Alexander Wendt / 02.12.2016 / 09:40 / Foto: August von Wille / 6 / Seite ausdrucken

Das Kreuz mit den Juden - Wenn Bischöfe auf Reisen gehen

Manchmal, wenn über eine Sache partout kein Gras wachsen will, versucht es eine interessierte Seite mit Rollrasen. So jedenfalls die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD nach der Reise von Kardinal Reinhard Marx und EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm nach Jerusalem Ende Oktober. Zur Erinnerung: Beide Gottesmänner hatten bei ihrem Besuch in der al-Aksa-Moschee ihr Pektoralkreuz abgenommen  – auf Bitte von Scheich Omar Adwadallah Kiswani von der islamischen Stiftung Wakf, der die christlichen Symbole nicht dulden wollte. 

Als sie wieder nach Deutschland zurückkehrten, merkten die beiden Kirchenführer, dass die Unterwerfungsgeste bei vielen ihrer Gläubigen daheim nicht besonders gut angekommen war. Bischof Bedford-Strohm entschied sich deshalb zum Gegenangriff,  konkret, zur Schelte;  erstens der Kritiker aus den eigenen Reihen, in denen er „rechtsgerichtete Kreise“ ausmachte. Und zweitens gegen die wenigen Medien, die  über die ökumenische Kreuzabnahme  berichtet hatten. Die Juden, so der EKD-Vorsitzende, hätten schließlich das gleiche von ihm und Marx vor dem Besuch der Western Wall (Klagemauer) verlangt: 

Man inszeniert einen Kulturkampf mit der Sache, um zu zeigen, der Islam sei intolerant. Warum wird nicht gleichzeitig darauf hingewiesen, dass wir bei beiden Religionen, die wir besucht haben, von den Betreuenden gebeten wurden, das Kreuz nicht zu tragen, um nicht zu provozieren?Hier.

Dass ein christliches Kreuz um den Hals beim Besuch der Western Wall irgendeine israelische Stelle provozieren, ja überhaupt kümmern sollte – das wäre in der Tat eine  bemerkenswerte Geschichte. Grund genug, einmal nachzufragen. Das machte ich. Und bekam von dem Sprecher der israelischen Armee, Major Ayre Sharuz Shalicar, eine sehr eindeutige Antwort:  

„Fest steht, dass keine Sicherheitsbedenken bestanden haben und keine Polizei oder Armee etc. die Herrschaften aufgefordert hat, ihre religiösen Merkmale zu verstecken.“

Apropos verstecken: Auf meine Anfrage beim Sprecher der EKD, Carsten Splitt, und dem Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, welche israelische Stelle denn nun genau ihren Dienstherren das Tragen des Kreuzes an der Western Wall untersagt oder sie zumindest davon abgehalten habe, antworteten beide, sie wollten die Angelegenheit „nicht vertiefen“ (Splitt) beziehungsweise „nicht weiter konkretisieren“ (Kopp). 

Auch der israelische Gesandte in Berlin widerspricht sehr höflich

Aber vielleicht weiß ein israelischer Armeesprecher nicht alles? Ich fragte deshalb den israelischen Gesandten in Berlin, Avram Nir-Feldklein. Der sagte sehr höflich, die Botschaft arbeite mit der Bischofskonferenz sehr gut zusammen, aber – nein, keine offizielle israelische Stelle hätte die beiden Geistlichen gedrängt, ihr Kreuz abzulegen.  

Aber mittlerweile begab sich ein Wunder: Die Geschichte von den Juden, die genau so intolerant gewesen seien wie die islamische Stiftung – so musste man ja Bedford-Strohms Einlassung verstehen – löste sich plötzlich spurlos auf. Jedenfalls in einer Mail, die Bischofskonferenz-Sprecher Kopp an einen der vielen wütenden Katholiken schickte, die sich bei ihm gemeldet hatten - und der mir vorliegt:

„Die katholischen Bischöfe aus Deutschland und die evangelische Delegation“, so Kopp,  „haben bei ihrem Besuch des Felsendoms und der al-Aksa-Moschee (nicht aber des gesamten Tempelbergs) (arabisch: al-haram asch-scharif) darauf verzichtet, das Bischofskreuz zu zeigen. Gleiches haben Sie auch beim Besuch der jüdischen Westmauer (hinlänglich bekannt als "Klagemauer") getan. Es handelte sich dabei um eine Geste der Zurückhaltung, die angesichts der generell angespannten und in Folge des jüngsten UNESCO-Beschlusses sogar noch verschärften Lage angeraten erschien. Die Besucher aus Deutschland haben deutlich gemacht: Wir empfinden uns hier als Gäste; unser Besuch geht nicht mit irgendwelchen Ansprüchen einher, die die ohnehin schwierige und aufgeheizte Situation noch weiter belasten könnten. Die ökumenische Delegation hat damit auch an die Streitparteien in Jerusalem und im Nahen Osten ein Signal ausgesandt: Nur mit Respekt, Klugheit, Umsicht und Demut ist der Frieden zu erringen.“

Aus dem von den Medien „inszenierten Kulturkampf“ (Bedford-Strohm), flankiert von einer jüdischen Intoleranz, wurde nun flugs ein „Signal“, das die deutschen Gottesmänner zumindest an der Western Wall ganz freiwillig ausgesandt hatten. Wer wäre auch darauf gekommen, dass endlich Ruhe im Nahen Osten herrschen würden, wenn die Juden genau so auf ihre Kipot und den Davidstern verzichten würden und die andere Seite auf die muslimische Gebetskette und idealerweise noch auf die Hamas-Charta? 

Aber zurück zu dem, wie man heute sagt, Narrativ der beiden großen Amtskirchen in Deutschland: Sie haben spätestens ab jetzt ihren eigenen Skandal um jüdische Vermächtnisse am Hals. Denn schon damals galt es als probates Mittel, in einem hochpeinlichen Moment schnell die Hebräer vors Loch zu schieben, in der Hoffnung, dass dann  niemand genau nachfragen würde.

Wie lautet noch einmal der Lieblingsbegriff aller Wohlmeinenden, gerade der, die unermüdlich gegen "rechte Kreise" fechten? 

Ach ja, postfaktisch.

Mehr zum Autor: www.alexander-wendt.com

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Leserpost (6)
Ralf Müller / 02.12.2016

Von den “Christen” und ihren Lügen ... mal ein völlig neuer Aspekt ...

Wilfried Cremer / 02.12.2016

Schön, dass Sie die Sache am Köcheln halten. Der Tempel war doch der Ort, auf dessen Zinnen der Teufel Jesus trug und wo auch Mohammed den Abflug machte. In welche Richtung, wollen wir mal offen lassen.

Wilfried Cremer / 02.12.2016

Schön, dass sie die Sache am Köcheln halten. Der Tempel war doch der Ort, auf dessen Zinnen der Teufel Jesus trug und wo auch Mohammed den Abflug machte. In welche Richtung, wollen wir mal offen lassen.

Dirk Jungnickel / 02.12.2016

Herzlichen Dank, Herr Wendt, dass Sie diesen Skandal weiter verfolgt haben, Da sich kein Israeli findet, der den beiden ökumenischen deutschen Gesandten das Ablegen des Brustkreuzes nahe gelegt hätte, schiebt nun nach den peinlichen Begründungen der beiden Bischöfe Bischofskonferenz-Sprecher Kopp eine weitere Variante hinterher,  den Besuch der Klagemauer betreffend.  (Dort ist sicher kein gläubiger Jude vorstellbar, der an einem christlichen Symbol Anstoß nimmt.)  Die deutschen Würdenträger hätten den Streitparteien im Nahen Osten ein Signal des Friedens aussenden wollen, nur mit Respekt, Klugheit, Umsicht und Demut wäre dieser zu erringen. In Abänderung könnte man sagen, dass die Bischöfe Respekt vor Christus sowie den Gläubigen in Deutschland vermissen ließen, mit dummen vorauseilendem Gehorsam und arroganter Moralattitüde Verwerfungen und unnötige Debatten in den Christlichen Kirchen Deutschlands provoziert haben. Hier noch ein Zitat aus meiner Rücktrittforderung an Dr. Bedford Strohm: ....“2. Skandal I Sie legten vor den Besuch des Tempelberges Ihr Brustkreuz ab. Sie stellten damit das Symbol des Christentums zu Disposition. Das taten Sie an der Stelle an der Jesus gewirkt hat. Einen schlimmeren Fauxpas konnten Sie sich nicht leisten. Darf ich Ihnen in Erinnerung bringen: ‘Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.’ Matth.10.33 Selbst wenn Sie offensichtlich ein Vertreter der Multi - Kulti - Ideologie sind, dann hätten Sie einen solchen Kotau vor dem Islam als Christ nicht nötig…..und bringen mit diesem Affront die Christen, die eine Islamisierung unserer Gesellschaft befürchten, gegen sich auf.”..... Mein Brief ist bisher unbeantwortet geblieben.

Peter Hansal / 02.12.2016

Das Verhalten der beiden kirchlichen Würdenträger ist schlicht “würdelos”. Das Kreuz ist kein Schmuckstück das man ablegt, das “Kreuz zu tragen” habe sich beide vor vielen Jahren freiwillig verpflichtet. Haben die beiden das vergessen? Das Kreuz legt man nicht so einfach ab! Es ist auch kein Zeichen von Toleranz - ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Unterwerfung und Demütigung. Mir als Christ wird angeraten meinen Glauben zu leben und sichtbar zu tragen. Und die obersten “Würdenträger” treten das Kreuz mit Füßen. Die beiden sollten mal wieder das Glaubensbekenntnis beten und den Mut haben - wie die Märtyrer - zu Ihrem Glauben zu stehen. Karl Marx ist Kardinal - wie ist er den das geworden, bei dieser inneren Einstellung. Den Moslems nach dem Mund reden und die Existenz des jüdischen Tempels der 70n Chr. von den Römern zerstört wurde leugnen? Die Wahrheit ist nicht verhandelbar - und wenn Scheich Kiswani das anders sieht, dann sollte man ihn zurechtweisen und aufklären - selbst auf die Gefahr hin, dass er dann beleidigt ist.

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