Henryk M. Broder / 18.07.2014 / 23:22 / 8

Der Dr. Tartuffe unter den Betroffenheitsdarstellern

Wenn es um Israel oder Juden geht, hat jeder Kretin nicht nur eine Meinung, sondern auch das unbezwingbare Bedürfnis, sie zu äußern. Mein All-Time-Favourite in dieser Disziplin ist der Berliner Politologe Ekkehart Krippendorff, der vor über 20 Jahren in der taz folgenden Schwachsinn geschrieben hat:

Man stelle sich dieses Szenario vor: Kein deutscher Jude folgt den diskriminierenden Anordnungen der deutschen Behörden (Judenstern, getrennte Parkbänke, beschränkte Einkaufszeiten usw.) - wären sie gegenüber Hunderttausenden durchsetzbar gewesen? Man stelle sich vor, kein deutscher Jude wäre Befehlen gefolgt, sich zu Sammelplätzen einzufinden - einige Dutzend, einige hundert, vielleicht auch einige zehntausend hätte die deutsche Polizei einzeln (passiver Widerstand!) aus ihren Wohnungen gezerrt und auf Lastwagen verladen; aber Hunderttausende? . . . Oder man stelle sich vor, die Kolonnen der Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt, ,Sitzstreik’’ nennen wir das heute - hätten Polizei, SA, Wehrmacht und SS es gewagt, im Angesicht aller deutschen Zuschauer diese Menschen jeden Alters und Geschlechts zusammenzuschlagen und sie Körper für Körper, widerstandslos und doch mächtig, auf Lastwagen zu verfrachten? . . . Die Spekulation ist zumindest legitim, sich zu fragen, ob das Regime nicht an einem solchen massiven passiven Widerstand selbst zerbrochen wäre.

An dem Umstand, dass das NS-Regime nicht zerbrochen ist, sind also nicht Krippendorffs depperte Verwandte schuld, sondern die Juden, weil sie keinen passiven Widerstand geleistet haben und zu den Güterbahnhöfen marschiert sind, statt sich zu einem Sitzstreik niederzulassen. Ein Schwachmat, der so etwas äußert, wird nicht etwa in eine Klinik für hoffnungslose Fälle geschickt, er darf bis zu seiner Verrentung Politologen ausbilden, Doktorarbeiten betreuen und neue Kretins heran züchten.

Krippendorff dicht auf den Fersen ist “Dr.” Reuven Moskowitz, ein Hochstapler und Titelbetrüger, der sich in Ermangelung anderer Talente eine Existenz als “Israelkritiker” aufgebaut hat, eine Variete-Nummer, mit der er von Kirchentag zu Kirchentag und Volkshochschule zu Volkshochschule tingelte, bis bekannt wurde, dass er weder ein Doktor noch ein Akademiker, sondern ein schäbiger Aufschneider ist, der seinen Gastgebern das erzählt, was sie von einem “guten” Juden hören wollen, dass nämlich die Israelis Schweine sind, die nichts aus der Geschichte gelernt haben und die Deutschen die Pflicht haben, darauf zu achten, dass die Juden nicht rückfällig werden. Ab und an taucht er mit seiner Mundharmonika aus der Gruft der Scheintoten auf. Zuletzt wurde der “Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung” von der “schwäbischen” reanimiert. In einem Interview erklärte er “das Blutvergießen im Gazastreifen für völlig inakzeptabel”, bescheinigte der Hamas, “nicht aus Willkür, sondern aus Ohnmacht” zu handeln und zeigte sich “als Holocaust-Überlebender” über das schlechte Benehmen der Israelis “sehr deprimiert”.

Anders als Moskowitz hat Jürgen Todenhöfer, die Nr. 3 auf meiner Hitliste, tatsächlich promoviert. Er ist sozusagen der Dr. Tartuffe unter den Betroffenheitsdarstellern, Niemand leidet lustvoller als er. Vor zwei Jahren hat er den syrischen Präsidenten für die ARD interviewt und sich dafür nichts als Spott eingehandelt. Selten ist ein Despot und Massenmörder zärtlicher angefasst worden. “Der syrische Präsident ist anders als all die Diktatoren, die ich in meinem politischen Leben kennenlernen musste. Er ist ein stiller, nachdenklicher Mann”, fasste der “deutsche Denker” seine Begegnung mit dem Mann zusammen, der seine eigenen Untertanen auf eine stille, nachdenkliche Art vergasen liess.

Aus Gründen, die vor allem etwas damit zu tun haben, dass sogar ein Blender und Wendehals wie Gregor Gysi gelegentlich Maybritt Illner und Anne Will beiwohnen darf, gilt Jürgen Todenhöfer als Nahostexperte. In dieser Eigenschaft, die zu den ungeschützten Berufsbezeichnungen gehört, trat er vor kurzem im morgenmagazin der ARD auf. Was er dabei von sich gab, war so unglaublich und so unglaublich irre, dass ich außerstande bin, darauf einzugehen. Verglichen mit Todenhöfer sind sogar Horst Mahler, George Galloway und Richard Williamson liebenswerte Zeitgenossen mit kleinen Macken. Die einzige adäquate Art, ihm zu antworten, wäre, ihm ins Gesicht zu kotzen, was ich auch tun werde, sollte er mir mal in einem ICE über den Weg laufen.

Der “politische Geisterfahrer”, der noch immer Mitglied der CDU ist, sollte sich “in fachärztliche Behandlung” begeben, hat ihm neulich ein Parteifreund geraten.

Ich fürchte, dafür ist es zu spät.

 

 

 

 

Leserpost (8)
Thomas Brinkhoff / 20.07.2014

Lieber Herr Broder, bitte holen Sie mich hinzu - ich kotze gerne mit! Grüße Thomas Brinkhoff

Andreas Brunn / 20.07.2014

Sehr geehrter Herr Broder, sie konstruieren in Ihrem Artikel eine Linie von Ekkehart Krippendorff über Reuven Moskowitz zu Jürgen Todenhöfer, um diesen letztendlich mit den absurden Äußerungen der beiden erstgenannten zu diskreditieren. Wenn Sie Herrn Todenhöfer demontieren wollen, dann setzen Sie sich doch bitte mit Herrn Todenhöfer auseinander, oder fehlen da vielleicht Argumente? Ich habe mir das Interview im ARD Morgenmagazin angesehen/angehört. Ihr Kommentar: ” .. Was er dabei von sich gab, war so unglaublich und so unglaublich irre, dass ich außerstande bin, darauf einzugehen. ...” Herr Todenhöfer versuchte auf das Leid der Menschen in Gaza aufmerksam zu machen. Das ist für Sie also irre? In Gaza sind seit Beginn der Bodenoffensive ca. 300 Menschen getötet worden, es gibt noch viel mehr Verletzte, unhaltbare Zustände in den Krankenhäusern (siehe auch der gestrige Spiegelartikel ... “Krankenhaus in Gaza: “Es fehlt hier an allem”) Weiterhin schrieben Sie: ” ... Verglichen mit Todenhöfer sind sogar Horst Mahler, George Galloway und Richard Williamson liebenswerte Zeitgenossen mit kleinen Macken. ...” Horst Mahler ist u.a. Holocaustleugner und Neonazi, Richard Williamson ist ebenfalls Holocaustleugner und war Bischoff der Pius Bruderschaft. Soso, diese Männer sind im Vergleich mit Todenhöfer liebenswerte Zeitgenossen mit kleinen Macken??? Ihr Abschluss: ” ... Die einzige adäquate Art, ihm zu antworten, wäre, ihm ins Gesicht zu kotzen, was ich auch tun werde, sollte er mir mal in einem ICE über den Weg laufen. ...” Das ist ja eine richtige journalistische Glanzleistung, Herr Broder. Jetzt haben Sie es dem Todenhöfer aber gegeben. :-) Der Blog nennt sich selbst: Die Achse des Guten. Herr Broder Sie können mit diesem Stil nicht gemeint sein. Beste Grüße. Andreas Brunn

Peter Luetgendorf / 19.07.2014

Sehr geehrter Herr Broder, die deutschen Journalisten sind inzwischen komplett verrückt geworden. Und deshalb kann man keine Kritik mehr äußern. Gruß Peter Luetgendorf

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