Oliver Marc Hartwich / 24.09.2015 / 13:16 / 11 / Seite ausdrucken

Das Volkswagen-Fiasko und seine Folgen

Mit dem Eingeständnis von VW, die Abgaswerte seiner Fahrzeuge systematisch manipuliert zu haben, wurde nicht nur der weltweit größte Automobilhersteller in eine Krise gestürzt, auch die internationale Reputation Deutschlands hat Schaden genommen.

Aber sollte man darüber überrascht sein?

Passiert ist folgendes. Seit 2008 verkaufte VW eine knappe halbe Million Dieselfahrzeuge in den USA, die unter Testbedingungen die Emissionsnormen einhielten, aber im Fahrbetrieb missachteten.

Grund für die Diskrepanz war eine schlaue Softwareroutine, die das Vorliegen von Testbedingungen erkannte und die Schadstoffreinigung entsprechend anpasste. Martin Winterkorn, der gestern zurückgetretene Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, räumte die Manipulation ein. Sein Unternehmen muss nun Strafzahlungen gewärtigen, die bis zu 18 Mrd. US-Dollar erreichen könnten. Der Aktienkurs der VAG ist bereits um mehr als 30 Prozent gefallen, konnte sich aber nach Bekanntgabe von Winterkorns Rücktritt leicht erholen.

Eigentlich war ja die Übeltat von VW eine sehr teutonische Antwort auf ein geschäftliches Problem: raffinierte Ingenieursleistung setzte offizielle Normen außer Kraft. Oder um es mit dem bekannten Werbespruch von Audi zu sagen: Vorsprung durch Technik.

Als Marke im VW-Konzern entgeht Audi diesem Skandal selbstverständlich nicht, denn die Dieselvariante des Audi A3 ist ebenfalls betroffen.

Betrugsfall, der die Dimensionen sprengt

Die Ingenieursleistung außer Acht gelassen, besteht kein Zweifel, dass die von VW getroffenen Vorkehrungen nicht nur illegal, sondern auch grob unethisch sind. Wir haben es hier mit einem Betrugsfall in unglaublicher Größenordnung zu tun. Wir reden hier nicht von einem gutgläubig begangenen Irrtum, normaler menschlicher Fehlbarkeit oder Nachlässigkeit. Es braucht schon ein gehöriges Quantum bösen Willens, die Software des eigenen Produkts so zu programmieren, dass die Ergebnisse unter Testbedingungen – und nur dann – frisiert werden. Michael Horn, CEO von Volkswagen in den USA, brachte es auf den Punkt: „Wir haben es total verbockt.“

Für den Konzern ist dies eine PR-Katastrophe ungeahnten Ausmaßes, die frühere Desaster wie die Explosion auf der Ölbohrplattform Deepwater Horizon, den Untergang des Tankers Exxon Valdez und den Rückruf des Medikaments Vioxx durch Merck locker in den Schatten stellt. In Frage gestellt ist hier nicht nur ein Unternehmen, sondern eine ganze Branche in einer der führenden Industrienationen der Welt.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, zu glauben, in Deutschland würden Geschäfte auf untadelige Weise betrieben. Die Deutschen sehen sich zwar gerne selber so, und so wird Deutschland in der Welt beworben. Selbstgerechtigkeit ist eine in Deutschland erfundene Tugend. Siehe die Versuche der Deutschen, andere Nationen über Fiskalpolitik, Energiepolitik und jetzt Flüchtlingspolitik belehren zu wollen.

Zwischen dieser Vorstellung von sich selbst und der deutschen Lebenswirklichkeit besteht aber eine große Lücke. Die Deutschen sind wohl nicht schlechter als andere, aber sie sind sicher auch nicht besser.

So sauber ist die Weste gar nicht

Es ist gar nicht so lange her, dass die Bestechung von Amtsträgern im Ausland als übliches Geschäftsgebaren angesehen wurde. Erst Ende der 90er Jahre rang man sich in Deutschland dazu durch, die entsprechenden Gesetze zu ändern. Bis dahin war die Zahlung von Kickbacks nicht nur akzeptiert, sondern sogar steuerlich absetzbar, solange dadurch lukrative Auslandsaufträge erzielt werden konnten. Im deutschen Steuerrecht wurden solche Bestechungsgelder augenzwinkernd als „nützliche Aufwendungen“ eingestuft.

Die korrupten Praktiken einer Reihe deutscher Großunternehmen kamen sie in den vergangenen Jahren teuer zu stehen. Prominentester Fall war wohl Siemens. Von 2006 bis 2008 musste Siemens für die Aufarbeitung seiner Praktiken beinahe 3 Mrd. Euro aufwenden, Vorstand und Aufsichtsrat mussten zurücktreten. Inzwischen hat Siemens, auch nach Einstellung eines Chief Compliance Officer, sich erholt, musste aber durch ein tiefes Tal gehen. Auch die Deutsche Bank wurde aufgrund ihrer Beteiligung an den illegalen LIBOR-Absprachen erschüttert, mit den Konsequenzen hat sie sich noch heute auseinanderzusetzen.

Volkswagen hat auch intern Erfahrungen mit vorsichtig ausgedrückt suboptimalen Geschäftspraktiken. Das deutsche System der Mitbestimmung hatte in Topmanagern von VW die Idee geweckt, die Betriebsräte zu bestechen. Man gab ihnen Bargeld, lud sie zu Luxusreisen ein und zu Partys mit brasilianischen Prostituierten. Aus diesem Skandal resultierten Verurteilungen in breit publizierten Gerichtsverfahren, darunter eine Gefängnisstrafe für den Betriebsratsvorsitzenden.

Im vergangenen Jahr erfuhr die geneigte Öffentlichkeit Einzelheiten über den extravaganten Lebenswandel eines Medienmanagers, für den das von ihm geführte Unternehmen aufkommen musste. Thomas Middelhoff – eine Zeitlang der bestbezahlte Manager des Landes – musste sich einem Strafverfahren wegen Veruntreuung und ungerechtfertigter Bereicherung stellen. Derweil sorgte Altbundeskanzler Gerhard Schröder durch seine Verbandelung mit dem Finanzmagnaten Carsten Maschmeyer für Schlagzeilen. Über beide Fälle schrieb ich bereits im Business Spectator (Germany’s elites reveal their true colours, 20. November 2014).

Der jüngste Volkswagen-Skandal ist nicht das erste Beispiel für unethische Geschäftspraktiken auf höchster Ebene in Deutschland, allenfalls der am stärksten durchgeplante Fall von Täuschung durch einen Konzern – bis jetzt.

Da könnte noch mehr kommen

Sollte es im Zuge der Nachforschungen bei VW auch zu weiteren Enthüllungen kommen, hätten wir keinen Anlass zur Überraschung. Wohl nicht ohne Grund sind die Reaktionen anderer deutscher Automobilhersteller bis jetzt sehr gedämpft, von Schadenfreude keine Spur. Man hatte eher den Eindruck, da habe jemand die Befürchtung, ebenfalls erwischt zu werden.

Beispielsweise der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche. Zum Fall Volkswagen sagte er, er gehe davon aus, dass sein Unternehmen sich an Buchstaben und Geist der Gesetze halte: „Ich habe eine grobe Vorstellung, worum es geht und dass das auf uns nicht zutrifft, nicht übertragbar ist,“ sagte er und fügte hinzu, es sei zu früh, um eine finale Aussage zu machen. Ein klares Dementi klingt anders.

Manipulationen an offiziellen Testergebnissen neuer Fahrzeuge sind so weit verbreitet, dass viele Kunden diese Zahlen gar nicht mehr ernst nehmen. Jeder Autokäufer weiß, dass auf die angegebenen Verbrauchswerte kein Verlass ist. Anfang des Jahres enthüllte die Auto Bild, dass die offiziellen Verbrauchswerte sich von den tatsächlichen um 30 bis 40 Prozent unterscheiden.

Es war daher nicht allzu überraschend, dass VW bei der Manipulation seiner Emissionswerte erwischt wurde. Branchenkenner und Aufsichtsbehörden hatten dies schon lange erwartet. Wie ein früherer Mitarbeiter im Umweltbundesamt einem Wirtschaftsmagazin kürzlich erst erklärte, handelte es sich nicht um eine neue Vorgehensweise, und sie war auch nicht auf deutsche oder europäische Hersteller beschränkt.

Der Schaden für die Deutschland AG

Jetzt aber ist Volkswagen im Visier der Ermittler, und der Skandal wird von Tag zu Tag größer. Abgesehen von der in den Vereinigten Staaten abgesetzten halben Million Fahrzeuge hat VW nun eingeräumt, dass die Schummelsoftware in 11 Millionen Fahrzeugen weltweit installiert wurde. Der Konzern hat bereits Rückstellungen in Höhe von 6,5 Mrd. Euro gebildet, um für die Folgen der Affäre gerüstet zu sein.

Nach den Querelen Anfang des Jahres zwischen dem VW-Vorstand und den Aktionärsvertretern (Die Schwierigkeiten mit der Corporate Governance, 2. Mai 2015) sah es kurzzeitig so aus, als könne Volkswagen wieder in ruhiges Fahrwasser geraten. Nach den Enthüllungen der letzten Woche allerdings ist sein Image schwer beschädigt. Der Konzern wird es noch schwerer als bisher haben, auf dem amerikanischen Markt Fortschritte zu machen. Jetzt drohen auch noch massive Strafzahlungen.

Den größeren Schaden trägt jedoch die Deutschland AG davon. Ihre nationale Reputation und die ihrer Konzerne haben einen schweren Schlag erlitten, von dem sie sich lange nicht erholen werden.

Da spielt es keine Rolle, dass Deutschland immer noch Autos baut, die den Wettbewerbern technisch überlegen sind – auf legale wie auf illegale Weise.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘The fallout from the Volkswagen fiasco’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 24. September 2015. Übersetzung aus dem Englischen von Eugene Seidel (Frankfurt am Main).

Leserpost (11)
Max Wedell / 24.09.2015

Als Softwarentwickler (der auch lange Zeit in der Automobilindustrie tätig war), kann ich versichern, daß es keine “raffinierte Ingenieursleistung” ist, in einem Programm verschiedene Sensoreingaben zu verarbeiten (also etwa, ob ein Auto fährt, sich sein Lenkrad bewegt usw.) und angeschlossene Systeme entsprechend dieser Eingaben zu steuern (also etwa Abgasreinigungssysteme zu aktivieren oder deaktivieren)... sondern das ist eine Ingenieurs-Standardleistung. Und wenn eine solche Software schon “schlau” ist, die bestimmte Eingaben verarbeitet und an diese angepasste Ausgaben produziert, dann wäre praktisch jede Software schlau, und jede Maschine, die durch Software gesteuert wird, eine schlaue Maschine. Was hier den unangebrachten Gebrauch dieses Wortes vermutlich verursacht hat, ist wohl die menschliche Neigung, Betrügern gern eine gewisse Schläue zu unterstellen, und sei es eine Bauernschläue. Die Maschine hat aber in diesem Fall niemanden betrogen, sondern nur brav das getan, was ihr befohlen worden war…

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