Quentin Quencher / 01.11.2017 / 15:08 / 2 / Seite ausdrucken

Der Erklärer – immer auf der richtigen Seite

Niemals geht der Erklärer ohne seinen Taschenspiegel aus dem Haus. Meist hat er auch ein Schminkköfferchen dabei. Dabei ist er gar nicht eitel, der Spiegel dient nur der Selbstvergewisserung wer er eigentlich ist. Es muss sich ständig selbst überprüfen, ob da vielleicht irgendein Fussel an ihm haften geblieben ist, irgendwas was da nicht hingehört. Kürzlich hat er sich einen Selfie-Stick zugelegt, damit geht diese Überprüfung etwas unauffälliger. Ohne Spiegel kann der Erklärer nicht sein. Niemals würde er sich morgens vor die Tür trauen, ohne sich gewissenhaft davon überzeugt zu haben, dass alle Kleider zueinander passen, die Frisur auch, ob die Rasur gründlich war.

Alle seine Kleider sind grau, nur zu ganz besonderen Anlässen traut er sich, ganz behutsam, etwas Farbiges zu tragen. Niemand soll falsche Schlüsse über den Erklärer ziehen können. Deshalb sein überpenibles Äußeres, wie eine Fassade trägt es vor sich her. Entdeckt er eine Unregelmäßigkeit an sich, vielleicht eine Rötung im Gesicht, gar einen Pickel, so wird es sofort überschminkt.

Wie er auf seine Erscheinung achtet, so benutzt er seine Wörter. Sie werden auf Ordentlichkeit überprüft, niemand soll ihn in eine falsche Ecke einordnen können. Die Startseite seines Browsers ist Wiktionary.org, dort ist jeder Begriff genau erklärt: Bedeutung, Herkunft, sinnverwandte Wörter, Beispiele. Für die wichtigsten Wörter kennt er alles auswendig, weiß welche Gefahren in der Verwendung von mehrdeutigen Wörtern liegen.

Eigentlich bin ich doch ein Linker

Vor den Konnotationen graust es ihm am meisten, er kann nicht in die Köpfe seiner Zuhörer schauen, weiß nicht, welche Assoziationen sie entwickeln wenn sie seine Worte hören. Ein falsches Bild von ihm könnte entstehen, deshalb muss er sich erklären, immer wieder, alle seine anderen Aussagen werden zu Nebensätzen, immer ist ein Erklärung davor wie das Gesagte zu verstehen ist.

Wie Schminke legen sich diese Erklärungen über seine sonstigen Wörter. Nichts anrüchiges darf auf ihn zurückfallen, das seine makellose Erscheinung besudeln könnte. Ein Liberaler sei er, oder ein Linker, oder ein Rechter, sagen andere Erklärer von sich, den darauf folgenden Nebensatz damit zukleisternd. Welche Bedeutung die Aussage des Nebensatzes hat, der ja bei jedem anderem, der nicht ein Erklärer ist, ein Hauptsatz wäre, das fragt dann keiner mehr nach.

In unruhigen Zeiten sind allerdings wieder Aussagen über die Bedeutung einer Sache gefragt, die Erklärungen des Erklärers wandern nun in den Nebensatz. Sie sind nun keine Selbstbespiegelung mehr, sondern eher Rechtfertigungen für einen Sinneswandel. Dann rechtfertigt sich der Erklärer mit seiner Herkunft: Eigentlich bin ich doch ein Linker oder Grüner, hört man heute nun so viele Erklärer sagen, rechtfertigend im Nebensatz. Denn eines ist allen Erklärern gemeinsam, sie wissen, daß das Richtige nur der Richtige sagen darf, wenn es der Falsche tut, muss es seiner Falschheit entsprungen sein.

Dass der Erklärer zu den Richtigen gehört steht fest, gerade hat er es im Spiegel überprüft, kein Makel ist an seiner Kleidung zu sehen und auch keine Rötung im Gesicht mehr erkennbar. Die paar Fusseln auf der Jacke konnte er abzupfen und genug Schminke hat er auch noch dabei, für heute zumindest.

Von Quentin Quencher kürzlich erschienen: „Chlorhähnchen esse ich jederzeit“ hier.

Leserpost (2)
Ulrich Jäger / 02.11.2017

Auf was man so alles kommt, wenn man die „heute-Schau“ mit Klaus (oder Claus?) Kleber sieht.

Karla Kuhn / 01.11.2017

Wie schön und so !!  treffend.

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