Rainer Grell, Gastautor / 31.10.2017 / 06:15 / Foto: Lucas Cranach / 13 / Seite ausdrucken

Der Atheismus gehört auch zu Deutschland

Von Rainer Grell

"Der Atheismus gehört auch zu Deutschland". Wie kommt man auf die Idee, einen derartigen Satz in die Welt zu setzen?  Zwar weiß niemand genau, wie viele Menschen in Deutschland leben, die nicht an Gott glauben (Atheisten und Agnostiker). Aber mehr als Muslime sind es auf jeden Fall. Und der Islam gehört doch – jedenfalls laut Wolfgang Schäuble, Christian Wulff und Angela Merkel (und deren Trabanten) – auch zu Deutschland. Trotzdem habe ich den Satz bezüglich des Atheismus noch nie gehört oder gelesen. Das veranlasst mich zu der Frage, was es eigentlich bedeutet, dass dieses oder jenes „zu Deutschland gehört“?

Sir Christopher Clark, der sympathische australische Professor, der perfekt Deutsch spricht und in Cambridge (UK) neuere europäische Geschichte lehrt, hat kürzlich in einem „Welt“- Interview gesagt: „Selbstverständlich gehört der Islam zu Europa! ... Es ist eine unwiderlegbare historische Tatsache, dass der Islam Teil der europäischen Geschichte ist. ... Man sieht es in der wunderschönen Hauptstadt Sarajewo mit ihren Hunderten Moscheen und Minaretten, dass der Islam bis heute zu Europa gehört.“

Ja, klar. In diesem Sinne gehören Hitler, Himmler, Goebbels und all die anderen Naziverbrecher auch zu Deutschland, denn sie haben die deutsche und europäische Geschichte bis heute geprägt, wie ein Blick auf die politische Landkarte zeigt. Ich zum Beispiel bin in Rummelsburg, einer Kreisstadt in Pommern geboren, die heute Miastko heißt und Sitz einer gleichnamigen Stadt- und Landgemeinde im Powiat (Landkreis) Bytowski in der polnischen Woiwodschaft Pomorskie (einer der 16 obersten Verwaltungsbezirke) ist. Aufgewachsen bin ich im Dorf Treblin, der heutigen Landgemeinde Trzebielino.

In diesem Sinne gehört vieles zu Deutschland und Europa, ganz so wie Shakespeare es Hamlet formulieren lässt: “There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“ (In der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“) Die Frage ist nur, was damit ausgesagt werden soll.

Auch Mord und Totschlag gehören zu Deutschland

Schauen wir uns deshalb mal den Kontext in der Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 an. Dort heißt es: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: ‚Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.‘" Für Wulff ist der besagte Satz also offensichtlich positiv konnotiert, das heißt, er will damit einen positiven Inhalt zum Ausdruck bringen.

Diese Intension ist jedoch keineswegs zwingend mit dem Begriff „zu etwas gehören“ verbunden. Er beschreibt lediglich „eine unwiderlegbare historische Tatsache“, wie Clark das ausgedrückt hat. In diesem Sinne gehören Nationalsozialismus, Atheismus, Kommunismus ebenso zu Deutschland wie Mord und Totschlag, der marode Zustand zahlreicher Straßen und Brücken, die Staus auf den Autobahnen sowie Flüchtlingskrise und Parteiengezänk und ja, auch das oft inhaltslose Geschwätz unserer Politiker, insbesondere bei Gedenkfeiern und im Wahlkampf. Kurzum, alles was unser Leben irgendwie prägt oder geprägt hat – sei es positiv oder negativ.

Das „Woxikon“ bezeichnet übrigens 128 Synonyme (in 6 Gruppen) für „gehören“, weshalb es sich an sich nicht gehören sollte, diesen Begriff zu verwenden, ohne gleichzeitig zu sagen, was genau man damit meint. Aber eben dies, so habe ich manchmal den Eindruck, will man im „Politsprech“ gerade vermeiden. Nur wenn es um die Ablehnung all dessen geht, was „rechts“ ist oder dafür angesehen wird, lässt man es nie an der erforderlichen Klarheit (um nicht zu sagen Radikalität) fehlen.

"Der Atheismus gehört auch zu Deutschland" – ich meine ganz einfach: Es gibt in Deutschland viele, sogar sehr viele Atheisten, darunter solche, die wir als Bereicherung empfinden, und solche, die wir zum Teufel wünschen. Und nicht anders ist es bei Muslimen.

Kommt Ihnen bekannt vor? Zu Recht. Der Nachfolger Wulffs im Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, hat kurz nach seinem Amtsantritt erklärt: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“. Den Satz von Wulff könne er so nicht übernehmen, „aber seine Intention nehme ich an“. Wulff habe die Bürger auffordern wollen, sich der Wirklichkeit zu öffnen. „Und die Wirklichkeit ist, dass in diesem Lande viele Muslime leben.“

Das Beispiel zeigt übrigens: Es kann auch mal nützlich sein, dass ein Theologe einen Juristen interpretiert.

Leserpost (13)
Simone Robertson / 31.10.2017

Ich habe nichts gegen gläubige Menschen. Aber als Atheist habe ich in diesem Land das Recht, nicht von Gläubigen und ihren jeweiligen Eigenarten behelligt zu werden. Das hat auch, bis vor einigen Jahren, wunderbar funktioniert. Man sieht mir nicht an, dass ich Atheist bin und ich sehe meinem Nachbarn nicht an, dass er Jude ist oder der Kassiererin im Supermarkt, dass sie Katholikin ist. Ich will das nicht wissen. Denn ich möchte neutral auf die Leute zugehen und möchte, dass sie mir genauso begegnen. Das ist ein wenig so, wie mit der politischen Einstellung, damit geht man auch nicht unbedingt hausieren. Ich möchte mich nicht fragen müssen, ob mir Nachteile dadurch entstehen, weil ich eine andere Meinung/Glauben vertrete, als mein Gegenüber. Ich möchte mich in meiner Eigenschaft als Frau nicht moralisch herabgesetzt fühlen, weil ich kein Kopftuch trage. Wäre ich ein Mann, würde es mir nicht gefallen, als potentieller Angreifer zu gelten, der es nötig macht, dass Frauen ein Kopftuch tragen. Darum gehören meines Erachtens sämtliche offensichtliche Bekenntnis-Zeichen aus dem öffentlichen Raum verbannt, vor allem aber aus staatlichen Einrichtungen, die sich unbedingt neutral zu verhalten haben.

Michael Steiding / 31.10.2017

Die Ungarn und die Griechen haben über Jahrhunderte ihre Erfahrungen mit dem Islam, sprich Türkenherrschaft gemacht. Käme dort ein Politiker auf die Idee zu sagen, der Islam gehört zu uns?!

Bryan Hayes / 31.10.2017

Die entscheidende Frage ist, ob die Freiheitliche Grundordnung, die Rechts-, Grubdwerte- und Grundprinzipienordnung, die auch in Deutschland gilt, durch xyz geprägt oder gar determiniert wird. Bzgl. islamischer Doktrinen, Lehren, Werten etc. kann man das klar verneinen, was nicht bedeutet, dass es nicht im Einzelnen, z.B. beim Hochhalten der Familie, Kompatibilitäten gibt. Bzgl. des Atheismus muss man zwei Fälle unzerscheiden: a) Die aggressive antireligiöse, genereller antitranszendente Ideologie: Diese gehört (jedenfalls bestimmte Varianten davon) definitiv nicht zur Freiheitlichen Grundordnung, da sie fundamental unbegründbar ist (denn die Existenz der Welt kann nicht aus sich selbst erklärt werden, so dass die logische Folgerung sein muss, dass die Ursache der Weltentstehung außerhalb der für uns erkennbare Welt liegen muss (Transzendenz, Transphysikalität). b) Bzgl. des nicht-Glaubens an Götter: Ja, dies muss möglich sein und ist als sog. negative Religionsfreiheit Bestandteil der Freiheitlichen Grundordnung.

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