Gastautor / 22.02.2016 / 15:27 / 3 / Seite ausdrucken

Das Volk und der Volkskörper

Ralf Schuler

Das Volk hat die unschöne Eigenschaft, einfach da zu sein. Seit einiger Zeit gefallen sich Kommentatoren darin, fremdenfeindlichen „Wir-sind-das-Volk“-Rufern die Zugehörigkeit zu ebendiesem abzusprechen. 'Ihr seid nicht das Volk’, schleudern sie den Clausnitzern, Bautzenern und Dresdnern tapfer entgegen. 

Das ist grober Unfug.

Zum einen hat sich die Methode des Ausbürgerns seit Wolf Biermann weder als nachhaltig noch als zielführend erwiesen. Zum anderen ist die Zugehörigkeit zum Volk an keinerlei Voraussetzungen geknüpft. Päderasten gehören dazu, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Schwaben, Horst Seehofer und sogar Margot Käßmann. Genau andersherum wird ein Schuh draus: Menschen, die weiteren Zuzug, offene Grenzen oder Flüchtlingsheime in ihrer Nachbarschaft ablehnen, gehören eben durchaus auch zum Volk. Das mag ärgerlich und lästig sein, Politik und Gesellschaft müssen trotzdem mit ihnen umgehen: Straftäter bestrafen, Radikalinskis marginalisieren und bestenfalls überzeugen. Die Idee, den Volkskörper von dem dummen Volk reinhalten zu wollen, ist dagegen so ziemlich das Dümmste, was man in einer Demokratie (demos – lat. Volk) tun kann.

Vermutlich wollen die wackeren Kommentatoren aber auch nur sagen: Ihr habt nicht die Mehrheit. Das ist soweit vermutlich richtig – und doch fahrlässig. Wenn man davon ausgeht, dass die „Wir-sind-das-Volk“-Rufer im Kern etwas gegen weitere massive Zuwanderung (ggf. auch speziell von Muslimen) haben, so muss man wohl neben den örtlichen Radaubrüdern in Sachsen auch noch etliche anderen hinzurechnen: Pegida (in hohen Zeiten rd. 20 000 Leute in Dresden), die AfD (bundesweit derzeit bei etwa 10%, Potenzial deutlich höher) nebst Sympathisanten und eine gewisse Dunkelziffer in diesem Punkt ähnlich Denkender durch alle Parteien.

Das ist noch immer nicht das Volk, aber es ist eine Strömung, die man ernstnehmen sollte – gerade auch, wenn man deren Weltsicht nicht teilt.

Wer sich in einer Demokratie für volker hält als das Volk, hat irgendwas nicht verstanden.

Mindestens.

Leserpost (3)
Wolfgang Kaufmann / 22.02.2016

Ähnlich ist es, wenn bestimmte Kreise den Zusatz „-populistisch“ als negatives Etikett verwenden. Was wäre in einer Demokratie verwerflich, wenn eine Gruppe sich auf die Meinung des Volks bezieht, des „populus“? Wer dies als abwertenden Kampfbegriff verwendet, stellt sich insgeheim über das Volk, als dessen Erzieher und letztlich Vormund. Er (oder sie) gehört dann zu einer Elite, die sich die Definitionshoheit anmaßt darüber, was nun korrekt ist und was nicht. Reinster Ausdruck dieser elitären Gesinnung ist der Spruch: „Wenn ich mich morgens im Bus umhöre, bin ich froh, dass wir keine Volksentscheide haben.“ Geht so Demokratie?

Alexander Zeiler / 22.02.2016

Bautzen und Clausnitz war beschämend. Doch werde ich das Gefühl nicht los, dass der Brand in Bautzen vielleicht gar nicht von Rechten gelegt wurde. Auch die angeblichen Jubler und Gröhler sind im Smartphone Zeitalter nicht festgehalten worden. Ich hätte die Szenerie gefilmt und veröffentlicht. Nun gut, sind alles Spekulationen. Beschämend war auch so manche Äußerungen wie z.B. von MP Tillich: “Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher”. Das Absprechen des Mensch-seins ist in der verbalen Eskalation wohl kaum zu toppen. Die Antifa hat diesen Wink verstanden und postet in sozialen Medien verstörende Ankündigungen. Subtil wird den Clausnitzern mit Gewalt gedroht, nicht nur Sachbeschädigungen werden angekündigt, sollten noch einmal Vorfälle über Flüchtlinge aus Clausnitz bekannt werden. Man muss sich also Fragen ob diese Eskalation von staatlicher Seite geduldet und/oder unterstützt wird. Den der Äther klagt nicht das allgemein Staatsversagen an, sondern ergötzt sich über rechte Gewalt, die beschämend ist, aber in der Dimension der aktuellen Krise “Kleinigkeiten” sind.

Erwin Cords / 22.02.2016

Mit Verlaub: Die Idee, den Volkskörper von dem dummen Volk reinhalten zu wollen, mag ja tatsächlich so ziemlich das Dümmste sein, was man in einer Demokratie tun kann. Den griechischen Wortstamm “demos” dem Lateinischen zuzuschlagen “(demos – lat. Volk)” ist aber auch nicht sehr klug.

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