Thomas Rietzschel / 27.02.2017 / 09:53 / Foto: Tim Maxeiner / 9 / Seite ausdrucken

Das Volk und die Volkswagen-Millionäre

Ein Unternehmen, welches das Wort „Volk“ im Namen führt, genießt einen gewissen Vertrauensvorschuss. Wer „Volkswagen“ herstellt, steht nicht von vornherein in dem Verdacht, als kapitalistischer Ausbeuter zu agieren, erst recht nicht, wenn die öffentliche Hand als Großaktionär mit ihm Spiel ist. Weil VW liefert, was sich der kleine Mann leisten kann, möchte ihm das Volk vertrauen.

Leichter als anderswo kann das Management in die eigene Tasche wirtschaften. Zwischen beinah 13 und nahezu 17 Millionen Euro jährlich verdiente Martin Winterkorn von 2011 bis 2014, ohne dass es aufgefallen wäre. Der Anstand des Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG verstand sich sozusagen von selbst. Und dennoch war da etwas faul von Anfang an. Wie bei anderen Top-Managern haben die Bezüge nie der arbeitsrechtlichen Stellung des Angestellten entsprochen.

Eine sachliche Feststellung, die sich keineswegs dem gern unterstellten Neid verdankt, mitnichten. Jeder Unternehmer kann so viel verdienen, wie er erwirtschaftet. Niemand sollte sich über die Millionen und Milliarden erregen, die Facebook für Mark Zuckerberg abwirft. Gleiches gilt für Bill Gates oder den Unternehmer Donald Trump.

Alle, die ihr eigenes Kapital einsetzen, können den Gewinn einstreichen, den sie (rechtmäßig) erzielen, der selbständige Bäckermeister ebenso wir die Familie Oetker. Müssen sie doch andererseits für die Verluste einstehen, die sie mit ihrem Handeln verursachen. Es ist ihr Kapital, ihr Geld, das sie mehren oder verschleudern.

Manager sind und bleiben abhängig Beschäftigte

Die hoch bezahlten Manager, deren Bezüge jetzt in der Kritik stehen, sind indes nicht mehr und nicht weniger als Angestellte. Das Vermögen, das sie verantwortungsvoll oder leichtfertig einsetzen, gehört ihnen so wenig wie den Arbeitern in der Fertigung. Sie handeln nicht auf eigene Rechnung und sind daher auch nicht befugt, ihre Ansprüche an denen der Eigner, von denen sie angestellt wurden, zu orientieren. Vielmehr  müssen sich ihre Bezüge am Lohngefüge der übrigen Belegschaft ausrichten.

Mögen sie sich noch so sehr als „unternehmerisch handelnde“ Geschäftsführer gerieren, sie sind und bleiben abhängig Beschäftigte. Das einzige worüber sie frei verfügen können, ist ihre Arbeitskraft. Nichts sonst  - da muss man Karl Marx ausnahmsweise zustimmen - nichts sonst können sie verkaufen. Dass ihre Leistung, rein wirtschaftlich betrachtet, mehr wert sein mag als die eines Lagerarbeiters, steht außer Frage.

Außer Frage steht aber ebenso, dass ein Manager nicht zwei-  bis dreihundertmal so viel zu leisten vermag wie zum Beispiel ein Buchhalter im gleichen Betrieb. Das aber hätte Martin Winterkorn, abgesehen von den Folgen des Diesel-Skandals, tun müssen, wenn sein Gehalt von 13 bis 17 Millionen betriebswirtschaftlich gerechtfertigt sein sollte. Anders gesagt, läuft es bei der Überbezahlung einzelner Manager de facto auf einen Diebstahl am Betriebsvermögen hinaus. Was sie abgreifen, hätte im Interesse des Ganzen zu größeren Teilen reinvestiert werden müssen, anstatt dem persönlichen Konsum dieser oder jener Führungskraft zuzufließen.

Allerdings bringt es auch wenig, wenn sich der Staat nun ordnungspolitisch aufplustert, indem er die Vorstandsbezüge per Gesetz zu deckeln verspricht. Derartige Eingriffe in die Lohngestaltung freier Unternehmen stehen der Politik nicht zu. Das führt am Ende nur wieder zu einem Dirigismus, wie wir ihn aus den Zeiten des Nationalsozialismus und des Kommunismus in Erinnerung haben. Ganz abgesehen davon, dass es wenig bringen würde, jedenfalls nicht mehr als die Ankündigung des VW-Konzerns, das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden zukünftig auf zehn Millionen jährlich zu begrenzen.

Eine Gesellschaft, die sich jeglicher Maßstäbe entledigt hat

Was das Volk als reumütige Einsicht schlucken soll, grenzt an Verhöhnung. Denn auch bei diesem Lohn müsste der Chef noch immer zweihundertmal so viel leisten wie der einfache VW-Arbeiter. Nein, es geht hier nicht um die Korrektur vereinzelten Fehlverhaltens, sondern um die Verkommenheit einer Gesellschaft, die sich jeglicher Maßstäbe entledigt hat.

Wer uns weismachen will, zehn Millionen jährlich wären ein angemessener  Preis für die Arbeitskraft einer Frau oder eines Mannes, hat das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit verloren. Dass viele Aktionäre dabei mitspielen, entlastet die Raffgierigen nicht. Immerhin geschieht das alles in einem Land, in dem vierzig Prozent der Menschen, so die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), heute über ein geringeres Realeinkommen als 1999 verfügen.

Auch wenn stimmt, dass es nicht die Sache des Staates sein kann, den Unternehmen vorzuschreiben, wie sie ihr Geld ausgeben, so  muss sich die Politik doch nicht als Hehler der Bosse hervortun, indem sie gebetsmühlenhaft behauptet, den Deutschen, allen Deutschen, ginge es heute besser denn je.

Allein, eine Hand wäscht die andere. Oder wie sonst soll man sich erklären, dass das rot-grün regierte Niedersachen, Großaktionär bei VW, es für angemessen hält, die SPD-Genossin Hohmann-Dennhardt mit gut zwölf Millionen Euro abzufinden, nachdem sie kaum dreizehn Monate im Vorstand des Konzerns verbrachte: Business as usual im deutschen Staatskapitalismus 2017. 

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (9)
Günter Crecelius / 27.02.2017

Ich stimme Ihnen zu, daß es in einer Marktwirtschaft nicht Sache der Politik sein kann, die Höhe von Gehältern festzulegen. Allerdings sollte die Politik schon festlegen, ob Betriebsausgaben - und das sind Gehälter - in unbegrenzter Höhe steuermindernd sein sollen, denn diesen Teil der Gehälter ‘zahlt ’ de Steuerzahler. Die ganze Debatte hat allerdings nichts mit ‘sozialer Gerechtigkeit’ im materiellen Sinne sondern höchstens im moralischen zu tun. Denn inerhalb der gesamten in diesem Land ausgezahlten Lohnsumme handelt es sich bei den inkriminierten Managergehältern um die berühmten ‘peanuts’. Und wie die Eigner eines Unternehmens mit den erwirtschafteten Gewinnen umgehen ist deren Sache, solange sie nicht beim Steuerzahler anklopfen (s. o.), allerdings sollten hierbei peanuts schon eine Rolle spielen - aus moralischen Gründen. Aber darüber reden wir bei Steuergestaltung in diesem unserem Lande lieber nicht.

Michael Jansen / 27.02.2017

Dem Artikel kann man nur voll und ganz zustimmen, vor allem auch der letzte Absatz ist sehr treffend. Hier zeigt sich doch der wahre Charakter und die echte Substanz des Wahlkampfgeklingels des SPD-Erlösers Martin Schulz. Über Jahre und Jahrzehnte haben SPD und Gewerkschaften im Aufsichtsrat die Selbstbedienungsmentalität der Topmanager geduldet und gefördert, aber jetzt spielen sich die Sozis unter Schulz plötzlich in Robin-Hood-Manier als Rächer der Enterbten und Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit auf - wie naiv soll der Wähler sein, um auf diesen Wahlkampftrick reinzufallen.

Karl Helger / 27.02.2017

Herr Rietzschel gibt schon den entscheidenden Punkt wieder. Nicht der Staat, sondern die Aktionäre, vertreten vom Aufsichtsrat, bestimmen das Gehalt der Vorstände. Ob hier jetzt 100k, 1m, 10m oder 100m EUR im Jahr gerechtfertigt sind, geht Dritte schlichtweg nichts an. Manager können fordern, soviel sie wollen, solange die Eigentümer nicht (indirekt) zustimmen, bekommen sie nix. Wenn ein Unternehmen offensichtlich ungerechtfertigt hohe Bezüge an seine Vorstände gibt, kann man auf der Hauptversammlung dagegen stimmen. Das die haben die Eigentümer bspw. im Fall Mannesmann auch getan, indem sie mögliche Bonusregelungen abgelehnt haben (vor dem Verkauf an Vodafone). Wenn das Gehalt immer noch zu hoch ist, kann jeder die Aktie verkaufen und auch darauf verzichten, Produkte des Unternehmens zu kaufen. Bei Politikern kann ich leider nicht über das Gehalt abstimmen. Diese bestimmen in der Tat ihre Diäten selbst und finden immer Gründe, diese zu erhöhen. Da liegt der Skandal, nicht in der Privatwirtschaft.

Nagy Laszlo / 27.02.2017

Es ist schon bemerkenswert, dass im Deutschen für ein (Jahres-) Einkommen erzielen der Begriff “verdienen” steht, der stark mit mit einem moralischen Verhältnis von erbrachter Leistung und erzieltem Einkommen konnotiert ist.  Das ist offensichtlich kein Zufall, denn die Deutschen regen sich, wie es sich beispielsweise in diesem Artikel ausdrückt, ganz besonders auf, wenn sie auf diesem Gebiet ein Missverhältnis zu erkennen glauben. Dabei gibt es Ausnahmen, wie Beispielsweise Fußballspieler, für die ein angemessenes Verhältnis von Einkommen und Leistung dem Volk entweder egal ist, oder es die Leistung als ebenso hoch bewertet wie die eines gleichviel verdienenden Vorstandsmitglieds. Ich sehe das Missverhältnis woanders: Das extrem hohe Einkommen der Daxvorstände beeinflusst das Leben der allermeisten Deutschen nicht. Er wirkt sich nicht auf den Lebensstandard der Bevölkerung aus. Trotzdem ist man bereit, mit Riesenaufwand Gesetze zu erlassen um die Vorstandsgehälter zu deckeln. Gibt es nicht dringendere Aufgaben für den Gesetzgebungsapparat, deren Erledigung sich mehr auf das Leben der Bevölkerung stärker und hoffentlich segensreicher auf viele Menschen auswirken würde? Welche Gehälter eine Firma ihren Angestellten zahlt, sollte man den Eigentümern, in diesem Fall also den Aktionären überlassen. Man sollte allerdings die Aktionäre mit den nötigen Informationen versorgen, also: Offenlegung des Gehaltes jedes einzelnen Vorstandes und Diskussion und Abstimmung über die Gehälter in der Hauptversammlung. PS: Ich bin kein Daxvorstand und werde in meinem ganzen Leben nur einen Bruchteil des durchschnittlichen Gehaltes eines DAX-Vorstandes einnehmen.

Roland Müller / 27.02.2017

Wenn Nachfrage an einer bestimmten Leistung besteht, ob im Sport oder in der Wirtschaft, bestimmt der Markt den Preis. Wenn Tausende die Leistung eines Messi oder Zetsche bringen könnten, würden diese nicht die Millionengehälter einstreichen. Wenn der Markt nicht funktioniert, hat die Politik die Hand im Spiel, siehe Ihr Beispiel von Niedersachsen.

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