Henryk M. Broder / 30.12.2015 / 23:33 / 8 / Seite ausdrucken

Der Alles-Kleber

Nach langer Zeit habe ich mir heute wieder das heute-journal angetan. Es ist die Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen, die der “aktuellen kamera” am nächsten kommt. Und wenn Claus Kleber moderiert, dann kann man im Hintergrund Karl-Eduard von Schnitzler kichern hören. Heute freilich hat sich Kleber selbst übertroffen. In der Anmoderation zum Jahresrückblick des “journals” sagte er: “Europa ist zusammen geblieben, die deutsche Wirtschaft brummt, in der Flüchtlingskrise merkt Deutschland verblüfft, wozu es fähig ist. Hilfsbereitschaft, Empathie, Willkommen stellen in den Schatten, was Fremdenfeinde, Nationalisten und Zweifler auf die Straße bringt.” Sie glauben es nicht? Dann schauen Sie hier, ab Minute 14.

Der Komparativ von Fremdenfeind lautet Nationalist. Und von da ist es nur ein Schritt zum Superlativ: Zweifler. Fremdenfeinde, Nationalisten und Zweifler sind das, was man in der DDR “feindlich-negative Kräfte” und noch früher “zersetzende Elemente” und “Wehrkraftzersetzer” nannte. Sie bekamen Berufsverbot, wurden eingelocht oder zur Ausreise gezwungen. Diese Vielfalt der Mittel steht heute nicht mehr zur Verfügung, aber es ist gut, dass sich wenigstens einer traut, den neuen Klassenfeind beim Namen zu nennen, die Fremdenfeinde, Nationalisten und Zweifler. Das Pack, den Mob und die Dumpfbacken. Der Alles-Kleber machts möglich.

Siehe auch:
Was im Jahresrückblick des ZDF nicht erwähnt wurde.

Leserpost (8)
Thomas-Christian Kaiser / 01.01.2016

Lieber Herr Broder! Da müssen Sie von mir abgeschrieben haben. Schade, dass ich mir die Vergleiche des Heute-Journals mit der aktuellen Kamera und von Claus Kleber mit Carl-Eduard von Schnitzer nicht habe patentieren lassen. Ich hatte das so schon vor einigen Wochen an eine Redaktion geschrieben. Gut finde ich “Allles-Kleber”, das werde ich jetzt übernehmen. Na, dann Prost Neujahr. Mal sehen, was da noch an Irrwitz auf uns zukommt. Beste Grüße Thomas-Christian Kaiser

Thomas Lange / 31.12.2015

Herr Broder, die Berichterstattung der DDR mit heute zu vergleichen, geht zu weit. Ich fand ihre Artikel mal gut, aber jetzt wird es langweilig.

Karla Kuhn / 31.12.2015

Hallo Herr Broder, Sie haben mal wieder den Finger in die Wunde gelegt. Komischerweise bin ich gar nicht mehr erschüttert, weil ich nichts anderes erwarte. Darum schalte ich die Nachrichten gar nicht erst an. Ich wünsche Ihnen ein gutes Neues Jahr. Ich wünsche mir für 2016 informative und ehrliche Nachrichten. Wahrscheinlich ein frommer Wunsch aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Gunter Arentzen / 31.12.2015

Nun ja, zur Ausreise bewegen will man die Zweifler heute noch immer, wie unlängst bewiesen wurden. Die Mittel haben sich nicht geändert, nur haben die Politiker “noch” nicht die Macht, es durchzusetzen. Aber die Krise ist ja noch jung, warten wir mal ab, was 2016 kommt.

Dr.Stefan Wanke / 31.12.2015

Tja, der Kleber hält alles zusammen . Warum ist mir trotzdem so klebrig unwohl zumute?

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