Alexander Wendt / 08.08.2012 / 14:51 / 0 / Seite ausdrucken

Das Schweigen der Häute

Wie die „Süddeutsche“ nach Israel reiste, und das Falsche fand

Dafür, das Israel im internationalen Maßstab eher Zwergstaatenmaße besitzt – etwa die Größe von Hessen und sieben Millionen Einwohner – kommt es außerordentlich häufig in den Medien vor, gerade und vor allem in deutschen Zeitungen. Aus der Zahl der Berichte folgt allerdings nicht, dass sie auch thematisch breit angelegt wären: Über israelische Wirtschaft, Forschung, Kunst oder das Tel Aviver Nachtleben gibt es für das deutsche Publikum der „Süddeutschen“ oder der „taz“ in aller Regel nicht mehr oder weniger zu lesen als über Wirtschaft und Gesellschaft im Australien oder in Peru. Deutsche Israelberichterstattung findet in aller Regel auch im Jahr 2012 deshalb statt, weil deutsche Journalisten etwas auf- und abzuarbeiten haben. In einem Land, das vor rund sechzig Jahren eine gewisse Affinität zu Uniformen pflegte, herrscht ein inniges, ja geradezu pornographisches Verhältnis zu Israelis in Uniform. Juden in Uniform, im Krieg, in einem militärischen Scharmützel oder wenigstens am Checkpoint: Diese Art der Berichte füllen in der Regel mühelos die prominenten Plätze im Blatt, gern gepaart mit Kommentaren, dass die Israelis trotz aller pädagogischer Bemühungen Deutschlands zwischen 1933 und 1945 immer noch nichts aus der Geschichte gelernt hätten. Berichte etwa über den so genannten Afrikanischen Weltkrieg (etwa 3 Millionen Tote) oder den Drogenkrieg in Mexiko (geschätzte 47 000 Tote) müssen da aus Seelen- wie aus Platzgründen leider zurückstehen. Thematische aufgelockert wurde die Israelberichterstattung der letzten Jahren bestenfalls durch gelegentliche Artikel über Waldbrände und Sozialproteste. Bis zum vergangenen Dienstag, als die „Süddeutsche“ ihre ganze Seite drei öffnete, um ein völlig neues deutsches Thema in Israel zu entdecken: Die Beseitigung beziehungsweise Nichtbeseitigung der Vorhaut. Rund 98 Prozent der männlichen Israelis leben nach vagen Schätzungen beschnitten, etwa zwei Prozent lehnen die Zirkumzision ab. Um jene zwei Prozent Beschneidungsverweigerer genauer zu erforschen und bei der Gelegenheit den aufgeregten jüdischen Mitbürgern in Deutschland zu erklären, dass sie auch unbeschnitten gute Juden sein könnten, düste der Journalist Thorsten Schmitz für die „Süddeutsche“ fünf Stunden ostwärts, forschte nach und modellierte anschließend aus dem Resultat ein Opus magnum: „Der Schrei“. Schmitz besucht eine Frau namens Rotem Ingber, die ihren Sohn zwar beschneiden lässt, aber mit schlechtem Gewissen, um dann zum Grundsätzlichen zu kommen: “In Israel gibt es immer mehr Menschen, die mehr Mut besitzen als Rotem Ingber. Sie begehren gegen eine jahrtausendealte Tradition auf, deren Sinn sich ihnen nicht erschließt. Sie legen sich mit ihren Ehemännern, Müttern, Vätern, Großeltern an und ersparen ihren Söhnen die Brit Mila, die Beschneidung.“ Der Reporter besucht außerdem den in süddeutschen Redaktionskreisen weltbekannten israelischen Beschneidungsgegner Jonathan Enosch; er macht mit jungen unbeschnittene Israelis Bekanntschaft, „im Speckgürtel von Tel Aviv, wo Familien hinflüchten, die sich die Phantasiepreise in Tel Aviv nicht mehr leisten können“. Die Rechercheergebnisse erschüttern: „Inon hat keine Scheu, über seinen unbeschnittenen Penis zu reden. ‚Beim Pipimachen und beim Duschen sehen die anderen, dass ich ein Vorhaut habe. Die haben mich gefragt, warum, und ich hab’s ihnen erklärt’.“ Ein unbeschnittener 15-jähriger erzählt: „Ich hatte noch nie ein Problem. Niemand sagt was, wenn wir uns beim Pissen anschauen.“

Spätestens hier muss den Mann der „Süddeutschen“ in Tel Aviv das Gefühl gepackt haben, dass ihm sein Narrativ völlig entgleitet. Unbeschnitten, und niemand sagt etwas? Junge Israelis mit Vorhaut fühlen sich nicht diskriminiert? Sollte sich am Ende herausstellen, dass es sich um einen zwar religiös grundierten, aber auch demokratischen Staat handelt, in dem sich 98 Prozent nicht über die Beschneidungsverweigerung einer Minderheit erregen? Jedenfalls längst nicht so wie mit umgekehrtem Vorzeichen in Deutschland, wo sich jenseits von „Wild & Hund“ und Günter Grass nur weniger Institutionen finden, die der Vorhautdebatte nicht unermüdlich Schwung verleihen würden?

Dafür war man doch nicht in den Nahen Osten gereist und hatte eine ganze Zeitungsseite freigeräumt.

Immerhin steht in Schmitz’ „Schrei“ auch gleichnishaft im ersten Drittel der Satz, dass es gar keine genauen Zahlen über Beschneidungsverweigerung in Israel gebe: „Offizielle Zahlen gibt es nicht. Das Gesundheitsministerium schweigt, wenn man dort nachfragt.“ So, wie sich auch das deutsche Gesundheits- oder Innenministerium in Schweigen hüllen würde, wenn man dort nachfragte, wie viele beschnittene, geimpfte, ohrenkorrigierte oder weihwassergetauchte Kinder es in Deutschland gibt, einfach deshalb, weil normale Staaten keine Statistiken über Dinge zu führen pflegen, die unter das Rubrum Privatsache fallen. Das Schweigen des israelischen Gesundheitsministeriums zum dortigen Vorhautvorkommen aufgedeckt zu haben, ist zweifellos ein nicht geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt in der Geschichte der „Süddeutschen“.

Auf Seite 7 ist die Dienstagsausgabe der Zeitung aus München übrigens wieder heil. Dort berichtet sie über die Attacke islamistischer Terroristen auf einen ägyptischen Grenzposten im Sinai und den anschließenden Angriff des Kommandos auf Israel. Zu sehen ist ein Foto eines ausgebrannten Panzerfahrzeugs - daneben steht ein israelischer Soldat.

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