Norbert Jessen, Gastautor / 09.04.2017 / 18:01 / 2 / Seite ausdrucken

Das Opfer ist eine alte Jüdin, der Täter ein junger Moslem. Das Motiv ist unklar.

Von Norbert Jessen.

Eins ist sicher, es war Mord: Die 66-Jährige Sarah Lucy Halimi wurde in der Nacht zum Dienstag letzter Woche von ihrem tobenden 27-jährigen Nachbarn schlafend in ihrem Bett erst durch Messerstiche schwer verwundet und dann vom Balkon im 3. Stock auf die Straße geworfen. Für ihre Nachbarn im 11. Pariser Arrondissement sicher ein Schock, für die Medien keine allzu große Sache. Ein etwas allzu blutiger Nachbarschaftsstreit. Das Viertel genießt ohnehin nicht den besten Ruf. Da ist aber noch etwas sicher: Der Täter schrie während der Tat "Allahu Akbar!". 

Für die Polizei ist das nicht relevant. Sie sieht den Mord als die Tat eines mutmaßlich Unzurechnungsfähigen. Nach seiner Festnahme brachte die Polizei den Täter ins IPPP (Infirmerie psychiatrique de la prefecture de police), also in die Gefängnisklapse. Polizei und Staatsanwaltschaft haben angesichts der Beweislage nicht viel zu ermitteln. Es geht jetzt noch vor allem um die Zurechnungsfähigkeit und Schuldverantwortung des jungen Mannes, dessen Name daher vorläufig ungenannt bleibt. In ihren Stellungnahmen vermied die Polizei jeden Hinweis auf mutmaßlich islamistische Motive. Weshalb das Wort Terror unerwähnt blieb.

Im Auftrag des Koran

Dabei blieb es, auch nachdem der Täter im Verhör erklärt hatte, der Koran gebe ihm den Auftrag, Ungläubige zu töten. Und ihm war auch nicht entgangen, dass Madame Halimi eine Ungläubige der ganz besonderen Art war: Eine Jüdin. Weshalb sie, die Leiterin eines Kinderhorts in ihrer orthodoxen Synagogen-Gemeinde, auch schon einmal Anzeige gegen ihren Nachbarn erstattet hatte. Wegen Stalking aus antisemitischen Beweggründen. Eine Anzeige, die zur Tatzeit bereits als Staubfänger in einer Schublade vergammelte. Weshalb die Polizei auch nicht von einem „mutmaßlich“ antisemitischen Motiv ausgehen wollte.

Ein ganz normaler Tobsuchtsanfall also, nach einem Streit mit seinen Eltern. Danach schreien die Tobenden immer gerne „Ich will Blut!“ und bemühen sich in einer gewagten Kletteraktion, vom Balkon im 2. Stock in die Wohnung darüber zu gelangen. Zerschlagen Fensterscheiben und zücken das Messer, das zu solchen Zwecken immer klappbereit in der Hosentasche steckt. Die Nachbarn nebenan wären von Balkon zu Balkon leichter zu erreichen gewesen. Aber es sind keine Juden.

Die Polizei war schon da

Erwähnenswert ist noch die Tatsache, dass die Polizei zur Tatzeit bereits im Hause weilte - also Präsenz zeigte, noch bevor Sarah Lucy Halimi unsanft aus dem Schlaf gerüttelt wurde. Doch beeindruckte das Toben des 27-Jährigen die Streifenbeamten vor dessen Ein-Zimmer-Wohnung im 2. Stock so nachhaltig, dass sie erst einmal Verstärkung anfordern mussten. Die dann wirklich nur leicht verspätet eintraf. Übrigens war das eine Gruppe des französischen SEK „gegen Terror und Schwerkriminalität“. In dieser Reihenfolge. 

Die beiden größten jüdischen Verbände Frankreichs haben zu einem Schweigemarsch für diesen Sonntag aufgerufen. Mit der Forderung nach gründlichen Ermittlungen, die auch mögliche antijüdische und salafistische Motive überprüfen sollen. Der Blick auf die Seele des Täters genügt da nicht, auch das Opfer und dessen Herkunft müssen in Betracht gezogen werden. Dabei könnte auch die Frage aufkommen, wieweit ein gewisser Wahnsinn terroristische Motive ausschließen kann. Könnte er nicht auch und gerade als eine Voraussetzung gesehen werden? 

Die Ermittlungen der Polizei dauern an. Kenner gehen davon aus, dass sie nach dem 7. Mai ganz spontan Geschwindigkeit aufnehmen. Dann sind die Präsidentschaftswahlen vorbei.

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Leserpost (2)
Elmar Schlürscheid / 10.04.2017

Und in der deutschen Presse kein Wort davon, warum auch? Ist ja nur regional von Bedeutung. Heiliger St.Florian…....! Würde jetzt noch gerne wissen ob der Schweigemarsch unbehelligt sein Ziel erreicht hat.

Wolfgang Richter / 09.04.2017

Wenn es nicht ein Menschenleben gefordert hätte, könnte man den Sachverhalt, vor allem hinsichtlich der (nicht nur im vorliegenden Sachverhalt) inzwischen offensichtlich dem Zeitgeist geschuldeten Hilflosigkeit der eingesetzten Polizeibeamten als Peinlichkeit erster Güte abtun. Aber das wird der Dimension dieser sich häufenden Ereignisse aus einem Denken, das mit dem allseits politisch korrekten großen “Nichts” zu tun hat und als schon üblicher Einzelfall mit Psychokompenente abgehandelt wird, bei weitem nicht gerecht. Die ideologischen Hinterläute dieser Entwicklung müßten vor Scham auf Nimmerwiedersehen im Boden versinken. Stattdessen verkünden sie immer noch ihre relativierenden Parolen und -noch schlimmer- finden nachwievor Zuhörer.

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