Michael Miersch (Archiv) / 14.11.2006 / 19:59 / 0 / Seite ausdrucken

Das Klima grillt die Vögel

Aus der WELT von heute:
WWF: 40 Prozent der Vogelarten in Europa vom Aussterben bedroht
Eine weitere Temperaturzunahme um 1,2 Grad Celsius könnte zum Aussterben von mehr als ein Drittel aller Vogelarten in Europa führen, warnt die Tierschutzorganisation WWF. Die Auswirkungen seien bereits zu beobachten… Die komplette Meldung gibt es hier.

Als Gegengift ein Text von mir (WamS) und ein Interview mit Josef Reichholf (NOVO):

Invasion der Bienenfresser
Erschienen am 27.02.05 in WELT AM SONNTAG
Prognosen zur Klimaerwärmung sagen ein Massensterben von Tier- und Pflanzenarten voraus. Doch die düsteren Hypothesen können sich kaum auf Fakten stützen.

Die Überschrift einer deutschen Boulevardzeitung war eindeutig: „Die Eisbären sterben aus.“ Der weiße Gigant werde das erste Opfer der Klimakatastrophe. Ohne Eis kein Eisbär: Das klingt irgendwie plausibel. Ob es stimmt ist eine andere Frage. Solche Schlagzeilen sind zumeist das Endprodukt einer langen Kette der Informationsverarbeitung. Am Anfang steht eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ergebnisse nicht allzu spektakulär sind. Zum Beispiel, dass in einigen Regionen des Nordpolarmeeres seit einigen Jahren eine leichte Temperaturerhöhung festzustellen ist. Die Öffentlichkeitsarbeiter des jeweiligen Instituts packen eine hübsche Hypothese dazu. Die wird von einer Spendenorganisation aufgegriffen und zugespitzt. Deren Presserklärung landet in einer Fachzeitschrift und wird dort von einem Sensationsjournalisten entdeckt. Ergebnis: die Eisbären sterben aus. So prangte es im Jahr 2003 weltweit auf den Titelseiten populärer Massenblätter. Es gab auch schon gewagtere Thesen. Die Pinguine in Alaska seien von der Erderwärmung bedroht, konnte man nach einer Klimakonferenz in USA lesen. Peinlich nur, dass Pinguine ausschließlich auf der Südhalbkugel leben, also weder in Alaska noch sonst irgendwo am Nordpolargebiet. 

Obwohl Eisbären definitiv am Nordpol leben, ist die Kunde vom ihrem Aussterben auch nicht viel härter bewiesen. Die Zählungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) und des WWF ergaben, dass von zwanzig Populationen zehn stabil sind, sechs unbekannt, zwei wachsend und zwei abnehmend. Die Rückläufigkeit der beiden regionalen Bestände hat jedoch mit Überjagung und nichts mit dem Klima zu tun. Nicht gerade der Stoff für ein dramatische Aussterbeszenario. Anlass der Schreckensmeldung waren wärmere Temperaturen in der kanadischen Hudson Bay. Doch auch die sind nicht so ungewöhnlich wie die Berichte suggerierten. Dreimal in den vergangnen 100 Jahren war es bereits wärmer, und zwischen 1970 und 1990 sanken die Temperaturen.

Etwa gleichzeitig zum Ende der Eisbären wurde eine anderes Aussterbeszenario bekannt: Die Zahl der arktischen Wölfe im Nordosten Kanadas nahm ab. Wiederum sollte das Klima schuld sein. Doch wer den Berichte genauer las, kam ins Grübeln. Denn diesmal ging es nicht um Erwärmung sondern um Abkühlung. Mehrere Sommer in Folge waren ungewöhnlich kalt. Es hatte bereits im August geschneit.

Nicht nur im hohen Norden leiden Flora und Fauna unter der Klimaerwärmung, weltweit rafft das Fieber des Globus die Arten dahin. Diesen Eindruck erweckte eine Studie, die Anfang 2004 Schlagzeilen machte. „Die globale Erwärmung,“ so faste die Nachrichtenagentur Reuters zusammen, „könnte bis zum Jahr 2050 ein Viertel aller Arten auslöschen.“ So stand es dann weltweit in die Zeitungen. Was war geschehen? Wissenschaftler der Universität Leeds in England hatten prognostiziert, wie sich eine fortschreitende Klimaerwärmung auf 1103 ausgewählte Arten auswirken würde, und waren zu dem Schluss gekommen, dass 15 bis 37 Prozent dieser ausgewählten Arten dann wohl untergehen würden. Also eine Hypothese aufgrund von Hochrechungen. So stand es auch in ihrer Studie: „Das Vorhersagen von Aussterben enthält viele Unbekannten, und die Werte, die hier vorgelegt werden, sollten nicht als präzise Vorhersagen betrachtet werden.“ So wurden sie aber von vielen Hundert großen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern betrachtet und weitergegeben. Lediglich ein Journalist der britischen „Times“ bemerkte: „Es riecht nach dubioser Wissenschaft.“ Zu den angeblichen Aussterbekandidaten gehörten die Proteapflanzen am Kap der guten Hoffnung. Doch die vorliegenden historischen Temperaturdaten zeigen, dass dort in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts viel wärmer war als heute. Offenbar hat die Vegetation das gut überstanden.

Im aufgeheizten Wissenschaftsbetrieb ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Wer mit seiner Arbeit in die Schlagzeilen kommt, verbessert seine Aussicht auf neues Geld und neue Stellen. Die Verführung, einen unspektakulären Befund durch ein paar dramatisierende Formulierungen „sexy“ zu machen, ist verlockend. Haben die Medien erst einmall angebissen, sorgen sie von selbst für eine weitere „Zuspitzung“ des Themas. Heute ist die „Klimakatastrophe“ bereits so fest im öffentlichen Bewusstsein installiert, dass nahezu jede Ausschmückung des drohenden Desasters geglaubt wird.

Dass wärmere Temperaturen zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen ist jedoch keine sonderlich plausible Prognose. Zwei einfache Befunde sprechen dagegen. Erstens nimmt die Artenvielfalt der Erde zum Äquator hin immer mehr zu. Die geringste Artenvielfalt herrscht an den Polen und in der Kälte der Hochgebirge, die höchste im tropischen Regenwald. Und zweitens waren die Warmzeiten der Erdgeschichte immer die artenreichsten, währen in den Eiszeiten die Vielfalt abnahm (siehe Interview). Warum sollte es diesmal anders sein – falls es wirklich zu einer starken Klimaerwärmung kommt?

Obendrein sprechen messbare ökologische Veränderungen der Gegenwart dagegen. Der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Luft bewirkt ein stärkeres Pflanzenwachstum, insbesondere auf der Nordhalbkugel. Satellitenbilder dokumentieren, wie sich die Wälder ausdehnen. Außerdem gibt es deutlichen Anzeichen dafür, dass die Sahara schrumpft. Im Herbst 2002 wertete ein internationales Wissenschaftlerteam Satellitenbilder und Niederschlagsmessungen aus. Sie stellten fest, dass das fruchtbare Land zunimmt und die vegetationslose Fläche auf dem Rückzug ist. Wachsende Wälder und schwindende Wüsten sind nicht gerade ein Szenario, bei dem man mit einem galoppierenden Artentod rechnen muss.

Sicherlich werden bestimmte an die Kälte angepasste Arten Schwierigkeiten bekommen, wenn es in den kalten Zonen immer wärmer werden sollte. Auch das Mammut verschwand als die Eiszeit zuende ging. Doch auf der anderen Seite der Bilanz sind höhere Temperaturen für weitaus mehr Pflanzen und Tiere vorteilhaft. Die warmen Sommer der vergangenen Jahre haben etliche Arten nach Deutschland gelockt, die unsere heimische Natur bereichern. Eine davon ist der Bienenfresser, ein bunt gefiederter Schönling, der von Insekten lebt und es gern warm und trocken hat. Mit seinem gelb-schwarz-grün-blau-braunen Federkleid sieht er wie ein tropischer Vogel aus. Doch eigentlich ist er kein wirklicher Neuzugang in Deutschland, sondern ein Rückkehrer. Auf mittelalterlichen Gemälden sind Bienenfresser häufig zu sehen, ebenso Blauracken, Wiedehopfe und andere Arten, die heute im Mittelmeerraum verbreitet sind. Denn damals -  zur Zeit des mittelalterlichen Kimaoptimums - war es in Mitteleuropa wärmer als heute. Dann kam die sogenannte kleine Eiszeit und die gefiederten Sonnenfreunde wanderten nach Süden. Für das Saaletal in Sachsen-Anhalt ist belegt, dass dort bis ins 17. Jahrhundert Bienenfresser vorkamen. Seit 1990 sind sie wieder da. Inzwischen nisten dort hundert Brutpaare. Auch mediterrane Wanderschmetterlinge wie Taubenschwänzchen und Totenkopfschwärmer kommen immer häufiger über die Alpen geflattert, um in Deutschland Nektar zu saugen.

Mitteleuropäische Vögel dringen unterdessen immer weiter nach Norden vor. So nisten seit Mitte der neunziger Jahre Graureiher in Tromsø.  Früher gehörte Nordnorwegen nicht zu ihrem Verbreitungsgebiet. Von 435 in Europa nistenden Arten haben im Laufe des 20. Jahrhunderts 196 ihre Brutgebiete nach Norden und Nordwesten ausgedehnt. Manche Zugvögel ziehen nicht mehr, da sie mit Hilfe der von Menschen bereit gestellten Futterhäuschen gut über die mitteleuropäischen Winter kommen. Besonders die anpassungsfähigen Kurzsteckenzieher korrigieren ihre Reiserouten. So überwintern viele Mönchsgrasmücken nicht mehr in Südeuropa oder Nordafrika sondern im südlichen England. Höchst erstaunlich ist dabei, wie schnell der neue Flugplan in den genetischen Code der Tiere eingebaut wird. Der Ornithologe Peter Berthold konnte durch Kreuzungsversuche beweisen, dass bereits innerhalb von drei Generationen, das veränderte Zugverhalten im Erbgut gespeichert ist.

Problematischer wäre eine Klimaerwärmung für Langstreckenzieher, wie Schwalben, die teilweise bis Südafrika fliegen. Sie sind weniger flexibel, weil sie ihre Ab- und Anreise nicht allein nach der Witterung in Europa ausrichten können. Es könnte daher passieren, dass die Kurzsteckenzieher und die Standvögel ihnen zu wenig Nahrung übrig lassen. Aber auch dieses Problem findet bisher nur im Reich der Hypothesen statt. Falls die Atmosphäre sich weiter erwärmt (was unter Experten umstrittener ist, als in den Medien) ist es jedenfalls eher unwahrscheinlich, dass dies nur Nachteile für Flora und Fauna bringt. Es kommt dabei immer auf die Perspektive an: Aus Sicht der Bienen ist die Rückkehr der Bienenfresser natürlich ein Übel.

Die Artenvielfalt in Deutschland wird zunehmen (erschienen in NOVO Juli/August 2005)

Professor Josef H. Reichholf leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung Bayerns, lehrt an beiden Münchner Universitäten und ist Mitglied in den Leitungsgremien des WWF. Er zählt zu den führenden Ökologen Deutschlands und veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt „Der Tanz um das goldene Kalb“ (Wagenbach).


NOVO: Herr Reichholf, welche Tiere und Pflanzen werden durch eine mögliche Klimaerwärmung bedroht?

Reichholf:  Global gesehen verschieben Klimaänderungen die großen Gürtel der Vegetation bei Erwärmung polwärts und bei Abkühlung äquatorwärts. Bedroht sind bei diesem seit rund zwei Millionen Jahren laufenden Wechsel von Warm- und Kaltzeiten solche Arten, die mit kleinen Verbreitungsgebieten „geographisch festsitzen“, insbesondere Insel- und Gebirgsarten. Auf Mitteleuropa bezogen, wird es keine echten Gewinner und Verlierer geben, denn wir liegen mitten in einem Überlagerungsgebiet von Arten aus verschiedenen Klimazonen. Eine Erwärmung sollte Arten aus dem Südosten und Süden, aber auch solche aus dem Westen begünstigen. Doch die zurückweichenden nördlichen und nordöstlichen Arten haben im Hintergrund eines der größten zusammenhängenden Areale überhaupt, die Weiten Nordasiens!

NOVO: Wird bei einer Erwärmung die Artenvielfalt in Deutschland voraussichtlich zurückgehen?

Reichholf:  Die biologische Vielfalt in Deutschland wird durch eine Klimaerwärmung zunehmen und sicherlich nicht zurückgehen. Die Befunde zu zahlreichen Tier- und Pflanzengruppen, für die aus dem 19. Jahrhundert umfassende Verbreitungsangaben vorliegen, bestätigen das. So sind Länder wie Bayern klar gegenwärtig deutlich artenreicher als Ende des 19. Jahrhunderts. Häufungen warmer Sommer, wie sie im Rhythmus der Sonnenfleckenaktivität etwa alle zehn Jahre auftreten, lassen für einige Jahre die Artenvielfalt etwa bei Schmetterlingen deutlich ansteigen.

NOVO: Und weltweit? Führt wärmeres Klima zu einem großen Artensterben?

Reicholf:  Weltweit wird wärmeres Klima sicherlich nicht zu einem großen Artensterben führen. Dir wirklich große Gefahr für die Lebensvielfalt ist die fortschreitende Vernichtung der tropischen Regenwälder. An der Erhaltung hinreichend großer Flächen der artenreichen Tropenräume wird es liegen, ob überhaupt und wenn ja, in welchem Umfang global Biodiversität an Land verloren geht. Auch im Meer kann die Erwärmung keine Katastrophe für die Artenvielfalt bedeuten, denn die Erdgeschichte zeigt, dass sich die Warmzeiten durch besonders hohe Diversität ausgezeichnet haben. Artenverluste in beträchtlichem Umfang haben die Kaltzeiten gebracht - und nicht die Warmzeiten.

NOVO: Sie führen seit vielen Jahren Artenzählungen durch. Konnten Sie Veränderungen feststellen, die wahrscheinlich auf das Konto der Klimaerwärmung gehen?

Reichholf:  Meine eigenen Langzeituntersuchungen, insbesondere an der sehr artenreichen Gruppe der nachts fliegenden Schmetterlinge, zeigen für die letzten vierzig Jahre genau das Gegenteil einer Erwärmung: Arten, die warmes, trockenes Klima brauchen, haben zum Teil sehr stark abgenommen oder sind verschwunden. Ursache ist die Überdüngung unseres Landes mit Nährstoffen, vor allem mit Stickstoffverbindungen. Die Bodenvegetation wächst dank dieser überreichen Versorgung viel früher und viel dichter auf als in der Vergangenheit. Das schafft im bodennahen Bereich kälteres und feuchteres Mikroklima. Viele Insekten, aber auch am Boden brütende Vögel kommen mit diesem nasskalten Milieu nicht zurecht. Das verursacht einen Großteil der Artenrückgänge und -verluste und wirkt den günstigen Effekten wärmerer Sommer und milderer Winter massiv entgegen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden normalerweise in „Brusthöhe“ gemessen. Dies vermittelt ein irreführendes Bild. Für Wachstum und Gedeihen der Pflanzen (und der mit ihnen verbundenen Tierwelt) ist das bodennahe Kleinklima entscheidend.

 

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