Rainer Bonhorst / 19.10.2017 / 14:30 / Foto: Parlophone Music / 9 / Seite ausdrucken

Der Brexit als Mystery-Tour

Wenn Theresa May, Boris Johnson und David Davies sich ins zentraleuropäische Tiefland wagen, so werden das unausweichlich Begegnungen der dritten Art. Sicher, die englischen Insulaner und die Bewohner des Kontinents gehören einer gemeinsamen Spezies an und sind in der Lage, sich zu vermischen und zeugungsfähigen Nachwuchs zu produzieren. Aber das heißt nicht, dass sie von der gleichen Art sind.

Man schaue sich nur die strengen, rechteckigen Parkanlagen französischer Schlösser an und die akkuraten, Ordnung signalisierenden Vorgärten deutscher Doppelhaushälften. Und dann stelle man sie den englischen Parks gegenüber, deren Schlossherren über Generationen daran geschuftet haben, dass ihre Latifundien so ungeordnet aussehen wie von der Natur gemacht, nur viel schöner.

Der Kanal trennt zwei Denk- und Lebensmodelle. Was nicht logisch ist, ist nicht französisch, ist das Credo der Franzosen. Ordnung ist das halbe Leben, das unsrige. Beide Sentenzen stoßen auf der Insel auf mildes Lächeln. Engländer haben im Laufe der Jahrhunderte entdeckt, was die wahre und damit zu akzeptierende Natur des Menschen ist. Leider war es der deutsche Dichter Conrad Ferdinand Meyer, der die englische Befindlichkeit am besten beschrieben hat: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch. Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

Nicht die Ordnung sondern die Freiheit

Es ist kein Zufall, dass auf der Insel die gewaltigen Kräfte entdeckt wurden, die der Kapitalismus durch das freie Spiel auf dem Markt entfachen kann. Diese angelsächsische Entdeckung, die dann nach Amerika auswanderte, ließ den staatsgesteuerten, merkantilistischen Kontinent erst einmal staunend zurück. Nicht die Ordnung sondern die Freiheit, nicht die Steuerung sondern die Kreativität sollte ein Erfolgsrezept sein? Da musste der Kontinentalmensch erst einmal tief durchatmen, ehe er sich auch daran versuchte.

Inzwischen haben die Ordnungshüter und die Freischwebenden ihre Vorstellungen diesseits und jenseits des Kanals zu noch erfolgreicheren Synthesen vereint. Aber die Wurzeln und die Neigungen sind die alten. Improvisation statt akkurates Planen auf der Insel, die Angst vor unkontrolliertem Wuchern auf dem Kontinent.

Ein sprechenderes Bild als das aus Brüssel, das die Kontinentaleuropäer mit ihren Aktenordnern zeigt und David Davies mit seinen leeren Händen, kann es für dieses Phänomen nicht geben.

„We cross this bridge when we get there“, sagt der Engländer. Während der Kontinentaleuropäer plant, wie er auch dann über die Brücke kommt, wenn sie gar ncht da ist. Die Engländer hingegen hören auf Bert Brecht, der geschrieben hat: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch 'nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“ Also wieder ein Deutscher, der die englische Denkweise beschreibt. Waren Meyer und Brecht vielleicht Mutationen genetischer Engländer?

"Gesamtkonzept? Haben wir nicht"

„Was ist eigentlich Ihr Gesamtkonzept?“ fragen Besucher vom Kontinent gerne ihre englischen Gesprächspartner, wie mir ein Brite erzählte. Und dann lächelte er: „So was haben wir nicht!“ Und sein Gesicht sagte mir, dass er „an sowas“ auch nicht glaubt. Ein anderer: „In Deutschland ist die Ordnung ein Wert an sich, bei uns in England nicht.“ Kurz und gut, die weit verbreitete Vorstellung, dass es sich bei den Engländern um eine Art Preußen mit Linksverkehr handelt, könnte irriger nicht sein.

Jetzt ist spätestens der Zeitpunkt gekommen, zu erwähnen, dass der Leser es hier nicht mit einer wissenschaftlichen Analyse sondern mit einer anekdotischen und nicht ganz ernst gemeinten Betrachtung zu tun hat. Aber auch das passt zum Thema. Ein gewisser Unernst schlängelt sich durch das englische Leben. Nur so erklärt sich, dass Boris Johnson seinem Ex-Kommilitonen David Cameron nur um eines sportlichen Wettbewerbs willen  den Brexit eingebrockt hat. Ein gewisser Unernst bis hin zur Frivolität.

Unordnung ist das halbe Leben? Ja kann ein Volk denn damit erfolgreich sein? Die Briten sind es, obwohl sie sich leichtfertigerweise (frivolerweise?) aus der klassischen Industrie verabschiedet haben. Ihre kreative Power macht sie auch postindustriell zu einer führenden Wirtschaftsmacht. Es lohnt sich, nebenbei bemerkt, auch mal, die britischen Nobelpreisträger zu zählen.

Hinter der vordergründigen Freude am kreativen Chaos steckt in England eine Welt starker Persönlichkeiten. Hinter dem lässigen Gentleman steckt meist auch ein bissiger John Bull. So merkwürdig es scheinen mag: Aber die Briten hatten mal ein gewaltiges Weltreich, von dem manche heute noch nostalgisch träumen. Der Glaube, die alten Weltverbindungen wie verflossene Geliebte wieder aufleben zu lassen, gibt ihnen in Brexit-Zeiten Zuversicht. Wer schon mal versucht, solche halbvergessenen Liebschaften neu aufzuwärmen, weiß, dass solche Versuche meist sehr kurz sind und im Nichts enden. Aber manchmal klappt's eben doch.

Ohne Aktenberge nach Brüssel

Es ist auch kein Zufall, dass die Briten – nicht der Logik der Ohnmacht sondern dem Herzen, dem Stolz und dem Freiheitsdrang folgend – in Europa den härtesten Widerstand gegen ein System aggressiver, brutaler und mordender Ordnungshüter organisiert haben. Daraus speist sich die gelegentliche Weltkriegsnostalgie. Da muss man als Deutscher auch gönnen können.

England wird den Brexit überleben und seine Nachteile mühsam aber kreativ überwinden. Theresa May, Boris Johnson und David Davies werden nie mit dicht beschriebenen Aktenbergen nach Brüssel pilgern. Wenn die Damen und Herren mit den kontinentalen Akten den Improvisationskünstlern von der Insel die Brexit-Zeit allzu schwer machen, werden die es sogar auf einen Absturz in einen ungeordneten Brexit ankommen lassen. Dabei werden sie sich stolz einige Knochen brechen, aber die Kontinentaleuropäer werden auch nicht ungeschoren davon kommen.

Überhaupt ist es eine Schande, dass das politische Europa das überaus kreative, tüchtige und etwas andere Inselvolk zu verlieren droht. Ein Brexit, der auch in Zukunft die beiden unterschiedlichen Mentalitäten möglichst eng und freundschaftlich beieinander hält, wäre für beide Seiten das Beste.

Man steht vor der Brücke. Man kann sie mit und ohne kleingedruckten Plan betreten und einfach aufeinander zu gehen.

Leserpost (9)
Hermann Blaschek / 20.10.2017

Sehr geehrter Herr Bonhorst, das war eine sehr anglophile Botschaft, die Sie uns vermitteln wollen. Aber ich frage Sie - wie kann man auf jemanden zugehen, der auf eigenen Wunsch FORTgehen will? Soll man ihm nachlaufen? “Wir sind alle etwas Besonderes”, “Wir sind nicht wie die anderen” das hört man von der Insel wie auch aus den Alpen. Ist doch ok, bleibt beim Chäsfondue oder Fish&Chips;, wer will Euch das denn wegnehmen. Aber verkennt nicht Eure Situation, es geht längst nicht mehr um England, Frankreich, Deutschland oder Italien….Es geht um ASIEN, AMERIKA, AFRIKA…und….EUROPA. Wer heute noch einem “Weltreich” nachträumt welches aus Unterdrückung, Ausbeutung und Diebstahl bestand, der weiß wirklich nicht mehr in welcher Zeit wir leben. Also ist so ein planlos verträumtes Dasein erstrebenswerter als die vorausschauende Weitsicht, die eine Planung eben mit sich bringt? Unsere englischen (nicht britischen!) “Freunde” kennen nur IHRE Interessen und nichts anderes. Angelsächsicher “Freiheit” stelle ich hinter europäischer Solidariät. Niemand hat die Engländer aufgefordert zu gehen….das ist deren ureigenster Wunsch. Aber niemand muß es Ihnen erlauben, sich kostenlos zu bedienen, was der europäische Gabentisch so alles hergibt. Ist alles letztendlich ein Thema von Angebot und Nachfrage!!! Sollen die Engländer erst mal sich selber klarwerden, was sie eigentlich wollen. Aber egal, was sie machen, ALLES hat seinen Preis und der will bezahlt werden, ob ein Boris Johnson das wahrhaben will oder nicht? “Freiheit und Armut” oder “europäische Knechtschaft und Wohlstand”? mfg

Marie-Jeanne Decourroux / 20.10.2017

»Leider war es der deutsche Dichter Conrad Ferdinand Meyer…« Leider war er ein Schweizer.

Johannes Rausch / 20.10.2017

Life is what happens to you while you are busy making other plans ... Zitat von John Lennon.

Johannes Schaefer / 20.10.2017

Der Brexit ist ein großer Verlust für beide Seiten, der uns allen noch teuer zu stehen kommt. Aber der Versuch des Autors die fehlende Systematik und Planung der britischen Regierung anekdotisch zu rechtfertigen, ist unfreiwillig komisch. Denn zum einen deckt es sich nicht mit dem starren Festhalten der Briten an lieb gewonnenen Traditionen, die den Alltag ordnen - Stichwort Teatime. Zum anderen ist die Vorstellung, es sei die Natur britischer Regierungen ohne großen Plan und besondere Systematik vorzugehen geradezu absurd: Keine Regierung, auch keine britische, kommt ohne Systematik und Planung zurecht und erst recht das Empire ist nicht ohne Planung entstanden. Ein Brexit erfordert die Neuaushandlung sämtlicher Handelsbeziehungen des Königreichs und muss daher gut vorbereitet sein. Nötig sind die entscheidenden Dokumente, die wichtigen Zahlen, Stellungnahmen verschiedener Behörden und noch vieles mehr. All das muss ein Verhandlungsführer parat haben, damit er weiß, was er wie verhandeln soll und was die Argumente sind. Weil er es nicht alles im Kopf haben kann, braucht er Aktenordner - ja, Aktenberge. Der fehlende Brexit-Plan auf britischer Seite ist daher nicht Ausdruck einer bestimmten Mentalität, sondern Ergebnis eines leichtfertigen Umgangs mit einem großen Thema und des amateurhaften Agierens einer Regierungschefin, die längst angezählt ist.

Stefan Leikert / 20.10.2017

Ja, da war was, damals rund um die Beatles zum Beispiel. Gefällt mir!

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