Das Herzblut des Grafen Kessler

Was genau war er nun eigentlich, dieser Harry Graf Kessler? Er zählt zu denjenigen, dessen Name den meisten historisch, künstlerisch und kulturell Interessierten ein „Begriff“ sein dürfte. Zumindest „irgendwie schon mal gehört, irgendwo schon mal gelesen.“ Mangel an Gelegenheit dazu besteht nicht.

Sein Geburtstag hat sich dieser Tage zum 150. Mal gejährt, gestorben ist er 1937. In die knapp siebzigjährige Lebensspanne, welche das Zweite Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, die darauf folgenden Umbrüche und schließlich das beginnende „Dritte Reich“, dem er schnell den Rücken kehrte, umfasst, hat er eine ganze Menge hineingepackt. Segensreich für die Nachwelt dürfte, so egoistisch sind wir hier einmal, die Tatsache sein, dass der von ihm nach juristischem Studium und Weltreise angestrebte diplomatische Dienst ihn – abgesehen von späteren Episoden – verschmähte. Der nicht ganz arme Kessler widmete sich in der Folge vor allem künstlerischen Interessen, in vermittelnder Form, als Sammler und Mäzen. Nach dem Krieg trat die Politik hinzu.

Sein Vater war ein geadelter Bankier, seine Mutter pflegte allerhöchste Kontakte, es gab gar Gerüchte, sei er ein Sohn des nachmaligen Kaisers Wilhelm I. All dies war seinem Wirken nicht gerade hinderlich. Er förderte die Kunstzeitschrift Pan, stritt als Großherzoglicher Museumsdirektor in Weimar für die Moderne und gegen den von ihm als künstlerisch überlebt angesehenen Anton von Werner. Den „Deutschen Künstlerbund“ hat er mit auf den Weg gebracht. Henry van de Velde verdankte ihm nicht nur Aufträge und Geld, den französischen Bildhauer Aristide Maillol unterstütze er maßgeblich. Bibliophile Bücher wurden mittels der Cranach-Presse, einem von Kessler begründeten Weimarer Verlag, in die Welt gebracht.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Gerhart Hauptmann und Johannes R. Becher besteht in der Bekanntschaft mit Kessler. Josephine Bakers Tanz erfreute ihn in seinen Privaträumen, allerdings auch hier rein künstlerisch, sein Interesse an der Damenwelt war ansonsten begrenzt. Edvard Munch verewigte Kessler mehrfach in Öl. Für ein großes, schließlich nicht realisiertes Nietzsche-Denkmal engagierte er sich. Am Libretto des „Rosenkavaliers“ hat Kessler Anteil, hier im literarischen Sinne. Allerdings firmiert Hugo von Hofmannsthal bis heute als Alleinautor.

Er wurde als „roter Graf“ bezeichnet

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es politisch. Der stets für Neues offene Kessler liebäugelte kurzzeitig mit der ebenso kurzzeitigen Unabhängigen Sozialdemokratische Partei. Und – abermals kurzzeitig – war er unmittelbar nach dem Krieg doch noch Diplomat geworden – als Gesandter in Warschau. Seine politische Wahl fiel schließlich auf die linksliberale Deutsche Demokratische Partei. Als „roter Graf“ wurde er bezeichnet, dies war wohl vor allem auf eine Diskrepanz zwischen Herkunft und nunmehriger politischer Position als „Republikaner“ zurückzuführen, das Soziale war seine Sache nicht. Aufgrund seiner immens vielfältigen Kontakte war er als politischer Berater und Sonderbeauftragter gefragt. Einen eigenen Alternativentwurf für die Strukturen des Völkerbundes legte er vor, dieser fand Beachtung, aber kein Gehör. Über den 1922 ermordeten Außenminister Walther Rathenau, den er natürlich auch kannte, schrieb Kessler eine Biographie.

Menschen, Menschen, Menschen – immer wieder Menschen. Kesslers über 57 Jahre kontinuierlich geführtes Tagebuch nennt eine fünfstellige Zahl von Namen, mit denen er auf die eine oder andere Weise verbunden war. Wenige Prominente seiner Zeit fehlen.

Kessler wird uns immer nur „irgendwie“ und „irgendwo“  begegnen – in Zusammenhängen, mit Kultur und Politik. Ein „Werk“ im eigentlichen Sinne (zählt man das inzwischen weitgehend veröffentlichte Tagebuch, welches auch ein hervorragend lesbares Zeitbild bietet, nicht dazu) hat er nicht geschaffen. Dieser Umstand belastete den ambitionierten und seinen Einfluss mitunter auch überschätzenden Kessler. Wir sollten ihm daher auch oder gerade deshalb den Gefallen tun, sein Leben insgesamt als großes Werk zu betrachten. Es ist nahezu unmöglich, ihn aus der um 1900 prosperierenden Kulturwelt wegzudenken, die seinem organisierenden Engagement so viel verdankt. Der oft leichtfertig verschwendete  Begriff Herzblut ist hier durchaus angebracht.

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Leserpost (1)
Jochen Lindt / 28.05.2018

Kessler ist der gesellschaftl. Protokollant der Zeit von Kaiserreich bis Nazis.  Für “uns” am interessantesten sind die Figuren die schon da mitspielen.  Meist in den Tagebüchern. Adenauer wollte schon 1919 eine Rheinische Republik und hatte mit Deutschland nichts am Hut.  1922 war er als Außenminister im Gespräch, galt aber als unzuverlässig.  Aus Kesslers Sicht nur eine Nebenfigur, läßt sich aber gerade dadurch Späteres nachvollziehen.  Kurz gesagt:  Weimar scheiterte weil die Politiker den eigenen Staat und das eigene Volk nicht schätzten. Genau das passiert heute auch wieder.

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