Henryk M. Broder / 11.12.2012 / 06:47 / 0 / Seite ausdrucken

Das Volksgericht der Schweiz tagt

Aus Zürich erreicht mich soeben die folgende Anfrage:

Sehr geehrter Herr Broder,
Mein Name ist Julia Reichert, ich bin Dramaturgin am Neumarkt Theater in Zürich und ich habe eine vielleicht etwas besondere Anfrage. Es geht um eine Veranstaltung zum Thema Journalismus in der Schweiz und konkret um die Weltwoche.
Aber vielleicht muss ich etwas weiter ausholen: Im Mai nächsten Jahres wird sich das Neumarkt Theater für drei Tage in einen Gerichtssaal verwandeln. Der Schweizer Regisseur Milo Rau (zuletzt mit HATE RADIO zu Gast beim Theatertreffen in Berlin) wird drei Tage lang einen öffentlichen Prozess durchführen, ein durch amerikanische Gerichtsdramen inspiriertes theatrales Format mit (halb-)dokumentarischem Inhalt und offenem Ausgang (Titel: „Die Zürcher Prozesse“).

Das bedeutet konkret: Drei Tage lang sagen echte Zeugen vor einem echten Richter, befragt von echten Anwälten, zu einem echten Fall aus – und am Ende fällt eine aus der Bevölkerung ausgewählte Jury ein echtes (wenn auch nicht rechtsgültiges) Urteil.

Auch wenn der Prozess zu gewissen Anteilen inszeniert sein wird und zu unseren ästhetischen und inhaltlichen Vorlagen auch am Format des Schauprozesses gehört, geht es NICHT um ein „abgekartetes Spiel“. Wir suchen einen Fall, in dem verschiedene Grundwerte gegeneinander vor Gericht stehen (in diesem Falle: Meinungs- und Pressefreiheit vs. Schutz des Persönlichkeitsrechtes/Schutz der verfassungsmässigen Ordnung). Es geht nicht darum, pro forma Positionen zu diskutieren, über die sich ohnehin alle einig sind. Milo Rau hat sich deshalb für ein - in der Schweiz, aber immer auch wieder im angrenzenden Umland - heiss diskutiertes Thema entschieden: Es wird um die Zeitschrift “Weltwoche” gehen und um die Frage, was Journalismus eigentlich “darf” - und was nicht. Wir möchten den Fall bewusst in einem polarisierenden Feld ansiedeln, da die Verhandlung das Publikum (und auch uns selbst) durchaus in ein Gesinnungsdilemma führen darf und soll.

Roger Köppel und sein Anwalt Martin Wagner sind bereits an Bord (und wir haben natürlich auch Anwälte für die „Gegenseite“). Da es kein Akten- sondern ein Jury-Prozess werden soll, werden wir die konkreten Zeugen, die wir aufrufen (bzw. natürlich eher: einladen) möchten, in den nächsten Monaten gemeinsam mit den Anwälten festlegen.

Und nun zu meinem konkreten Anliegen: Wir möchten rund um den Prozess Diskussionsrunden und andere Aktionen durchführen, um das Thema möglichst vielschichtig zu durchleuchten bzw. zu diskutieren.

Da haben wir auch an Sie, als Redner bzw. Diskutierenden gedacht. Genaues Thema und die konkrete Besetzung des Podiums steht noch nicht fest. Aber bis zum 3.,4. und 5. Mai 2013 ist ja auch noch ein Weilchen hin. Aber nachdem ihr Terminkalender sicherlich ausgebucht ist, wollten wir gerne rechtzeitig vorfühlen, ob Sie grundsätzlich Zeit und Interesse hätten. Und wir würden uns freuen, wenn wir sie bald einmal für ein Gespräch treffen könnten?

Ich erzähle ihnen gerne auch noch mehr telefonisch, (Wenn Sie mir sagen, wie und wann ich Sie am besten erreiche). Und sollten Sie noch Bedenken, weitere Fragen oder sonstige Rückmeldungen haben, können Sie mich natürlich gerne an mich wenden: +41786099342 oder julia.reichert@theaterneumarkt.ch

Wir würden uns sehr freuen, von ihnen zu hören,
Vielen Dank
Herzliche Grüße
Julia Reichert

Und ich habe umgehend geantwortet:

liebe frau reichert,
ich mache bei diesem schweizer volksgerichtshof gerne mit, vorausgesetzt, das urteil der jury wird an ort und stelle vollstreckt: rädern, vierteilen, ersäufen, aufhängen, verbrennen und schließlich enthaupten.
gruss aus berlin
b

Worauf ich diese Antwort bekam:

Lieber Herr Broder,
Freut mich zu hören, dass Sie dabei sind! Vierteilung ist natürlich immer eine, auch theatral reizvolle, Option. Das können wir ja Anfang nächsten Jahres mal diskutieren. Wir würden uns jedenfalls Anfang Januar mit einem konkreten Termin bei Ihnen melden. Verschlägt es Sie denn in nächster Zeit in die Schweiz, für ein persönliches Treffen? Sonst ist Milo Rau auch regelmässig in Berlin unterwegs, ggf. könnten Sie beide sich auch einfach da treffen. Wie gesagt, wir melden uns einfach.
herzliche Grüße
Julia Reichert
Dramaturgie

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