Dirk Maxeiner / 17.05.2017 / 11:44 / Foto: Roland Fischer / 4 / Seite ausdrucken

Das Klima, die Hexen und die Stradivaris

Der Bezug zwischen modernem Klima-Katastrophen-Glauben und der Praxis der Hexenverbrennung ist weder zynisch noch geschmacklos oder dämlich, wie es heißt. Der Vergleich drängt sich geradezu auf. Aus aktuellem Anlass daher hier ein kleiner Ausflug in die Kulturgeschichte von Mensch und Klima.

Der Klang einer Geige von Stradivari bezaubert weltweit die Konzertbesucher. Timbre und Tragfähigkeit des Tones gelten als unerreicht. Die besten Exemplare sind mehrere Millionen Euro wert. Zahllose Experten haben versucht, dem Geheimnis des italienischen Geigenbauers auf die Spur zu kommen. Inzwischen gilt es als ausgemacht, dass weniger die Kunstfertigkeit des Meisters als vielmehr die Beschaffenheit des Materials für das Klangerlebnis Ausschlag gebend ist.

Und hier kommt ganz überraschend das Klima in Spiel. Antonio Stradivari lebte im 17. Jahrhundert im oberitalienischen Cremona. Es war jene Zeit in der jüngeren Vergangenheit, in der praktisch keine Sonnenflecken beobachtet werden konnten („Maunder-Minimum“). Stradivaris Lebzeiten fielen in den Höhepunkt dieser „kleinen Eiszeit“, in der Europa von außerordentlicher Kälte heimgesucht wurde. Sie hatte ihren Höhepunkt im 16. und 17. Jahrhundert und endete etwa 1850. Das Wachstum der Bäume hatte sich außerordentlich verlangsamt und ihre Jahresringe gerieten äußerst schmal. Die Fichte gewann als kälteresistenter Waldbaum weithin an Boden. Auch Stradivari verarbeitete Fichtenholz, es wuchs nur langsam aber deshalb außerordentlich stark und dicht. Hierin könne ein Teil des Stradivari-Geheimnisses liegen, glauben Henri Grissimo-Mayer und Lloyd Burckle, zwei amerikanische Jahresring-Experten. Ansonsten bedeutete die kleine Eiszeit für die Menschen leider mehr schlechte Nachrichten. Miserable Ernten und Hungernöte forderten zahllose Opfer, große Auswanderungswellen setzten ein. In den Alpen erreichten die Gletscher  ihren letzten Hochstand.

Ganz anders sind die Zeugnisse aus der vorangegangenen mittelalterlichen Warmzeit, die von Edinburgh bis Palermo für eine vielfältige städtische Kultur förderlich war. Die Besiedlung Grönlands, Weinbau in Großbritannien und Feigenbäume nördlich der Alpen sind Zeugen einer blühenden Landwirtschaft und reicher Ernten. Der Agrarüberschuss war eine der Voraussetzungen für massenhafte Stadtgründungen. Die Temperaturen lagen damals genauso hoch wie heute – und teilweise wohl auch noch darüber. Warme Zeiten waren den Menschen stets willkommen, kalte wurden gefürchtet. Im Alltagsverständnis ist Wärme ja heute noch ein Synonym für Wohlbefinden, also etwas Positives, ganz im Gegensatz zur Kälte. Die heute lebenden Menschen sind die ersten ihrer Art, die Angst vor wärmeren Zeiten haben.

Menschliche Kultur und Klimageschehen sind vielfach verwoben. Wer mit offenen Augen durch Kirchen, Altstädte, Museen und Archive streift, wird beinahe überall Belege für raschen Klimawandel auch in der jüngeren Geschichte finden. Im Museum Mauritshuis in Den Haag war eine ganze Ausstellung niederländischen Winterlandschaften aus der kleinen Eiszeit gewidmet. Als die strengen, lang anhaltenden Frostperioden fast jedes Jahr wiederkehrten, entdeckten immer mehr Maler, welch lohnendes Sujet eine Landschaft mit vereisten Seen und Kanälen, Schnee bedeckten Feldern und stahlblauem Himmel sein kann. Zehn Wochen lang konnten die Menschen völlig gefahrlos auf Flüssen und Kanälen spazieren gehen oder Schlittschuhlaufen.

Detektivarbeit anhand von alten Meistern

Im Hamburger Museum Altona  war sogar eine interdisziplinäre Ausstellung über die Malerei jener Zeit zu sehen, bei der Kunsthistoriker und Meteorologen zusammengearbeitet hatten. Die Naturwissenschaftler haben den Bildern dabei sehr detaillierte Informationen zu den klimatischen und meteorologischen Verhältnissen entlockt. Ihr besonderes Interesse galt den Wolkenformationen. Aus einer Haarlem-Ansicht von Jacob van Ruisdael konnten sie einen regelrechten Wetterbericht rekonstruieren. Die Wolkenformation verrät, dass in der Nacht davor eine Kaltfront mit Gewittern und Schauern das Land vom Nordwesten überquert und warme Luft verdrängt haben musste. Doch Vorsicht ist geboten. Die Vorliebe für Kumuluswolken und das fast vollständige Fehlen von Zirruswolken hängen wohl eher mit ästhetischen Erwägungen zusammen. Trotz aller Genauigkeit im Detail bildeten die holländischen Landschaftsmaler die Realität nicht eins zu eins ab. Kunsthistoriker meinen, dass sie sich als Schöpfer „plausibler Fiktionen“ verstanden. Das ist - Zufall oder nicht - auch ein Begriff, der heute in der Prognostik der Klimaforscher verwendet wird.

Sehr genau nahm es dagegen der italienische Künstler Canaletto, der im 18. Jahrhundert zahlreiche Ansichten von Venedig fertigte. Sie lassen Rückschlüsse auf den Meeresspiegel zu, mehr als hundertvierzig Jahre bevor dort die erste Pegelmessstation eingerichtet wurde. Ein  Klimatologe des Nationalen Wissenschaftsrates von Italien errechnete aus der Chronik der Bilder einen durchschnittlichen Anstieg von 2,7 Millimetern pro Jahr, was erstaunlich gut zu den Abschätzungen über den heutigen Meeresspiegelanstieg passt.

Auch über den Zustand der arktischen Eismassen gibt es überraschende Überlieferungen. „In den Regionen um den Polarkreis hat ein bemerkenswerter Klimawechsel stattgefunden», heißt es in einem Schreiben der britischen Akademie der Wissenschaften (The Royal Society). "Mehr als 2000 Quadratmeilen Eisfläche zwischen 74 und 80 Grad nördlicher Breite, die bislang die Grönlandsee bedeckten, sind in den letzten zwei Jahren vollkommen verschwunden." Die Kälte, die das Gebiet für Jahrhunderte in einen undurchdringlichen Eispanzer verwandelt habe, sei offenbar in kürzester Zeit höheren Temperaturen gewichen. Auch in Zentraleuropa registriert der Bericht alarmierende Zeichen für eine rasche Klimaerwärmung: "Alle Flüsse, die im Hochgebirge entspringen, haben aufgrund der abgetauten Schnee- und Gletscherwasser weite Regionen überschwemmt." Das Schreiben könnte von heute stammen, wurde aber am 20. November 1817 verfasst. Der Präsident der Royal Society schickte es der britischen Admiralität mit der Bitte um Entsendung eines Schiffes. Die Wissenschaftler wollten den dramatischen Klimaumschwung im Nordmeer erforschen.

Norwegische Wissenschaftler durchforsteten Archive nach alten Aufzeichnungen und Logbüchern von Grönlandfahrern, Walfängern, Robbenjägern und Handelsfahrern. Das Norwegische Polarinstitut (NPI) erstellte aus den darin gefundenen Angaben eine umfangreiche Datenbank mit 6000 Karten. Ihre erstaunliche Erkenntnis: Das arktische Eis zieht sich seit mindestens 135 Jahren langsam zurück, keineswegs also erst in den vergangenen Jahrzehnten. „Uns hat besonders überrascht, dass die Eisausdehnung vor allem zwischen 1900 und 1930 abgenommen hat, stärker als gegen Ende des 20. Jahrhunderts, sagt der Leiter des Programms. Woran das liegt, weiß bisher niemand genau.

Praktisch für jeden Tag, der seit dem 15. Jahrhundert vergangenen ist, haben Klimahistoriker in aller Welt mehrere von Menschen hinterlassene Zeugnisse zusammengetragen. Und auch die Zeit bis zurück zum Jahr 1000 ist ziemlich lückenlos dokumentiert. Es gibt also nicht nur indirekte naturwissenschaftliche Proxydaten, die Klimaumschwünge der letzten 1000 Jahre belegen, sondern auch zahllose direkte kulturelle Zeugnisse. Es ist faszinierend, was man dabei mit etwas Kombinationsgabe alles herausfinden kann. 

Es mussten Schuldige gesucht werden

Die Auswertung von Daten aus dem 19. Jahrhundert ergab beispielsweise für Bayern eine interessante Korrelation zwischen Niederschlagsmengen, Bierpreis und Kriminalität. Drei norwegische Ökonomen haben dazu im „Journal of Urban Economics“ eine Studie veröffentlicht, die einen beinahe skurillen Zusammenhang aufzeigt. In regenreichen Jahren mit entsprechenden Ernteschäden stieg der Getreidepreis in den betroffenen Regionen stark an. Dies führte zu mehr Kleinkriminalität, weil die Armen Lebensmittel stehlen mussten. Andererseits stieg auch der Bierpreis, was in einer gewissen Enthaltsamkeit mündete, die sich positiv auf die Statistik für Körperverletzung, Mord und Totschlag auswirkte.

Wandelte sich das Klima nachhaltig und Schlechtwetterperioden wurden zur regelmäßigen Plage, mussten bald Schuldige gesucht werden. Der führende Hexenforscher Wolfgang Behringer hat herausgefunden, dass die schlimmsten Hexenverfolgungen Ende des 16. Jahrhunderts mit der kleinen Eiszeit zusammenfallen. Auf der Suche nach einem Sündenbock verfielen die verunsicherten Menschen auf die Idee einer Hexenverschwörung. Insgesamt wurden zwischen 1560 und 1782 etwa 60000 Menschen beiderlei Geschlechts verbrannt, ertränkt oder bei Pogromen getötet. Die intellektuellen Eliten nahmen sich rasch des Themas an. Dämonologen des 16. und 17. Jahrhunderts beschworen das nahe Ende der Welt und einen mit den Truppen des Bösen, den Hexen, auszufechtenden Endkampf herauf. Von diesen apokalyptischen Endzeitvorstellungen wurde rasch die gesamte Gesellschaft erfasst.

Alsbald bildete sich eine Kaste von unzähligen Gerichtspersonen, Gutachtern, Kommissaren und Notaren. Sie erlangten durch ihre Rolle in den Hexenprozessen eine enorme gesellschaftliche Machtstellung, aber auch wirtschaftliche Vorteile. Von Herrschern wurden die Prozesse oft instrumentalisiert, um ihre Macht zu festigen, selbstverständlich unter dem Vorwand der Wahrung des „Gemeinen Nutzens“.  Stimmen gegen den Hexenglauben wurden mit zunehmender Verfolgungstätigkeit immer leiser, kaum jemand traute sich, seine Bedenken öffentlich oder gar schriftlich zu Protokoll zu geben. Es war einfach höchst riskant, sich gegen den Strom des hexengläubigen Zeitgeistes zu stellen.

Foto: Roland Fischer CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (4)
R. Kuth / 18.05.2017

“Stimmen gegen den Hexenglauben wurden mit zunehmender Verfolgungstätigkeit immer leiser, kaum jemand traute sich, seine Bedenken öffentlich oder gar schriftlich zu Protokoll zu geben. Es war einfach höchst riskant, sich gegen den Strom des hexengläubigen Zeitgeistes zu stellen.” Komisch, genau das widerfährt “AGW-Klimawandelleugnern” heute genau so auch wieder. Einfach nur erbärmlich. Nichts aus der Geschichte gelernt!

Thomas U. Kreß / 17.05.2017

Interessant was so über die Jahrhunderte alles aufgezeichnet und vor allem aufbewahrt wurde und wird. Besonders aktuell scheint mir der Bezug zu heute in den letzten beiden Absätzen zu sein. Geschichte wiederholt sich. Heute werden aus Hexen eben Klimaleugner und Greenpeace/WWF/Grüne usw. geben den Großinquisitor zur “Wahrung des Gemeinen Nutzens”. Als würde sich das Klima darum kümmern, was wir Menschen tun. Das hat es damals nicht gemacht und das wird es heute nicht tun. Das Klima ändert sich, ob wir es wollen oder nicht.

Martin Landvoigt / 17.05.2017

Es nimmt Wunder, wenn der Hexenwahn der als Ausdruck finsteren Aberglauben gilt, mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft gleichgesetzt wird. Eine nähere Überprüfung zeigt aber, dass es mit dem gebetsmühlenartig behaupteten Konsens nicht weit her ist.  Selbst innerhalb des IPCC kann man sich nicht auf einen numerischen Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und der Wirkung aufs Klima einigen. Die Angaben im IPCC AR5 geben den extrem weiten Bereich von 1,5 bis 4,5 Grad als gleich wahrscheinlich an. Klartext: Man hat keine belastbare Zahl. Vor allem jüngere Studien gehen von deutlich niedrigeren Werte als 1,5 Grad aus, manche sogar unter 0,5 Grad ... Also ist es doch nur Glaubenssache, welcher wissenschaftlichen Studie man folgt. Die Nachweise bleiben äußerst mager. Die verwendeten Modelle sin allesamt fragwürdig. Und damit bleibt die Angst vor dem drohenden Unheil tatsächlich irrational wie bei der Hexenjagd. Der Unterscheid zu Früher: Es werden keine Menschen mehr getötet oder gar verbrannt (klimaschädlich!)  ... aber dafür ist mehr Geld im Spiel.

Helge-Rainer Decke / 17.05.2017

Sehr geehrter Herr Maxeiner, von meinen beiden Onkeln, von denen der Eine Violinist bei den Philharmonikern und der Andere erster Geiger beim RIAS Symphonie Orchster, dem heutigen DSO, bekleidete, beide sind im hohen Alter gestorben, erfuhr ich, dass bis heute nicht ergründet werden konnte, was das “Geheimnis” Stradivaris war, weshalb nur er derartige Geigen bauen konnte. Zu seiner Zeit haben zig Geigenbauer das gleiche Holz, nämlich Fichte, aus der gleichen Region zum Geigenbau verwendet, aber Keinem ist es gelungen, eine Geige vom Klang einer Stradivari zu bauen. Auch die Celli von Guarneri sind bis heute im Klang unerreichbar geblieben. Sogar die Celli von Stradivari bleiben im Klang dagegen zurück. Jahrzehnte glaubte man, je älter eine Geige ist, desto besser wird ihr Klang. Eine andere Theorie ging von der Zusammensetzung des Lacks aus, der nicht überliefert wurde, weil er so gebräuchlich war, dass auch Möbel damit gestrichen wurden. Nun also muss die “kleine Eiszeit” herhalten. Vielleicht lässt sich das Geheimnis nie lösen. Die Stradivari aber im doppelten Sinn als “Instrument” pro oder contra Klima zu benutzen, halte ich für gewagt. Randlich bemerkt, es gibt große Violinisten, die kommen, bzw. kamen mit einer Stradivari nicht zurecht. Zu ihnen gehörte auch Michel Schwalbé, der geniale Konzertmeister, (vor ein paar Jahren erst verstorben), der Berliner Philharmoniker. Hier gilt auch die Binse, man müsse mit seiner Violine verheiratet sein, um Sie vollends zum Klingen zu bringen.❤️

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