen immer noch dieselben waren. Mit all ihren Eitelkeiten, Egoismen und Gehässigkeiten. Man sollte doch meinen, nach 73 Jahren bolschewistischer und sowjetischer Erziehung wäre hier ein neuer Typ eines selbstlosen, dem Gemeinwohl verpflichteten Menschen geschaffen worden. Weit gefehlt. Der zaristische Adel war lediglich durch einen Parteiapparat abgelöst worden, der sich auf seinen Posten ebenso bereicherte, wie die Aristrokraten zuvor. Die Revolution hatte nur die Korrupten ausgewechselt. Statt eines Zarenadlers trugen sie jetzt einen Sowjetstern an der Mütze.

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