Gastautor / 03.11.2017 / 06:00 / Foto: Josh Estey/AusAID / 8 / Seite ausdrucken

Der Fluch des guten Willens (2): Im Loch sitzen und weiterbuddeln

In der ersten Folge ging es darum, wie man auf einen falschen Weg gerät, der vom eigentlichen Ziel wegführt. Doch warum bleibt es oft dabei, obwohl  der Irrtum allen klar ist?

Von Hartwig Eckert.

Welche Gründe gibt es, auf antitelischem Verhalten zu beharren? Je länger die eingeschlagene antitelische Strategie verfolgt worden ist und je größer der bereits verursachte Schaden ist, desto geringer die Bereitwilligkeit, antitelisches Verhalten in telisches umzuwandeln. „Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.“ (Friedrich Nietzsche) Wird man auf dem vermeintlichen Weg zum Bahnhof nach nur wenigen Schritten in die falsche Richtung auf diesen Irrtum aufmerksam gemacht, ist die selbstverständliche Reaktion: „Oh, danke. Kehrt Marsch!“ Wenn wir die Bahnhofssituation als Metapher für Projekte nehmen, dann sind nach großem Aufwand für antitelisches Verhalten die Reaktionen in der Regel nicht durch Einsicht und Rationalität gekennzeichnet. Stattdessen findet man bei den Begründungen für antitelisches Verhalten vorwiegend emotionale Motive, von denen wir hier einige auflisten:

  • Gesichtswahrung, Machterhaltung: „Jetzt umkehren? Da würde ich mich unglaubwürdig machen. Wie stünde ich denn dann da vor meinen Reisebegleitern/ Wählern/meinen Mitarbeitern!“
  • Trotz: „Aber dies ist doch die Bahnhofsstraße, verdammt noch mal!“;
  • Rechtfertigung: „Nach dem damaligen Stand des Wissens war das die richtige Entscheidung.“ Nach der Veröffentlichung des Chilcot-Reports, demzufolge die Annahmen über den Kriegseintritt gegen den Irak sich als falsch erwiesen hatten, sagte Tony Blair: „I believe we made the right decision and the world is better and safer.“)
  • Das Motiv: Ich belehre lieber als dass ich belehrt werde: „Schaun Sie, der kürzeste Weg ist nicht immer der schnellste“ oder mit nachsichtigem Lächeln: „Ja schon, urspünglich wollten wir den Zug nehmen, aber man muss flexibel bleiben.“ Oder: „Columbus hätte Amerika nie entdeckt, wenn er nicht Fehler in seiner Berechnung gemacht hätte.“
  • Der Lemmingappell: „Aber schaun Sie mal, wie viel mehr Leute in diese Richtung gehen.“
  • Berufung auf die Sunk Cost Fallacy: „Ach nee, jetzt sind wir schon so lange in diese Richtung gelaufen, jetzt umkehren wäre wirklich blöd.“
  • Beharrung: Meine Entscheidung ist nun mal getroffen und ich werde im Nachhinein Gründe dafür finden: „Aber in dieser Richtung gibt’s bestimmt auch noch einen Bahnhof.“
  • Infallibilitätsdogma: „Wenn wir uns dahingehend einig sind, dass meine Aussagen immer richtig sind, können wir gerne innerhalb dieser Vorgabe diskutieren.“ (Merkel: „Wir schaffen das.“ und „Keine Obergrenze.“)

Warum sind in dynamisch-komplexen Systemen antitelische Wirkungen die Regel statt die Ausnahme? Das Beispiel mit der Bahnhofstraße haben wir aus didaktischen Gründen an den Anfang gestellt. Es handelt sich hierbei um die einfachste Struktur der Antitelie, nämlich um eine durch Eindimensionalität definierte Struktur mit nur einer Alternative: links oder rechts. Bei den meisten Entscheidungen sind die Strukturen komplex und die Systeme vernetzt, sodass jede Entscheidung Auswirkung auf viele Faktoren hat, und jede Auswirkung wiederum Auslöser für weitere Veränderungen ist, und wo Maßnahmen häufig erst mit großer Verzögerung Wirkungen zeigen.

Dazu ein Beispiel: Im April 2016 sagte Facebook-CEO Mark Zuckerberg in seiner Rede auf der f8-Konferenz (Facebook Developer Conference):

„Wir sind eine einzige globale Gemeinschaft; ob wir nun einen Kriegsflüchtling willkommen heißen oder einen Einwanderer, der nach Möglichkeiten sucht .... Gebt jedem die Macht (power), alles mit allen zu teilen. ... Ich höre ängstliche Stimmen, die danach rufen, Mauern zu bauen und sich von Menschen zu distanzieren, die sie als ‚andere’ bezeichnen. Ich höre, wie sie danach rufen, freie Meinungsäußerung zu unterbinden, Einwanderung zu verlangsamen, den Handel zu reduzieren und in einigen Fällen sogar den Zugang zum Internet abzuschneiden.“

Zuckerberg als Mahatma Ghandi?

Haben wir es hier mit einem Visionär von der Größe Mahatma Gandhis zu tun? Was bedeutet sein Aufruf „alles mit allen zu teilen“ konkret? Sind Sie bereit als Häuslebauer und Altersvorsorger ihr Konto mit dem Ihres hochverschuldeten drogensüchtigen Nachbarn zusammen zu legen? Jetzt bitte nicht mit dem bibelexegetischen Satz kommen: „Das ist doch nicht wörtlich zu verstehen; es ist nur ein Gleichnis“, denn wenn Zuckerberg uns keine Hinweise gibt, wie seine Handlungsaufforderung zu verstehen ist, dann legt er damit den Grundstein zu neuen, noch größeren Konflikten als bisher.

Wie wenn nun moderat geschätzt drei Milliarden Menschen beschließen, „opportunity“ - frei übersetzt als „ihr Glück“ - in Europa zu suchen? Es gibt kein Machtvakuum. Bei gigantischen Völkerwanderungen entstehen demografische Verschiebungen mit Sogwirkung auf der einen Seite und plötzlichem Überdruck durch Zuwachs auf der anderen. Werden alle Menschen mit Besitz den ihren bereitwillig mit all jenen teilen, die Möglichkeiten suchen? So bereitwillig teilen wie Milliardär Zuckerberg? Zuckerbergs Antwort darauf ist dem Sinn nach: Das wird sich dann schon finden, oder in seinen eigenen Worten: „Man braucht Mut, um die Hoffnung der Angst vorzuziehen. Die Leute werden dich immer naiv nennen, aber es sind diese Hoffnung und dieser Optimismus, die hinter jedem wichtigen Schritt nach vorne stehen.“

Sich in dynamisch-komplexen Systemen bewegen, ohne sich Gedanken über die Komplexität zu machen, ist der Königsweg zu antitelischem Verhalten. Es sind genau diese Forderungen von epochalen und globalen Auswirkungen mit dem Appell zur Tapferkeit ohne Analyse der Konsequenzen und ohne vernetztes Denken, die wir zusammenfassen in der Formulierung „Einfache Wege in komplexe Desaster“.

In der nächsten Folge lesen Sie: Woran erkenne ich die vorgegebenen und die tatsächlichen Ziele?

Diese Serie besteht aus Auszügen aus dem Buch „Zielverführung. Wer für alles eine Lösung weiß, hat die Probleme nicht verstanden.“

Die Professoren Dietrich Dörner, Jose Julio Gonzalez, Hartwig Eckert, Ines Heindl und Gunnar Heinsohn haben sich für das Buch „Zielverführung“ zusammengetan, um der Frage nachzugehen, warum wir in komplexen Systemen – also allen gesellschaftspolitischen – unter großem Aufwand das Gegenteil von dem erreichen, was wir als Ziel definiert haben.

Herausgegeben von Hartwig Eckert und Jose Julio Gonzalez, Altan Verlag 2017, 82008 Unterhaching, ISBN 978-3-930472-51-2. Zu beziehen beim Verlag direkt oder hier bei Amazon.

Prof. Dr. Hartwig Eckert lehrt an der  Europa-Universität Flensburg (EUF) Anglistik und Sprachwissenschaft

Teil 1

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Foto: Josh Estey/AusAID CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (8)
Wolfgang Richter / 03.11.2017

“Wie wenn nun moderat geschätzt drei Milliarden Menschen beschließen, „opportunity“ - frei übersetzt als „ihr Glück“ - in Europa zu suchen?” Diese Frage ist in dem Roman “Das Heerlager der Heiligen” von dem als quasi Seher daher gekommenen Franzosen Jean Raspail (da bereits verfaßt bis 1973) sehr anschaulich und teilweise schaurig beschrieben, die teilweise vorherrschende Hilflosigkeit, gegründet auf im weitesten Sinne “christlich” motivierter und politischer Korrektness, auf der anderen Seite die Jubler, die eine neue und vor allem gleiche Gesellschaft der Armut für alle im Sinn haben. Am Ende steht der völlige Zusammenbruch der Ordnung des westlichen Europa. Und wir sind auf dem Weg (geschickt worden, massiv seit 2015).

Martin Lederer / 03.11.2017

Der Punkt ist: Wenn ich alleine zum Bahnhof gehe, und mich dabei falsch verhalte, muss nur ich die Konsequenzen tragen. In der großen (politischen) Realität sieht es anders aus: Leute treffen Entscheidungen für Millionen von Menschen. Und sie selbst sind davon meist kaum betroffen. Deren Hauptproblem ist, dass sie weiterhin an der Macht bleiben. Und dabei sind viele Punkte (Medienkontakte, Netzwerke in der Partei, sonstige gute Kontakte in die Wirtschaft, zu NGOs und Co, ...) viel wichtiger als die Frage, ob das Problem gut oder schlecht gelöst wurde. D.h. es gibt kaum eine direkte Kopplung “Problem schlecht gelöst—> schlecht für mich”. Man könnte es auch (aus der Sicht z.B. eines Politikers) so sagen: Ob das Ganze irgendwann zu Bruch geht, kann für mich egal sein, solange es mir nur selbst besser geht.

Ralf Görlitz / 03.11.2017

Sehr interessante Buchempfehlung. Vielen Dank! Der universitäre Duktus war gleich erkennbar, ober ohne “Zerreden”.

Heiko Stadler / 03.11.2017

Unsere Politiker sind wie der Gast in einem Restaurant, der sein Essen bestellt hat und dann merkt, dass er seinen Geldbeutel vergessen hat. Was macht er jetzt? Er bestellt einen noch einen teuren Nachtisch, damit er nicht so schnell zahlen muss.

Gertraude Wenz / 03.11.2017

Gesichtswahrung, Machterhaltung, die Sorge, sich unglaubwürdig zu machen, der Wunsch als “guter” Mensch dazustehen, waren meines Erachtens die Motive Angela Merkels für ihre Jahrhundertfehlentscheidung. Man muss sich diesen wahrhaft grenzenlosen Egoismus einer Kanzlerin, die geschworen hat, dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen, mal in seiner ganzen Tragweite vor Augen führen. Einen Misstrauensantrag hätte man damals stellen müssen. Regierungschefs oder Minister sind schon über weniger gestolpert. Hätte sie einem Praktikanten ans Knie gefasst, hätten wir inzwischen wohl schon eine/einen anderen Kanzler… Die Welt ist verrückt. Ich habe es immer gewusst. Über Denkfehler hat Rolf Dobelli sehr kurzweilig zwei empfehlenswerte Bücher geschrieben: “Die Kunst des klaren Denkens” und “Die Kunst des klugen Handelns”.

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