Rainer Bonhorst / 23.12.2012 / 13:18 / 0 / Seite ausdrucken

Das liebe Göttchen

Ich möchte mich in die theologische Debatte über das Geschlecht Gottes nicht einmischen. Ich habe da zwar meine Vermutungen, zumal man den Bart, den Gott in den klassischen Abbildungen trägt, nur schwer als Damenbart interpretieren kann. Aber kann „das Gott“ wirklich eine tragfähige Lösung sein für den Streit um die Frage, ob Gott ein Mann oder eine Frau oder beides oder nichts von beidem ist? Das Gott? Wie immer man dazu steht - diese Formulierung, die das politisch überkorrekte Berlin jetzt hervorgebracht hat, wirft einige unschöne grammatikalische Fragen auf.

Das Gott. Wer es zum ersten Mal hört, spürt sofort, dass hier irgend etwas unrein klingt. Zwar behauptet Schüler Pfeiffer in der Feuerzangenbowle, dem Reinen sei alles rein. Trotzdem wird mancher, wenn er „das Gott“ hört, kopfschüttelnd sagen: „Ach du lieber Gott, was ist das denn jetzt schon wieder.“ Und da haben wir schon das erste Problem. Folgt man nämlich der sprachlichen Genderneutralisierung, die Familienministerin Kristina Schröder ihrem Gott verpasst hat, so müsste der Ausruf der Verblüffung nicht „ach du lieber Gott“ lauten sondern „ach du liebes Gott“. Aber wie klingt das denn. Ach du liebes Gott. Das klingt nach Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die das deutsche Artikelwesen als eine Zumutung empfinden, womit sie ja nicht ganz unrecht haben.

Aber es führt kein Weg daran vorbei. Wer „das Gott“ sagt, muss auch „ach du liebes Gott“ sagen. Ein klassischer Fall von unerwarteten und unerwünschten Konsequenzen einer einmal getroffenen politischen Entscheidung. Und das ist noch keineswegs das Ende der Probleme. Was sagt man in den Fällen, in denen Gott als Herr und/oder als Vater bezeichnet wird? „Das Herr und das Vater“ sind die unausweichliche Konsequenz, wenn „das Gott“ erst einmal eingeführt ist. Man müsste also singen: „Das Herr ist mein Hirte. Es weidet mich auf einer grünen Au.“ Und das Vater? Im Gebet böte sich immerhin eine grammatikalisch bereinigte Alternative an: „Unser Elternteil, das du bist im Himmel.“ 

Gibt es einen umfassenden grammatikalischen Ausweg aus dem Das-Gott-Problem? Ja, das Mädchen könnte da hilfreich sein. Das Mädchen gilt zwar traditionell als ein Wesen weiblichen Geschlechts, heißt aber nicht „die Mädchen“ sondern wunderbar neutral und trotzdem sprachlich sauber „das Mädchen“. Der Trick ist natürlich die Verkleinerung. Die Maid, das Mädchen. Analog hieße es dann: Der Gott, das Göttchen. So wird aus einem harschen Missklang (das Gott) die reinste grammatikalische Musik (das Göttchen).


Ach du liebes Göttchen, wird nun der eine oder andere wieder kopfschüttelnd sagen. Aber man kann es nicht jedem recht machen.

Gott selbst schweigt mal wieder zu dieser brennenden Frage. Zwar vermutet Angela Merkel, dass er nicht beleidigt sei, wenn man ihn „das Gott“ nennt. Aber weiß man es? Die Bundeskanzlerin mag die mächtigste Frau auf Erden sein. Aber ihre Position im Himmel ist noch nicht so gefestigt, dass sie Gottes Haltung zu genderpolitischen Fragen verbindlich vermitteln könnte.

Wir wissen ja nicht einmal, ob Gott überhaupt deutsch spricht. Sprachlich ist er wohl eher im Nahen Osten zu Hause. Hebräisch und vielleicht noch aramäisch dürften seine Muttersprachen sein. Im Babylonischen und Ägyptischen ist er dank längerer Aufenthalte seiner auserwählten frühen Verehrer sicher auch bewandert. Später wird er sich noch Altgriechisch und Latein angeeignet haben. Und sollte Gott auch Neusprachler sein, so dürfte ihm das Italienische des Nachfolgers Petri geläufiger sein als das Deutsche des späteren Luther. Und wenn er schlau ist, wird er heutzutage auch die Weltsprache Englisch dem Deutschen vorziehen. So polyglott Gott sein mag: Unseren deutschen Sprachstreit um den oder das Gott wird er kaum in all seinen Subtilitäten nachvollziehen können.

Für unseren irdischen Seelenfrieden wäre es trotzdem gut, den göttlichen Sprachstreit mit einem Kompromiss zu beenden. Aber wer soll das schaffen? Der parlamentarische Vermittlungsausschuss ist nicht zuständig und wäre wohl auch überfordert. Wie immer, wenn eine Sache völlig festgefahren ist, ruht unsere letzte Hoffnung auf der rheinischen Problemlösungskraft des kölschen Gemüts. „Et hett noch immer joot jejange,“ sagt der Kölner und weist uns damit sprachlich den Ausweg aus der fest gefahrenen Gottesfrage. Und zwar ganz einfach, indem er sie auf kölsch stellt: „Soll dat nu dr leeve Jott heißen oder dat leeve Jott?“ Und siehe: Plötzlich ist die ganze vertrackte Gottesgenderdebatte dort angekommen, wo sie hingehört - im Karneval.

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