Henryk M. Broder / 31.01.2009 / 23:00 / 0 / Seite ausdrucken

Das Schweigen der Experten

Epidemien sind schrecklich, werden aber von Biologen und Immunologen geschätzt, denn sie liefern Erkenntnisse, die bei keinem Laborversuch gewonnen werden können. Nun haben wir eben einen Ausbruch des Antisemitismus erlebt, wie es ihn nicht mehr gegeben hat, seit die SA und die SS für verboten erklärt wurden. Und so wie die Endlösung der Judenfrage nicht nur ein deutsches sondern ein europäisches Projekt war, so kennt auch der aktuelle Antisemitismus keine Grenzen. Während in Deutschland “Zionisten sind Faschisten!” und “Juden raus aus Palästina!” gerufen wurde, war in Holland der Ruf “Juden ins Gas!” zu hören. Nun ja, ewig diskriminierte Bürger mit und ohne Migrationshintergrund können schon mal auf ausgefallene Ideen kommen.

Noch erstaunlicher war freilich das Schweigen der Experten, die nicht mal einen Leserbrief riskieren wollten und sich, Vollkasko versichert, in ihren akademischen Sozialstationen verbarrikadierten. Auch dem Berliner “Zentrum für Antisemitismusforschung” an der TU hatte es die Sprache verschlagen, man war dort mit der Nachbereitung einer Tagung über Antisemitismus und Islamophobie beschäftigt und hatte deswegen keine Ressourcen frei, sich mit den Zeugnissen des islamisch motivierten Antisemitismus zu beschäftigen. Außerdem ist das Berliner ZfA dazu da, den Antisemitismus der Nazis zu dokumentieren und zu analysieren, mit dem Antisemitismus des frühen 21. Jahrhunderts wird man sich erst aus gebührender Distanz beschäftigen, also in 50 bis 70 Jahren.

Im letzten Newsletter des ZfA wird dafür mit den Kritikern der letzten Tagung abgerechnet. Ohne jede Distanz und bar jeder Einsicht heisst es da:

=Eine Konferenz des Zentrums am 8. Dezember 2008 unter dem Titel ?Feindbild Muslim Feindbild
Jude?, in deren Mittelpunkt die wachsende Feindschaft gegen Muslime in Deutschland stand,
erregte bereits im Vorfeld viele Gemüter. Zuvor waren einige Beiträge aus dem Zentrum zu diesem
Thema im Jahrbuch für Antisemitismusforschung erschienen, die Emotionen bei denen auslösten,
die zwischen Wissenschaft einerseits und politischer oder moralischer Kampagne andererseits nicht
unterscheiden wollen. Auf der Bloggerszene wurde mit großer Wut (und weitgehend unter Verzicht
auf Anstandsregeln) gekämpft. Viele, vielleicht die meisten Internet-Autoren, haben die inkriminierte
Veranstaltung gar nicht besucht. Offensichtlich ging es nicht um den Austausch von Argumenten
sondern um die Verteidigung manichäischer Weltbilder. Man muss die Bloggerei nicht so
ernst nehmen, zumal der Zeitaufwand den Ertrag der Lektüre nicht rechtfertigt. Die seriösen Medien
berichteten objektiv. Zwei israelische Zeitungen die Jerusalem Post und Haaretz haben
allerdings Hasstiraden publiziert, die ebenso infame wie obskure Verdächtigungen gegenüber dem
Zentrum für Antisemitismusforschung enthalten. Die Motive des Autors erklären sich aber wohl
aus der Tatsache, dass es sich um einen ehemaligen Doktoranden des Zentrums handelt, den die
Aufforderung einer Stiftung verdross, empfangene Stipendiengelder zurückzuzahlen, da er keine
Leistung als Gegenwert der Förderung erkennen ließ. Dass die genannten Zeitungen die Verleumdungen
druckten, hat auch Leser in Israel erstaunt.= http://zfa.kgw.tu-berlin.de/newsletter_aktuell.pdf

So sensibel können Antisemitismusforscher sein, wenn es um sie selber geht. Die mit “Wissenschaft als Ärgernis” überschriebene Mitteilung des ZfA besteht zu einem Drittel aus Mutmaßungen (“politische und moralische Kampagne”), zu einem Drittel aus Unterstellungen (“Verteidigung manichäischer Weltbilder”) und zu einem Drittel aus Spekulationen (“Dass die genannten Zeitungen die Verleumdungen druckten, hat auch Leser in Israel erstaunt”). Der Rest ist beleidigte Currywurst. Dass ihnen Juden ins Handwerk pfuschen, das können deutsche Antisemitismusforscher nicht hinnehmen.

Und womit qualifiziert man bzw. frau sich als Fachkraft für Antisemitismus? Zm Beispiel mit ” Anmerkungen zur Selbstbeweihräucherung in Sachen Israelsolidarität”, die Dr. Sabine Schiffer vom “Institut für Medienverantwortung” als Replik auf Matthias Küntzels Referat “„Die Rolle des Iran im Nahostkonflikt“ veröffentlicht hat. Darin wiederholt sie nicht nur die Propagandalüge linker Israelhasser, Ahmadinejad sei lediglich falsch übersetzt worden und habe Israel nicht mit Vernichtung gedroht, sie stellt auch klar, welchem Zweck der Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb der Iraner im Jahre 2006 gedient habe. Dieser sei nicht genuin antisemitisch gewesen, sondern müsse im “Kontext” verstanden werden, als Antwort auf den dänischen Mohammed-Karikaturen-Wettbewerb und als ein Testfall der “Meinungsfreiheit”:

=Küntzel versucht mit dem Verweis auf das Stattfinden des Wettbewerbs 2006 und durch das Zeigen zweier Karikaturen aus der Sammlung zu beweisen, dass die Aktion im Kern antisemitisch gewesen sei. Dies kann man nur dann behaupten, wenn man – wie bewährt – den Kontext eliminiert. Völlig unerwähnt lässt Küntzel den Anlass des Wettbewerbs: eine Antwort auf die dänischen Karikaturen bzw. deren Verteidigung als Ausdruck von „Meinungsfreiheit“.=

Frau Dr. Schiffer hat keine Ahnung, worin sich die dänischen Mohammed-Karikaturen von den iranischen Holocaust-Karikaturen unterscheiden. Man kann von einer Ziege, die zur Gärtnerin berufen wird, nicht erwarten, dass sie den Unterschied zwischen Zierpflanzen und Unkraut erkennt. Für eine Teilnahme an der Konferenz über Antisemitismus und Islamophobie hat es allemal gereicht - http://zfa.kgw.tu-berlin.de/feindbild_muslim_feindbild_islam.pdf - wobei niemand daran Anstoss nahm, dass Frau Dr. Schiffer ihren wissenschaftlichen Wasserbrei auf einer Website publiziert, auf der auch “im Kern antisemitische” Texte und Karikaturen veröffentlicht werden, deren Kontext nicht erst dechiffriert werden muss. http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_deutsch/schiffer_sabine_matthias_kuentzel_iran.htm

Und hier ein Interview mit Matthias Kuentzel, in dem er mal wieder jeden Kontext eliminiert:
http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=960636&kat=4

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