Nathan Gelbart, Gastautor / 16.07.2012 / 22:30 / 0 / Seite ausdrucken

Das sagt der Anwalt: Erst einmal durchatmen!

Nathan Gelbart

Falsche und schlechte Urteile werden täglich verkündet. Trotz Anfällen von Erbrechen und Übelkeit ob des “Urteilstenors” im Kölner Beschneidungsprozess empfiehlt es sich   dennoch, erst einmal durchzuatmen und die schriftliche Urteilsbegründung in Ruhe zu lesen. Zahllose Spezialisten und Schlaumeier in diesem Land haben in den letzten Wochen dazu betragen, die Debattenkultur zu beschneiden. Panikmacher aller Lager, die entweder nicht richtig lesen können oder von Beschneidungen nicht den Hauch einer Ahnung haben,  tobten sich erstmal ordentlich aus.

Während europäische Rabbiner und andere Funktionäre bereits das Ende des deutschen Judentums und einen seit der Shoa so nicht mehr dagewesenen Angriff auf das deutsche Judentum feststellten, waren es auf der anderen Seite die altbekannten humanistischen Gutmenschen, die das Urteil zum Schutze unmündiger Knaben vor alttestamentarischer Verstümmelung feierten. Und dies, wie von der der Hummel gestochen und als ob ihnen die auch in diesem Land Jahrhunderte lang von Juden praktizierte Tradition gänzlich verborgen geblieben wäre.

Gutmenschen, die schon immer wussten, was für jüdische Jungs gut ist, besser, als deren Eltern es zu wissen meinten. Sie wissen es besser, ob jüdische Jungs in Israel den Wehrdienst verweigern und ob ihre Eltern doch bitte auch ohne einen Friedensvertrag umstrittene Gebiete an die Palästinensische Autonomiebehörde abtreten sollen. Sie wissen auch, dass jüdische Jungs mit der iranischen Atombombe viel besser leben können als ohne und dass militärische Antworten auf Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen, nicht aber der Beschuss selbst Unrecht sind. Und sie wissen natürlich besser, was mit jüdischen Vorhäuten in Deutschland zu geschehen oder nicht zu geschehen hat. 

Selten konnte man in einer Debatte derart geballte Inkompetenz, Unwissen und vor allem Unsensibilität zugleich erleben. Hierbei umschiffen die Experten gekonnt vor allem zwei elementar wichtige und voneinander strikt zu trennende Parameter: 1. Art und Intensität des Eingriffs und 2. dessen rechtliche Grundlage.

Die Entfernung der Vorhaut dauert bei einem Neugeborenen keine 15 Sekunden und führt weder zu einer „Verstümmelung“ noch zu ästhetischen oder medizinischen Einschränkungen. Manche meinen sogar, der beschnittene Schniedel des kleinen Schmocks käme erst nach Freilegung der Eichel zu seiner wohlverdienten Schönheit. Ein in Zusammenhang mit der Durchführung einer Beschneidung als gerichtlicher Sachverständiger angehörte Chirurg bezeichnete erst kürzlich die Entfernung der Vorhaut als weniger schmerzhaft als die Entfernung einer Fußwarze und verglich den Eingriff mit der Ablösung eines klebrigen Pflasters. Es geht also schlichtweg um einen Fetzen haut – nicht mehr und nicht weniger.

Die Rechtsgrundlage hierfür ist nicht etwa im Strafrecht, sondern im Familienrecht zu finden. Die §§ 1626 ff. BGB regeln, inwieweit Eltern im Rahmen ihrer elterlichen Sorgepflicht und ihres Sorgerechtes auf das minderjährige Kind einwirken dürfen – ja, dazu gehören auch irreversible Maßnahmen: die kosmetisch begründete Anlegung abstehender Ohren, die ästhetische Richtung eines krummen Nasenbeines sowie auch rein profilaktische Maßnahmen ohne konkrete medizinische Indikation, wie z.B. die Entfernung der Mandeln oder Polypen. Alles Eingriffe, die langwieriger sind als eine Beschneidung, irreversibel und weitaus schmerzhafter.Aber sie sind eines nicht – die elementare Säule einer der drei großen Weltreligionen und Bestandteil unserer abendländischen Kultur.

Die drei übereifrigen Rechthaber aus Kölle haben sicherlich die Debatte um die Beschneidung eröffnet, diese zu verhindern wird ihnen jedoch nicht gelingen.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Nathan Gelbart, Gastautor / 15.10.2017 / 09:30 / 6

Was erlauben, Siggi?

Von Nathan Gelbhart. Eigentlich war es kein besonders spektakuläres Ereignis: Das deutsch-israelische Zukunftsforum vergab am 10.10.2017 den Shimon-Peres-Preis an zwei sozial engagierte Gruppen aus Deutschland und…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 22.05.2015 / 00:04 / 0

No Jews, no news

Nathan Gelbart Beim Berliner Ableger eines renommierten transatlantischen Institutes mit dem Namen eines bekannten US-Skiresorts in Colorado referierte gestern der aussenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 29.04.2015 / 00:52 / 1

Berliner Fahnen-Phobie

Nathan Gelbart So sehr sich Israelfreunde und die Fans des FC Ingolstadt zu Recht über das skandalöse Vorgehen der Polizei beim Zweitligaspiel in der “Alten…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 14.09.2014 / 19:40 / 8

Engagement zum Nulltarif

Nathan Gelbart Es ist ein Armutszeugnis, dass Juden zu einer Kundgebung gegen den Judenhass in diesem Land aufrufen müssen. So als ob vergewaltigte Frauen gegen…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 28.05.2013 / 09:33 / 0

Kleine Nachhilfe für grüne Verbraucherschützer

Nathan Gelbart Man kommt nicht darum herum, bei der Motivationsfindung der Verbraucherschützer der grünen Art auch die Ursache und die Vorgeschichte der gegenwärtigen Präsenz israelischer…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 06.01.2013 / 00:01 / 0

Auch ein linker Schmock findet mal nen Korn

Nathan Gelbart Er ist ein Kritiker fürs Feine und fürs Grobe, bearbeitet aber am liebsten ein Sujet: Israel.  Die Großmacht am östlichen Rand des Mittelmeers.…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 11.04.2012 / 15:07 / 0

Was Unrecht ist, bestimmt das gute Gewissen

Nathan Gelbart Wer sich im Supermarkt aus einer endlosen Produktauswahl für ein ganz bestimmtes Produkt entscheidet, sagen wir: die Original Wagner Steinofen Pizza, trifft hierbei…/ mehr

Nathan Gelbart, Gastautor / 06.12.2011 / 23:58 / 0

Harvard schützt vor Dummheit nicht

Nathan Gelbart Letzte Woche fand in Brüssel ein internationales Juristen-Symposium über Antisemitismus statt. Ehrengast war ein ganz besonderer Jurist. Seine Exzellenz, der Botschafter der Vereinigten…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com