Gastautor / 10.06.2017 / 06:00 / 0 / Seite ausdrucken

„Demokratie leben!”: Ein Einhorn entleibt sich selbst

Von Erik Lommatzsch

Das DoppelEinhorn (das schreibt man so) ist etwas plump geraten. Geschmackssache, kann ja trotzdem niedlich sein. Kennen Sie es? Es twittert insbesondere jungen und sehr jungen Menschen, also möglicherwiese auch Ihren Kindern, was es so auf sich hat mit Meinungsfreiheit und Demokratie. Schön, dass so etwas steuerliche Zuwendung erfährt – ausgeschüttet durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wechselnde Begrüßungssprüche –  konserviert, gesammelt und als „Tweets“ zum „Teilen“ gedacht – hält das DoppelEinhorn auf seinem Internetauftritt bereit.

So verkündet es beispielsweise: „Es heißt Grundrecht auf Meinungsfreiheit und nicht Grundrecht auf Scheißelabern!“ Zu lesen ist der Willkommensgruß (oder eben „-tweet“) jeweils unmittelbar neben dem Logo des Bundesministeriums. Fällt jemandem etwas auf? Dem geldbeisteuernden Ministerium offenbar nicht. „Scheißelabern“? Kindgerechte Wortwahl?

Wenn den Machern durch Erziehung und Schule keine anderen Ausdrucksformen mitgegeben wurden und sie dieses Defizit nicht inzwischen anderweitig behoben haben, mag das zunächst deren Sache sein. Aber vielleicht sind es nicht nur ein paar pensionierte Oberstudienräte, die in einem derartigen Vokabular, vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe, eine gewisse Schwierigkeit sehen.

Im verbalen Fäkalbereich befindet sich das DoppelEinhorn immerhin in guter Gesellschaft mit – beispielsweise – grünen Spitzenpolitikerinnen (ohne Binnen-i). Katrin Göring-Eckardt, seinerzeit Präses der Synode der EKD und derzeitige Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Bundestagswahl, spricht auf einer Pressekonferenz schon gern mal vom „heißen Scheiß der Republik“ oder auf der Bühne des Christopher Street Day in Hannover von "Arschlöchern". Oder gibt es da nicht eine amtierende stellvertretende Präsidentin des Deutschen Bundestages (man vergegenwärtige sich kurz, dass der Präsident des Deutschen Bundestages der Inhaber des zweithöchsten Staatsamtes ist), die an einer Demonstration teilnahm, auf der „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ skandiert wurde?

Gelenkte Demokratie oder Freiheit?

Zurück zum DoppelEinhorn und seinen Weisheiten. „Es heißt Grundrecht auf Meinungsfreiheit und nicht Grundrecht auf Scheißelabern!“, sagt es. Die bundesministeriell geförderte Fäkalsprache ist eine Sache des Niveaus, der äußeren Form. Schwerer, viel schwerer wiegt die Aussage – und hier liegt das wirkliche Problem. Immerhin trägt der üppig gefüllte Fördertopf der Familienministerin den schönen Projekttitel „Demokratie leben“. (Mehr dazu hier und hier). Dieses Programm hat den Anspruch, den Menschen zu erklären, wie sie mit der hiesigen Demokratie am besten umgehen sollen.

Auch das DoppelEinhorn hat diese Aufgabe, wenn es seinen „Twitter-Followern“ sagt, was Meinungsfreiheit ist beziehungsweise nicht ist. Hat das rundliche Tierchen da in der Eile etwas nicht ganz zu Ende gedacht? Manche Menschen, die der DoppelEinhorn-Zielgruppe schon längere Zeit entwachsen sind, erinnern sich vielleicht noch an diesen Satz: „Ich bin nicht Ihrer Meinung, werde aber mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“ Soll ein gewisser Voltaire gesagt haben, so in etwa jedenfalls. Gern, oft, variantenreich und zu Recht zitiert.

Der „Einsatz des Lebens“, zumindest physisch, ist momentan glücklicherweise in Deutschland in diesem Zusammenhang nicht gefragt. Das war nicht immer so. Aber wie war das mit dem anderen? Diesem Putin, „gelenkte Demokratie“ und so? Die Aufregung ist doch noch gar nicht ganz abgeklungen über diesen… was wurde nicht alles gesagt? Autokrat? Diktator? Der war und ist jedenfalls böse, wenn er „lenkt“.  Verwirrend, oder? Vielleicht ist es eine Frage der intellektuellen Durchdringung und der Maßstäbe, die so seltsam unterschiedlich angesetzt werden. Andererseits – so schwer ist es doch eigentlich gar nicht.

Liebes DoppelEinhorn, sehr geehrtes Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, unter Berücksichtigung Deiner und Ihrer sprachlichen Möglichkeiten und um sicherzustellen, dass die Botschaft verstanden wird, sei für mein Postulat folgende Formulierung gewählt: Meinungsfreiheit heißt Freiheit. Genau! Und dazu gehört das Grundrecht zum „Scheißelabern“! Notfalls eben auch mit Hilfe solcher Worte.

Vielleicht bei einer Tasse Sternenstaub

Die Frage nach der Meinungsfreiheit, ein nicht zu überschätzendes Gut, stellt sich erst, sobald einer der Meinung ist, der andere würde… richtig „Scheißelabern“. Das mag auch mal nerven und stören. Aber es ist ein wunderbares Land, in welchem der Staat seine Aufgabe darin sieht, das Grundrecht dazu zu schützen. Nochmal: zu schützen.

Es gibt in Deutschland eine Partei, die hatte, sprachlich und inhaltlich glücklicherweise etwas souveräner als das DoppelEinhorn, von Anfang an genau dieses Wort auf ihre Fahne geschrieben, Freiheit. Die Partei hat eine lange Tradition. Spaltungen, Zusammenraufen, einen eher nationalen und einen eher sozialen Flügel gab es da immer. Das große Wort der Freiheit war stets die große Gemeinsamkeit.

Ich fand diese Partei sehr lange aus genau diesem Grund sehr gut. Kleiner Vorschlag: Sofern die Sache mit der Freiheit beim Übergang von gelbblau zu magentapinklila-gelbblau nicht versehentlich verloren gegangen sein sollte: Könnte man seitens besagter Partei das DoppelEinhorn mal zu einer Tasse Sternenstaub (oder was es sonst so mag) einladen und ihm die Sache mit der Freiheit erklären? Das wäre wichtig. Und vielleicht kann das DoppelEinhorn bei dieser Gelegenheit auch seinen Wortschatz erweitern.

Erik Lommatzsch (www.erik-lommatzsch.com) ist Historiker und lebt in Leipzig.

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