Rainer Bonhorst / 03.05.2017 / 20:00 / Foto: Efras / 4 / Seite ausdrucken

Das Gespenst der Leitkultur

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es heißt Leitkultur. Den einen gruselt es, wenn sie dem Gespenst begegnen. Für die anderen ist es ein nettes Gespenst, ja sogar ein guter Geist. Höchste Zeit, der unstrukturierten Gespensterjagd und Geisterbeschwörung eine streng wissenschaftliche Analyse der Leitkultur-Erscheinung folgen zu lassen.

Die Leitkultur ist derzeit in diesen in zwei nicht ganz identischen Erscheinungen wahrzunehmen: Wir haben die Thomas-de-Mazière-Nordvariante und das Horst-Seehofer-Bavaricum.

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Variante des Bundesinnenministers. Und hier gleich ein Wort zur Methode: Ich stelle jeder Leitkultur-Aussage des Ministers zur Überprüfung ihrer Wertigkeit die entsprechende gegenteilige Aussage gegenüber. Auf diese Weise kann jeder für sich entscheiden, welche der beiden Aussagen der menschlichen Vernunft am nächsten kommt.

Aussage eins: Wir sagen unseren Namen. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.

Gegenaussage eins: Wir verschweigen unseren Namen. Wir verbergen unser Gesicht. Wir sind Burka.

Wie gesagt: entscheiden Sie selbst.

Aussage zwei: Bildung ist nicht nur Instrument für beruflichen Erfolg. Allgemeinbildung als Wert an sich prägt unser Bewusstsein.

Gegenaussage zwei: Bildung brauchen wir nur für den Beruf. Allgemeinbildung ist eine Sekundärtugend.

Entscheiden Sie selbst.

Aussage drei: Aus unserer Geschichte leitet sich ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels ab.

Gegenaussage drei: Ob Israel existiert oder nicht, kann uns egal sein.

Entscheiden Sie selbst.

Aussage vier: In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.

Gegenaussage vier: In unserem Land hat Religion die Aufgabe, die Gesellschaft zu spalten.

Entscheiden Sie selbst.

Aussage fünf: Wir sind Teil des Westens, kulturell, geistig und politisch.

Gegenaussage fünf: Wir sind Teil des Nahen Ostens, kulturell, geistig und politisch.

Entscheiden Sie selbst.

Soweit die aus bisher ungeklärten Gründen umstrittenen Aussagen des Bundesinnenministers.

Die bayerische Alternative ist in Wahrheit keine. Sie ähnelt der de Maizière-Variante in vielen Punkten, geht aber einige Schritte weiter. Hier, um Wiederholungen zu vermeiden, eine stark verkürzte Auswahl.

Aussage B eins: Bereits im fünften Lebensjahr sollen Deutschkenntnisse von Kindern überprüft werden.

Gegenaussage B zwei: Deutschkenntnisse von Kindern sollen im fünften Lebensjahr noch nicht überprüft werden.

Hier gebe ich mal selbst einen Kommentar: Wie wär's mit einer Deutsch-Überprüfung im zweiten Lebensjahr?

Aussage B zwei: Für Zuwanderer kann ein Schwimmbadbesuch davon abhängig gemacht werden, dass sie über Verhaltensregeln im Bad aufgeklärt werden.

Gegenaussage B zwei: Zuwanderer können sich im Schwimmbad verhalten wie sie wollen.

Mein Kommentar: Muss man den Zuwanderer-Ausweis in der Badehose mit sich führen und auf Anforderung herausholen?

Soweit die beiden herausragenden Beispiele des Seehofer-Bavaricums.

Fazit dieser wissenschaftlichen Geisterbetrachtung:

In der Leitkultur-Geister-Debatte ist ein deutliches Süd-Nord-Gefälle festzustellen. Die Maizière-Variante bewegt sich bei klarer Weltsicht auf einer Ebene der Vernunft. Die Seehofer-Alternative weist einige Anforderungsgipfel auf, die bei normaler körperlicher und geistiger Verfassung nur mühsam zu erklimmen sind.

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Leserpost (4)
Michael Lorenz / 04.05.2017

”... dass auch die CDU noch konservativ sein kann.” Richtig. Kann. Nicht muss. Und schon gar nicht nach den BT-Wahlen. Ich hoffe, trotz der vielen neu wahlberechtigten und vom staatlichen “Bildungs"system vorgeprägten Kevins und Schantallen begreift die Mehrheit der Wähler, was für ein nur mäßig getarntes Schmierentheater ihnen hier aufgeführt werden soll.

Bärbel Schneider / 04.05.2017

Das eine ist, Leitkultur zu beschreiben, das andere, sie im Alltag durchzusetzen und Menschen, die nicht dazu passen, aus unserem Land zu entfernen. Letzteres geschieht so gut wie gar nicht, schon gar nicht durch Thomas de Maizière und die anderen CDU-Regierungsmitglieder. Insofern sind seine Sprüche reines Wahlkampfgetöse, die nach der Wahl im Nichts verhallen werden.

Hubert Bauer / 03.05.2017

Thomas-de-Mazière ist vom Stil her zu kritisieren, weil es ein sehr durchsichtiges Wahlkampfmanöver ist. Man will den zur AfD abgewanderten Wählern signalisieren, dass auch die CDU noch konservativ sein kann. Aber in der Sache hat Thomas-de-Mazière vollumfänglich Recht. Den Linksgrün*Innen, die meinen statt einer Deutschen Leitkultur sollte es eine Europäische Leitkultur geben, ist entgegenzuhalten, dass die Thesen von Thomas-de-Mazière Eins zu Eins auf ganz Europa übertragen werden können. Die fünf o. g. Aussagen würde jeder Europäer (hier geboren oder integriert) von Island bis Griechenland und von Portugal bis Russland unterschreiben. Nur Menschen aus dem islamischen Bereich (dort wohnhaft oder in Europa nicht integriert) haben ein Problem mit allen (!) fünf Thesen. Ich würde methodisch anders vorgehen, aber im Ergebnis hat Thomas-de-Mazière die Unterschiede zwischen Europa und Deutschland zur islamischen und afrikanischen Welt klar herausgearbeitet. Das GG gibt zwar auch Hinweise zur Deutschen Leitkultur, greift aber nicht ganz. Die Grundrechte z. B. sind nur Abwehrrechte des Bürgers gegenüber dem Staat, aber keine Abwehrrechte eines Bürgers gegen andere Bürger. Das moslemische Familienoberhaupt kann gegenüber dem Staat selbst dann seine Religionsfreiheit einfordern, wenn er sie seinen Familienmitgliedern verweigert. Der radikale Moslem mit deutscher Staatsbürgerschaft darf seine demokratischen und rechtstaatlichen Rechte (v. a. Wahlrecht) selbst dann uneingeschränkt ausüben, wenn er Demokratie und Rechtstaat zugunsten eines totalitären islamistischen Gottesstaates abschaffen will. Eine Leitkultur ist deshalb nicht deckungsgleich mit der Verfassung.

Wilfried Cremer / 03.05.2017

Was der Innenminister und andere da jetzt hervorkramen, ist nicht Leitkultur, sondern zivilisiertes Verhalten. Leitkultur sollte bedeuten, Leid zu minimieren, bei allem, was Nerven hat.

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