Cora Stephan / 20.08.2016 / 12:17 / 7 / Seite ausdrucken

Denkverbote statt Debatte: Haben die Deutschen das Streiten verlernt?

Ach, das sieht nur von aussen so aus. Bloss, weil Ralph Giordano und Günter Grass nichts mehr zur Lage der Zeit sagen können, schweigen «die Intellektuellen» ganz und gar nicht. Sie äussern sich nur überwiegend woanders als in den hergebrachten Medien, nämlich auf Blogs wie der «Achse des Guten» oder auf «Tichys Einblick». Immerhin haben Maxim Biller (in der «Zeit») und Wolfgang Streeck (in der «FAZ») nun die Stimme erhoben, der eine kein Linker, der andere kein Dummer. Beide beklagen, dass an die Stelle der nötigen nüchternen Betrachtung der Lage und des Abwägens der Optionen Moralisieren und Tabuieren getreten ist.....

Immerhin darf mittlerweile darüber geredet werden, dass offene Grenzen auch Menschen anlocken, die den Islam als Aufforderung zu Terror verstehen. Hätte man das nicht ahnen können? Natürlich. Doch diejenigen, die schon im Herbst der Euphorie gewagt haben, Wasser in den Wein zu giessen, dürfen nicht darauf hoffen, im Nachhinein für ihre Weitsicht gewürdigt zu werden. Kritische Stimmen wurden von vornherein dahin gestellt, wo es in Deutschland kein Entrinnen gibt: in die rechte Ecke. Eine aktuelle Studie der Hamburg Media School, in der 34 000 Pressebeiträge aus den Jahren 2009 bis 2015 über Flüchtlingspolitik ausgewertet wurden, kommt zum Schluss, dass insgesamt 82 Prozent aller Beiträge zum Thema positiv gewesen seien; nur 6 Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Die tonangebenden Medien hätten «übersehen», dass die Aufnahme von Migranten «in grosser Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellen würden». Sie haben sich, um es mit Wolfgang Streeck zu sagen, «als Cheerleader einer karitativen Begeisterungswelle» aufgeführt. Hier in der Neuen Zürcher Zeitung der ganze Text.

Leserpost (7)
R. Helene van Thiel / 21.08.2016

Was Sie feststellen, Herr Seiler, habe ich auch gedacht. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.

Uta-Marie Assmann / 20.08.2016

Für Denunziantentum war Deutschland schon immer eine besondere Hochburg - sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR. Die unappetitliche und sinnigerweise von einer ehemaligen IM geführte Amadeu-Antonio-Stiftung des Maasmännchens mit der irreführend hohen Stirn, die auch vom Familienministerium unterstützt wird,  ist da nur die entsprechende Weiterführung.

Dietrich Herrmann / 20.08.2016

In der NZZ ist leider die Kommentarfunktion schon gesperrt… Ist es nicht so, dass die Gesinnungschnüffelei und der Gesinnungsterror, wie er von AAS familienministeriengefördert betrieben wird, die eigentliche neo-nazistische Aktion in diesem unserem Lande ist? Denn das krasseste Denuziantentum wurde von den Nazis während ihrer Herrschaft initiiert.

Marcel Seiler / 20.08.2016

Wieder mal ein Text einer deutschen Autorin über deutsche Angelegenheiten, der in der Schweiz veröffentlicht wurde. Warum nur?

Jedediah M Schmitz / 20.08.2016

Es ist zutiefst frustrierend, aber ich werte es als Lernerkenntnis: das idealistische Menschenbild habe ich abgelegt. Gesunder Menschenverstand mit kritischer Distanz ist die Eigenschaft einer Minderheit, 2015 und auch 2016. 2015 wurde man niedergebrüllt, 2016 will keiner mehr davon was wissen. Und man soll bitte nicht nerven mit Behauptungen, dass man die Konsequenzen schon 2015 vorhergesagt hat. Abstoßend sind die meinungsführenden Narzissten aus den Mainstream-Medien. Denen geht es doch lediglich darum, immer das erste und auch das letzte Wort zu haben. Was sie sich leider auch herausnehmen können, ich komme wieder auf mein neues unidealistisches Menschenbild zurück, denn die Menge macht auch diesen Schwenk wieder mit.

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