Gastautor / 04.11.2017 / 06:10 / Foto: Anthony L. Ortiz / 5 / Seite ausdrucken

Der Fluch des guten Willens (3): Weiße Weste am grünen Tisch

Von Hartwig Eckert.

In der vorherigen Folge stellten wir eine Passage aus einer Rede von Mark Zuckerberg vor, die geradezu exemplarisch zeigt,  wie wohlfeile Appelle an das Wahre, Schöne und Gute ohne Analysen der Konsequenzen zwangsläufig in komplexe Desaster führen.

Woran erkenne ich die vorgegebenen und die tatsächlichen Ziele?

Zwei weitere Aspekte lassen sich an Zuckerbergs Rede veranschaulichen: Zuckerberg beugt Kritik vor, indem er sagt: „Die Leute werden dich immer naiv nennen“. Lassen Sie uns daher aus der Riege „Die Leute“ austreten und annehmen, er sei nicht naiv. Die Analyse seiner Sprache gibt uns den Hinweis, was für ihn das Wichtigste ist. Seine Auflistung von dem, wonach die Bösen rufen, beschließt er mit „in some cases even for cutting access to the Internet.“

Meinungsfreiheit unterbinden, gegen Einwanderung sein, sich von ‚anderen’ distanzieren, Mauern bauen, Kriegsflüchtlinge nicht reinlassen, das alles ist schlimm, aber unter allen Sünden gibt es für Zuckerberg die eine, die Todsünde: „in einigen Fällen sogar (even) den Zugang zum Internet abzuschneiden.“ Und als wer spricht Zuckerberg vor einigen Tausend  F8-Entwicklern? Richtig: als der Facebook Chief Executive Officer. Könnte es sein, dass der CEO die ethischen Aspekte lediglich als flankierende Argumente benutzt, um Facebook für jeden an jedem Ort der Welt zu öffnen, womit sich Milliarden von Dollar verdienen lassen? Das wissen wir nicht. Daher werde ich einen hypothesengetriebenen Ansatz verfolgen:

Hypothese 1: Zuckerberg ist ein zeitgenössischer Jesus mit der Botschaft „Liebe deinen Nächsten, einerlei, wo der sich befindet; global gesehen ist jeder Bewohner dieser Erde dein Nächster.“ So ethisch hochwertig das auch ist, sollten wir nicht akzeptieren, wir seien Angsthasen, wenn wir vorher noch einmal nachdenken wollen, welche Konsequenzen das haben könnte. Denn wenn wir ohne Analyse sofort realisieren „Give everyone the power to share everything with anyone“, dann könnten alle Systeme zusammenbrechen und es gäbe außer Hunger, Armut und Krieg gar nichts mehr, was jeder mit jedem teilen könnte: ein klassischer Fall von antitelischem Verhalten in komplexen Systemen.

Hypothese 2: Zuckerberg kommt in Verkleidung des Weißen Ritters, und benutzt die Botschaft nur, um sein Facebook zu vermarkten, ohne dabei als Vertreter nur seiner Eigeninteressen erkannt zu werden. Wenn das zutrifft, diskutiert man über ein ganz anderes Ziel als unter

Hypothese 1. Dann verhält er sich durchaus telisch. Wer ihm unreflektiert folgt, verhält sich antitelisch. Wie lässt sich welche Hypothese erhärten? Dabei hilft, hartnäckig Fragen stellen nach weiterer Information. Damit Sie sich im hypothesengetriebenen Ansatz trainieren können, zitieren wir einen Bericht „Zoff im Paradies“ aus der Süddeutschen Zeitung:

Mark Zuckerberg, 32, Milliardär und Facebook-Gründer, steckt sein Territorium gern klar ab – nicht nur im Netz. Auf dem kleinen hawaiianischen Eiland Kauai besitzt Zuckerberg seit 2014 ein 280-Hektar-Grundstück mit bestem Meerblick. Das Problem daran: Er hat das schöne Fleckchen Erde nicht für sich allein. Auch einige Ureinwohner der Insel besitzen über Generationen ererbte Ansprüche auf die Nutzung kleiner Parzellen innerhalb des Anwesens und damit auch ein Anrecht auf Zutritt. Das passt Zuckerberg gar nicht – weshalb er acht Klagen gegen insgesamt Hundert Hawaiianer angestrengt hat, um sie zum Verkauf oder ansonsten zwangsweise von seinem Grund herunter zu bewegen. Die Hawaiianer freilich finden das Vorgehen des steinreichen Festländers gar nicht lustig und wollen sich wehren. Die einst von Zuckerberg so gelobte Gemeinschaft der Insel dürfte darunter erheblich leiden. (Süddeutsche Zeitung, 25. Januar 2017)

Die Weiße Weste am Grünen Tisch

Der Mann klingt edel. Wirklich. Echt. „Wir sind eine einzige globale Gemeinschaft“: Seid umschlungen ihr Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt! Und ein „pfui“ auf die Angsthasen, die nicht alles mit allen teilen mögen. Die gehören, wie wir erfahren, in einen Topf mit denen, die Meinungsfreiheit verhindern wollen. Wovor wir uns bei der Beschäftigung mit telischem und antitelischem Verhalten wappnen müssen, ist, dass wir, wenn wir uns nicht unreflektiert ins Unbekannte stürzen, nicht mit so einer weißen Weste dastehen wie Zuckerberg, dessen Rede an die Bergpredigt erinnert. Wir können jetzt umformulieren: Es gehört Mut dazu, sich dieser grenzenlosen Güte gegenüber nicht sofort zu öffnen, sondern einen Augenblick inne zu halten und darüber nachzudenken, welche Konsequenzen sich aus Handlungen in einer immer stärker vernetzten Welt ergeben.

Die Absetzung von Diktatoren ist eine gute Sache. Wer könnte bei Hitler guten Gewissens gegen dessen Absetzung sein? Die Absetzung der ungerechten, grausamen Diktatoren Saddam Hussein, Gaddafi und Assad schien ein erstrebenswertes Ziel zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Die Folge waren Kriege religiöser Gruppen untereinander mit Beteiligung internationaler Stakeholder von außen, tägliche Terroranschläge, Armut, Hungersnöte, Flüchtlingsströme von Menschen, die offenbar ihre Lebensbedingungen nicht als verbessert ansahen.

„Vor kurzem hat Barack Obama ‚Libyen‘ als schlimmsten Fehler seiner Amtszeit bezeichnet. ... Der Sturz Gaddafis ohne Plan für die Zeit danach erweist sich als eine der Ursachen für den Flächenbrand in der Region. Allerdings stellt sich die Frage, ob der amerikanische Präsident in einem der Nachbarländer Libyens nicht in noch viel gravierenderem Maße versagt hat.“ (Cicero, Heft 5 Mai 2016)

Wer dafür ist, Diktatoren abzusetzen und sich keine Gedanken mehr über die Folgen macht, denkt nicht systemisch und – wie die Geschichte lehrt – nicht telisch. Bis zum Eintritt der sich daraus ergebenen Desaster steht er aber mit weißer Weste da. In ideologischen Diskussionen haben die linear denkenden und es sicher oft gut meinenden Menschen es immer einfacher als es die Systemdenker haben.

Die linear Argumentierenden schneiden stets gut ab in Talkshows, wo keine Entscheidungen getroffen werden, keine Verantwortungen übernommen werden, und wo der moralisch gut klingenden linearen ‚Lösung’ Beifall geklatscht wird, so wie in Zuckerberg-Reden vor seinem Publikum der f8-Entwickler. Im deutschen Bundestag werden keine Entscheidungen getroffen. Diese sind längst hinter verschlossenen Türen ausgehandelt und in der Regel durch Fraktionszwang besiegelt worden. Keine Abgeordnete ändert ihre Meinung durch die Debatte.

Die Bundestagsdebatte findet lediglich für das Publikum beziehungsweise die Medien statt. Sie gehört als Diskurs in dieselbe Gattung wie Talkshows und ist nicht zu verwechseln mit Verhandlungen und Diskursen zur Entscheidungsfindung. Daher bedienen sich die Abgeordneten in der Debatte auch gerne der simplen Strukturen linearen Denkens mit hohem moralischem Anspruch, ohne je zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Mit seiner Forderung „Gebt jedem die Macht, alles mit allen zu teilen“, profitiert Zuckerberg davon, dass er einen hohen moralischen Anspruch für sich geltend macht, ohne sich mit den Folgen in der Praxis auseinander zu setzen. Dieses Phänomen bezeichnen wir als „Die Weiße Weste am Grünen Tisch“.

In der nächsten Folge lesen Sie: Die sprachlichen Taschenspieler-Tricks bei der Definition von Zielen.

Diese Serie besteht aus Auszügen aus dem Buch „Zielverführung. Wer für alles eine Lösung weiß, hat die Probleme nicht verstanden.“

Die Professoren Dietrich Dörner, Jose Julio Gonzalez, Hartwig Eckert, Ines Heindl und Gunnar Heinsohn haben sich für das Buch „Zielverführung“ zusammengetan, um der Frage nachzugehen, warum wir in komplexen Systemen – also allen gesellschaftspolitischen – unter großem Aufwand das Gegenteil von dem erreichen, was wir als Ziel definiert haben.

Herausgegeben von Hartwig Eckert und Jose Julio Gonzalez, Altan Verlag 2017, 82008 Unterhaching, ISBN 978-3-930472-51-2. Zu beziehen beim Verlag direkt oder hier bei Amazon.

Prof. Dr. Hartwig Eckert lehrt an der  Europa-Universität Flensburg (EUF)
Anglistik und Sprachwissenschaft

Teil 1

Teil 2

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Foto: Anthony L. Ortiz Marines Flickr via Wikimedia Commons
Leserpost (5)
Reinhold Fischer / 04.11.2017

Ich glaube, Sie haben Zuckerbergs Sprachgebrauch von “to share” missverstanden. Zuckerberg bezieht sich ausschließlich auf virtuelle Güter. Wenn ich ihn richtig verstehe, geht es ihm um eine radikale und zensurfreie Redefreiheit, und nicht um den Anspruch auf Sozialhilfe und Zugang ins Gesundheitssystem. Wenn man ihn beim Wort nehmen würde, müsste man ihm die Frage stellen, mit welchen Maßnahmen er in Deutschland die Durchsetzung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes verhindern möchte. Das selbe gilt für die Rechtssprechung bezüglich Beleidigung, Volksverhetzung oder der Verbreitung terroristischer Propaganda. Wenn man Redefreiheit für ein schützenswertes Gut hält, ist es definitiv angebracht, die Durchsetzung dieser Vorschriften zu verhindern. Dies könnte Facebook tun, indem es, als US-Unternehmen einfach ausschließlich US-Recht anwendet, das Redefreiheit schützt. Es entstehen bereits Konkurrenzanbieter zu den altbekannten sozialen Netzwerken, die genau diese Schiene verfolgen, und die sich weigern, mit ausländischen Behörden zu kooperieren. Es ist ebenfalls absehbar, dass bald rechtliche Konstrukte zum Einsatz kommen werden, die die Durchsetzung des Rechtssystems der Zielgruppenländer verhindern sollen. Es gab in den sozialen Medien in den letzten Jahren sehr große Unzufriedenheit aufgrund von Zensurbestrebungen, und viele Menschen wollen einfach nicht, dass bestimmte Gesetze durchgesetzt werden, egal, was irgendeine Regierung sagt. Wenn viele Menschen nicht wollen, dass Zensur durchgesetzt wird, dann gibt es einen Markt für Anbieter, die die Durchsetzung von Zensur verhindern. Und dieser Markt wächst gerade auf Kosten von Facebook. Und Youtube. Und Google. Und Twitter.

Dr. Roland Mock / 04.11.2017

Interessant, was hier so über Zuckerberg geschrieben wird. Er kauft also ein Paradies, klagt dann aber sogleich gegen die dort schon immer lebenden Paradiesvögel, die Ureinwohner. Das paßt. Auch zu meinen Vorstellungen von Zuckerberg, Page, Jobs, Musk &Co;: Die sind zweifellos alle Visionäre; auf ihre Art Genies. Doch haben Sie alle eines gemein: Sie hängen ihren eindeutigen beinharten Geschäftsinteressen das Mäntelchen der Moral (Google: „ be evil“)  und der Weltenrettung über. Musk und Tesla retten das Klima. Mit Milliarden von durch Obama im Kongreß durchgepeitschten Subventionen. Mithin dem Geld anderer. Zuckerberg und Facebook retten die „Meinungsfreiheit“. Mit Milliarden von Anzeigenerlösen, die dann in die Taschen Zuckerbergs und seiner Mitaktionäre fließen. Und Steven Jobs erst: Trampte nach Indien, schwärmte von Gandhi (zeitweilig auch von Mao)  und -wie seine zeitweilige Gefährtin Joan Baez- von einer „gerechteren Welt voller Liebe“. Und: Wurde von einem amerikanischen Magazin in den 90 ern zum „fiesesten Chef der Welt“ gekürt. Legendär seine hire-and-fire- Personalpolitik, seine Rachsucht gegen nicht willfährige Geschäftspartner und seine jahrelange Weigerung, seine eigene Tochter anzuerkennen und deren Mutter Unterhalt zu zahlen. Als er schon Multimillionär war. Nein: Als Marktwirtschaftler durch und durch habe ich nichts gegen geniale Geschäftsmänner. Sollen sie ihre Milliarden verdienen. Doch bitte nicht so tun als wenn sie nur und ausschließlich die Welt damit retten wollten.

Frank Gausmann / 04.11.2017

Was hier ganz richtig für die Zuckerberg-Rede herausgearbeitet wird, ist ein allgemeines Signum des jüngsten westlichen Politikverständnisses. Partikularinteressen werden mit moralischen Argumenten unterfüttert und als alternativlose Politik verkauft, Gegner dieses vermeintlich ethisch motivierten weißen Rittertums werden dämonisiert, als Menschenfeinde oder mindestens „Modernisierungsskeptiker“ deklassiert. Die Beispiele hierfür sind gerade in der deutschen Politik offensichtlich. Die Grenzlinie innerhalb der Gesellschaft verläuft heute zwischen partikularinteressengetriebenem Gesinnungsethos und allgemeinwohlorientiertem Verantwortungsethos.

Gertraude Wenz / 04.11.2017

So gern ich diese Serie auch lese, so sehr muss ich doch sagen, dass es sich hierbei um altbekannte Tatsachen handelt. Dass ich die Folgen meines Tuns in alle Richtungen hin durchdenken muss, ist doch eine Binsenwahrheit und schon seit ewigen Zeiten bekannt. Dass eine deutsche Regierung dazu unfähig war und ist und hinzukommend eine allgemeine Infantilisierung der Bevölkerung, machen es aber wohl nötig, sozusagen schlichteste Erkenntnisse aufzupolieren und wieder unters Volk zu bringen.

B. Rilling / 04.11.2017

Sehr gut erklärt! Leider wird den wenigsten Menschen beim Lesen ein Licht aufgehen, so sie es denn überhaupt lesen.

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