Gastautor / 14.12.2011 / 13:39 / 0 / Seite ausdrucken

Der diskrete Charme der Berichterstattung

Manfred Gillner

Wenn bei einer Verbrechensmeldung die Kommentarbereiche der führenden Online-Medien nach kurzer Schamfrist geschlossen oder erst gar nicht geöffnet werden, dann weiß man: Jetzt ist wieder etwas geschehen, was den Hütern der politischen Korrektheit höchst ungelegen kommt. So geschah es auch nach dem Terroranschlag in Lüttich. Denn als solchen muss man es wohl bezeichnen, wenn sich jemand im Tarnanzug, bewaffnet mit Granaten, Revolver und Kalaschnikow ins Auto setzt, zum Lütticher Weihnachtsmarkt fährt, aufs Dach einer Bäckerei steigt und alles niedermetzelt, was er erwischen kann. Der Schütze habe genau gewusst, was er wollte, sagte eine Journalistin, die den Vorgang als Zeugin erlebte. Es sei ihm darum gegangen, möglichst viele Menschen zu treffen.

Bis jetzt sind fünf tot und 123 verletzt. Wohlgemerkt: Auch den Verletzten war der Tod bestimmt gewesen. Der 33 Jahre alte Attentäter erschoss sich selbst oder kam aus Versehen durch eine Handgranate um. Für das Letztere spricht die Tatsache, dass er noch längst nicht alle Munition verbraucht hatte. Andererseits wollen Zeugen gesehen haben, dass er sich in den Kopf schoss.

Der Täter hat eine lange Verbrecherlaufbahn hinter sich, die Staatsanwaltschaft nennt Vergehen gegen Waffengesetze, Drogenkriminalität, Hehlerei und Sexualdelikte. Im Herbst 2008 wurde er zu 58 Monaten Gefängnis verurteilt. Man hatte 2.800 Cannabispflanzen, 9.500 Waffenteile und ein gutes Dutzend Waffen bei ihm gefunden, darunter Kriegswaffen und eine Panzerfaust. Schon nach zwei Jahren kam er 2010 auf Bewährung wieder frei. Am Dienstag war er wegen nicht näher genannter „Sittendelikte“ zur Vernehmung bei der Polizei vorgeladen. Den Termin nahm er nicht wahr und machte sich einen Tag später auf den Weg, um seine letzte Tat zu vollbringen. „Der wollte so viel Schaden anrichten wie möglich“ titelt der Spiegel. So kann man es natürlich auch ausdrücken, das klingt besser als „Massaker“.

Die deutschen Medien verbreiten vorerst den Eindruck, als wären sie heilfroh, wenn man den Vorgang als Einzeltat eines Waffennarren abtun könnte. Warum? Nun, der Täter heißt Nordine Amrani, im Mediendeutsch: Nordine A. Der Name dürfte wohl schon genügt haben, um gewisse Schutz- und Trutzreflexe bei manchen Journalisten auszulösen. Könnte es sein, dass es sich um einen „Südländer“ handelt oder womöglich gar um einen – nein, sprechen wir es lieber nicht aus, noch nicht. Nur wenn der Täter kurze blonde Haare hat, darf man frühzeitig und ausgiebig darüber sinnieren, woher er stammt, was ihn zu der Tat getrieben hat, wie er heißt, ob er katholisch ist, wie viele seinesgleichen noch frei herumlaufen und wer wohl sein Spiritus Rector gewesen sein könnte.

Nordine Amrani wollte vielleicht ein Verbrechen von derselben Dimension wie Anders Breivik verüben. Er war bewaffnet bis an die Zähne und die Tat geschah nicht im Affekt, sondern sie war geplant. Die belgische Presse hat kein Problem damit, Breiviks und Amranis Taten zu vergleichen, aber auch sie hat sich beeilt, von einem Einzeltäter zu sprechen und keinerlei Spekulationen über das Motiv aufkommen zu lassen. Doch in den belgischen Foren und Blogs werden die Themen abgehandelt, die den Bürger bei einem solchen Ereignis bewegen: Warum so früh auf Bewährung frei, warum keine Festnahme nach dem versäumten Vernehmungstermin, warum schon wieder im Besitz von Waffen, wer lieferte diese, wie lange hat er das schon geplant, warum der Weihnachtsmarkt, woher so viel Hass, gibt es Hintermänner, was war das Motiv? Und ja, sie schreiben, dass der Täter wohl ein Araber oder Nordafrikaner und ein Moslem war. Eine Frage sticht besonders heraus: Hat er die Kriegswaffen, die man 2008 bei ihm fand, wirklich nur gesammelt, weil er ein Waffennarr war?

Auf seiner Facebook-Seite gibt es (noch) 21 vorwiegend weibliche Freunde und Kontakte zu Seiten wie „Un-avennir Meilleur-Insha’allah“, „Prêche en Islam“ oder „Anasheed c’est ici“. Frauen dürften vor allem an „Prêche en Islam“ Gefallen finden, denn sie lesen dort, dass eine Frau ohne Schleier die Gebote Allahs nicht befolgt und ihr das ewige Höllenfeuer droht. „Anasheed c’est ici“ ist von Dr. Zakir Naik, dem Präsidenten der „Islamic Research Foundation“ inspiriert. Dem Prediger und Hardcore-Islamisten verweigerten Kanada und Grossbritannien vergangenes Jahr die Einreise. Auf YouTube kann man ein Video finden, in dem er erklärt, warum nur Muslime in den Himmel kommen. Er meint auch, ein Mann dürfe seine Ehefrau dann und wann ruhig schlagen.

Das war ein Teil des geistigen Umfeldes des Attentäters. Warum muss das verschwiegen werden, wieso stellt man hier nicht so weitreichende Mutmaßungen an wie im Fall Breiviks oder der Döner-Mörder? Warum wird ein so ungeheures Verbrechen nicht von allen Seiten beleuchtet wie jedes andere auch? Was soll dieses Schweigekartell bringen, das es nicht einmal erlaubt, alle Fakten zu publizieren und eilends auf eine genehme Variante – Einzeltäter ohne erkennbares Motiv – drängt?

Warum sind Überlegungen über ein religiöses oder politisches Motiv unerwünscht, sobald es sich um den Islam handelt? Welchen Gefallen tut man einer Glaubensgemeinschaft, wenn man ihr ständig Sonderstatus zugesteht und sie damit regelrecht stigmatisiert? Wieso diese kindische Tabuisierung, die doch gerade erst recht dazu führt, dass nur in die unerwünschte Richtung diskutiert wird? Weshalb glaubt man, uns manche Themen zumuten zu können und andere nicht? Wir brauchen keine gefilterten Informationen und vorgestanzten Meinungen, man muss uns nicht vor Trugschlüssen bewahren. Wir sind alle erwachsene, mündige Bürger, jedenfalls wir Leser und Zuschauer.

http://www.levif.be/info/actualite/belgique/des-tueurs-comme-nordine-amrani-tuent-pour-laisser-une-trace/article-4000018090422.htm
http://www.dhnet.be/regions/liege/article/378692/attentat-a-liege-nordine-amrani-le-tireur-qui-a-seme-la-terreur.html
http://www.facebook.com/nordine.amrani1?ref=ts

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