Vera Lengsfeld / 30.12.2017 / 06:00 / 10 / Seite ausdrucken

Das Prinzip Untergang

Beim Stöbern im Buchladen fiel mir zwischen den Jahren die Taschenbuchausgabe von Heinrich Gerlachs „Durchbruch bei Stalingrad“ in die Hände.  Von der ersten Zeile an konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Die Geschichte des Buches allein ist schon abenteuerlicher als jeder Krimi. Gerlach schrieb das Manuskript innerhalb von knapp zwei Jahren in verschiedenen Lagern, in denen er während seiner Kriegsgefangenschaft war. Es gelang ihm, bis 1949 sein auf über 600 Seiten angewachsenes Werk zu bewahren, dann wurde es konfisziert.

Als Gerlach mit den letzten Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkam, sah er es als seine Aufgabe an, seinen Roman noch einmal zu schreiben. Dafür nahm er anfangs die Hilfe eines Arztes in Anspruch, der ihm ermöglichen sollte, unter Hypnose seine Erinnerungslücken wieder zu füllen. Später kontaktierte er immer wieder andere Stalingrad-Überlebende, um sein Werk möglichst detailgetreu zu beenden.

„Die verratene Armee“ erschien in den 50er Jahren in einem Münchener Verlag und war ein Bestseller. Es dauerte bis 2012, ehe ein Literaturwissenschaftler im Moskauer Archiv der Roten Armee das Originalmanuskript fand und nach mühsamer Bearbeitung publizierte. Auch „Durchbruch bei Stalingrad“ verkauft sich gut. Man kann sich nur wünschen, dass es von möglichst vielen Menschen gelesen wird, denn die Botschaft von Stalingrad ist dabei vergessen zu werden.

Die Handlung beginnt Anfang November 1942 am Donbogen nordwestlich von Stalingrad. Um die Stadt wird seit Monaten verlustreich gekämpft.

„Jetzt lagen die Kompanien durchweg nur noch acht bis fünfzehn Mann stark und fast aller ihrer Offiziere beraubt, in dünner Linie am oberen Rand des Steilufers. Verlaust und verdreckt, frierend und zu Tode erschöpft, schon seit Wochen ohne Ablösung. Dem Geschoßregen der russischen Artillerie und Granatwerfer preisgegeben. Und die schlecht ausgebildeten Leute des spärlichen Ersatzes wurden von den Scharfschützen ausgeknipst wie die Fliegen.“

Der Glaube an den Endsieg besiegt alle Zweifel

Oberleutnant Breuer, das Alter Ego Gerlachs, glaubt dieser Hölle entronnen zu sein. Noch ein kleiner Auftrag am Don, dann würde seine Kompanie ihr Winterquartier beziehen. Die Armeeführung meint, die Sowjets wären am Ende. Zwar weiß niemand, was sich im großen Wald hinter der Kletzkaja verbirgt, aber der Glaube an den Endsieg besiegt alle Zweifel. Ohnehin war zweifeln so etwas wie desertieren. Der Vorschlag eines einzelnen Generals, eine taktischen Rückzug bis zum Peipussee, vielleicht sogar bis Memel durchzuführen, wurde als unbegründeter Pessimismus gebrandmarkt.

Zeigte sich am Donbogen nicht das ganze Genie des „größten Feldherren aller Zeiten“? Hitler hatte alle Theorie und Schulweisheit hinweggefegt. Wer hätte jemals geglaubt, dass eine einzige Division einen Abschnitt von 50 km halten kann? Jeder Offiziersschüler, der das behauptet hätte, wäre für hoffnungslos unfähig gehalten worden. Hier am Don war es Wirklichkeit.

Ein russischer Großangriff wurde für so völlig absurd gehalten, dass die Truppen am Don unvorbereitet überrascht wurden. Hitler befahl, dass der Rückzug nicht nach Westen, sondern nach Osten, Richtung Stalingrad stattzufinden hatte, wo sich die Armee „einigeln“ sollte. Das geriet zum Desaster, das hunderttausende Soldaten das Leben kostete.

Im Kessel angekommen, wo man alte russische Stellungen beziehen konnte, war die Stimmung zunächst nicht schlecht. Die Front war zum Stillstand gekommen, der Kessel war 60 km lang und 30 km breit, die Armee zählte 300 000 Mann. Was sollte da passieren? Niemand könnte so einen Kessel sprengen. Hitler würde die Truppe raushauen. Der Führer schickt Mannstein, hieß es bald. Aber Mannstein kam nicht, auch kein anderer.

Die Aufgabe zugeteilt, den Heldentod zu sterben

Nachdem der Kessel geschlossen war, gab es in Rostow am Don eine Besprechung der Armeeführung mit Hitler. Ausnahmslos alle anwesenden Generäle sagten mehr oder weniger deutlich, dass ein Kessel dieses Ausmaßes nicht zu versorgen sei. Man solle der Armee den Ausbruch gestatten. Davon wollte der Gröfaz nichts hören. Schließlich hätte man den Kessel von Demjansk auch versorgen können. Dass es sich in diesem Fall um 6, nicht um 22 Divisionen handelte und die Aktion mehr Menschenleben gekostet hatte, als gerettet werden konnten, sagte dem Führer niemand mehr. Am Ende sprang Göring auf: „Mein Führer, für uns gibt es kein Unmöglich! Ich garantiere die Versorgung der 6. Armee!“

Diese Garantie konnte Göring nicht einlösen. Es kamen höchstens ein Drittel der benötigten Nahrungsmittel an, geschweige denn Sprit oder Medikamente.

An Weihnachten war die Lage schon kaum noch erträglich, aber es reichte für die Landser noch zu einer Extraportion Zwieback. Der war zwar mit Mäusedreck durchsetzt, aber das störte keinen mehr. Erst verschwanden die Pferde in den Kochtöpfen, dann Hunde und Katzen, schließlich gab es keine Ratten und Mäuse mehr. Es gab aber noch Sowjetsoldaten, die freiwillig in den Kessel kamen, um sich in Gefangenschaft zu begeben, weil sie glaubten, bei den Deutschen besser ernährt zu werden.

Der Neujahrsansprache des Führers lauschten die meisten noch gläubig. Die Soldaten im Kessel könnten sich auf ihn verlassen. In Wirklichkeit hatte Hitler sie schon abgeschrieben. Er hatte ihnen die Aufgabe zugeteilt, den Heldentod zu sterben.

Als im bitterkalten Januar die Front wieder in Bewegung kam, mussten die Landser ohne geeignete Winterkleidung in Schneelöchern Stellung beziehen, wo sie innerhalb weniger Stunden erfroren. Um einen Hügel zu halten oder zurückzuerobern, wurden täglich hunderte Männer in den sicheren Tod geschickt. Die „Knochenstraße“ wurde mit erfrorenen Menschen markiert, die man kopfüber in den Schnee steckte, den man mit etwas Wasser dann zu Eis erstarren ließ. Holz gab es nicht mehr - das war bereits verheizt. Inmitten dieser Apokalypse gab es immer noch geordnete Kampfhandlungen. Ein Kompanieführer hatte sich ein schlaues Meldesystem ausgedacht, das die Bewegung der Angreifer zuverlässig übermittelte. Er verlängerte damit die Agonie des Kessels um einige Tage und beförderte das Sterben seiner Kameraden.

Je schlimmer die Lage, umso größer der Glaube an ein Wunder

Inzwischen war die russische Westfront schon 300 km entfernt. Nachdem die letzte Ausbruchsmöglichkeit von Hitler untersagt wurde, war klar, dass die Armee dem Untergang ausgeliefert worden war. Die Generalität nahm es widerstandslos hin. Den Landsern wurde die hoffnungslose Lage verschwiegen. Je schlimmer die Lage wurde, umso größer wurde der Glaube an ein rettendes Wunder. Der Kessel von Stalingrad war das Ergebnis einer Entscheidung, die auf Grund von Illusionen und verbrecherischen Machbarkeitswahn getroffen wurde, unter Ausblendung der Realität, ohne Rücksicht auf die betroffenen Menschen. Die Opfer dieser skrupellosen Politik konnten sich nicht vorstellen, dass sie bedenkenlos verheizt wurden. Selbst als der Kessel täglich schrumpfte und die Überlebenden sich in die Stadt zurückziehen mussten, starb die Hoffnung auf ein Wunder nicht.

Mitten im Kessel gab es bis kurz vor Schluss noch unberührte Inseln. In einer Schlucht, in der Feldjäger stationiert waren, gab es beheizte Bunker, volle Kochtöpfe, Strom aus Generatoren und Alkohol. Währen ringsherum Menschen verreckten, war man hier ahnungslos.

Gerlachs Held Breuer sah auf einem Rückzug, wo sich Verwundete mühsam dahinschleppten, weil es keine Transportmöglichkeiten für sie gab, dass sie von LKWs überholt wurden, die voll beladen mit Teppichen, Möbeln und Alkohol für die Bunker der Kommandierenden geladen waren. Während die Landser den Toten die Kleidung auszogen, um noch ein paar Stunden zu überleben, Schwerstverwundete unbedeckt auf den Ladeflächen erfroren, wurden die Bunkerwände eines lärmempfindlichen Majors mit Decken ausgekleidet. Als die Feldjäger von ihrer letzten Station in Stalingrad von einer Minute auf die andere zu Kampfhandlungen befohlen wurden, fanden die Landser unter den zurückgelassenen Dingen Pakete mit Nahrungsmitteln, die aus dem Kessel in die Heimat geschickt werden sollten. Die Feldjäger waren diejenigen, die Landser standrechtlich erschossen, die sich aus zerplatzten Verpflegungsbomben etwas zu essen besorgten.

Als die Armee schon längst in Auflösung begriffen war, funktionierte die Bürokratie noch. Am letzten Tag starteten auf dem letzten verbliebenen Flughafen Stalingradtzkij ein Dutzend Transportflugzeuge leer, weil die unzähligen Verwundeten, die sich auf dem Rollfeld drängten, nicht die erforderlichen Papiere hatten. Essen bekam vom Zahlmeister nur, wer noch einer Kompanie angehörte. War die aufgerieben, gab es für die Überlebenden nichts mehr.

Schauerliche Kulthandlung eines barbarischen Götzendienstes

Die allerletzten Hoffnungen klammerten sich an den 30. Januar, den 10. Jahrestag der Machtergreifung. Sicherlich würde Hitler diesen Festtag mit der Rettung der verbliebenen Kämpfer krönen wollen? Der dachte nicht daran. In der Festansprache wurde den „Helden“ von Stalingrad die Aufgabe zugewiesen zu sterben. Weil ein einzelner Mann nicht zugeben konnte, dass er sich geirrt hatte, mussten 300.000 Menschen untergehen. Es war die schauerliche Kulthandlung eines barbarischen Götzendienstes.

Bis es nicht mehr ging, tanzte die Armeeführung nach der Pfeife des wildgewordenen Gefreiten. Die Führung war durch Feigheit, Subordination und Verantwortungslosigkeit gelähmt. Die Soldaten rebellierten nicht, weil sie nicht gewohnt waren, Befehlen zu widersprechen. Das hätte ja den Tod bedeutet. Von den 300 000 Stalingrad-Kämpfern überlebten nur 6.000 Soldaten, aber 1.250 Offiziere und alle Generäle, bis auf drei.

Die eigentliche Lehre von Stalingrad, nie wieder einer selbsternannten Elite zu gestatten, unhinterfragt Entscheidungen zu treffen, denen alle zu gehorchen hätten, auch wenn sie ins Verderben führen, wird heute längst wieder in Frage gestellt.

Wer selbst denkt, eigenständig Verantwortung übernehmen will, entsprechend seiner eigenen Erkenntnisse, wer der Meinung ist, dass nie wieder die Illusionen von Einzelnen über das Schicksal aller entscheiden dürfen, der sollte sich nicht einschüchtern lassen. Stalingrad mahnt, aber wir müssen die Botschaft hören und verbreiten.

Heinrich Gerlach: "Durchbruch bei Stalingrad"

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Leserpost (10)
K.H. Münter / 30.12.2017

So weit ich das beurteilen kann begann “die Handlung” bereits im November 1942. Ein Jahr später war die Front bereits weit westlich von Stalingrad entfernt.

Vladi Segal / 30.12.2017

“Die Handlung beginnt Anfang November 1943 am Donbogen nordwestlich von Stalingrad. Um die Stadt wird seit Monaten verlustreich gekämpft.” Die Schlacht um Stalingrad ging bereits im Ferbruar 1943 zum Ende, im November 1943 wurde schon Kiew zurückerobert.

Werner Arning / 30.12.2017

Natürlich ist unsere heutige Situation nicht mit der, in der sich die Soldaten in Stalingrad befanden, zu vergleichen. Jedoch gibt es die Parallele des Ausgeliefertseins, des Ausbadenmüssens verantwortungsloser Entscheidungen einer „Elite“, des Nichtwissens, was als nächstes passieren wird, der Verlust des Altbekannten, der Sicherheit. Der Soldat hatte keine Chance, sich zu wehren. Er konnte sein Unheil nicht abwenden. Wir schon. Und wir sollten uns in keinen Kessel treiben lassen, während die „Elite“ im beheizten Bunker sitzt.

Rene Gad / 30.12.2017

“Die Handlung beginnt Anfang November 1943 am Donbogen nordwestlich von Stalingrad. “ Dei Kampfhandlungen am Donbogen gingen im August 1942 zum Ende. Erst danach began die eigentliche Schlacht um Stalingrad. Im November 1943 war bereits Kiew von Sowjetarmee zurückerobert.

Karla Kuhn / 30.12.2017

“Weil er nicht zugeben konnte, dass er sich geirrt hatte, mussten 300.000 Menschen untergehen.”  “Je schlimmer die Lage, umso größer der Glaube an ein Wunder”  “Es war die schauerliche Kulthandlung eines barbarischen Götzendienstes.”  Nie wieder darf so etwas von deutschen Boden ausgehen wurde uns in der Schule eingetrichtert !!  Was soll man dazu noch sagen ?

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