Das Elektroauto überzeugt weitgehend, aber nicht weitreichend

Von Jesko Matthes.

Auto beginnt mit „aaaah“, endet mit „ooooh“, und dazwischen sind „u“ und „t“ - unheimlich teuer.“

So witzelte mein Vater schon vor gefühlten Äonen. Dabei war er bekennender Auto-Erotiker, hatte in seinem Leben auch schon Auto-Legenden wie einen Adler „Trumpf Junior“, auch einen Opel „Olympia“ gefahren und im Suff zwischen Ribbeck und Rathenow dessen nur eingehängte Heckklappe verloren, hatte im Wanderer, später im Leukoplastbomber, DKW und Käfer gesessen. Nüchtern natürlich.

Manchmal ist es sogar besser, wenn das Auto kaputt ist. Nein, ich rede jetzt nicht von moderner Entschleunigung, ausfallenden Terminen und erzwungener Kontemplation, auch nicht von - fast, auch ich atme regelmäßig aus - CO2-neutraler Fortbewegung per pedes oder Veloziped. Auch nicht von Ölkrise und autofreiem Sonntag. Es wird die Rede sein vom Elektromobil. Ich bin es neulich gefahren.

Der Burner

Meine Linkspartei-wählende Frau – der Ex-Linken-Vorsitzende Klaus Ernst fährt bekanntlich auch Porsche - steuert ein völlig überzüchtetes Sportcabrio mit unnatürlich breiten Schlappen, dessen winzige Ausmaße bereits in seinem Namen stecken. Sie sind quasi Programm, aufregend und verheißungsvoll, ein wenig unkorrekt, wie der gleichnamige Rock. Der hoch komprimierte Benziner liefert sinnlose und wirklich unanständige 211 PS. Er tut das auch akustisch in lächerlichem Widerspruch zu seiner Größe kund (Sie merken, ich konnte meiner Gemahlin einen sehr günstigen Gebrauchtkauf nicht ausreden). Da das Mädchen-Auto seine Energie aus hoch komprimierten und turbogeladenen ca. 1500 ccm erzeugt, sollte man den gelegentlichen Ölfilm am Rande des Motors lieber durch Austausch der Ventildeckeldichtung beantworten. Das war vor vier Wochen. Danach war prompt der Marder zu Besuch – wie hat der Nachtaktive es in die Garage geschafft? - und hat sich ein wenig am Kühlerschlauch gütlich getan; auf die Dauer für den Motor eine ebenso tödliche Gefahr wie der Ölverlust kurz zuvor. So ist das nun einmal mit Verbrennungsmotoren.

Entsprechend steuerte ich, auf dessen Namen das sonst ganz überwiegend eheweiblich genutzte Fahrzeug zugelassen ist, am vorletzten Wochenende (so etwas bemerkt man immer am Freitag Nachmittag) die entsprechende Vertragswerkstatt an. Dort steckte man den Finger in die Wasserlache auf dem Blech neben dem Schlauch, leckte sie allen Ernstes ab und befand: Süß. Kühlwasser. Denn Bremsflüssigkeit wäre dank Marder auch in Frage gekommen.

Der Schlauch für das Kühlmittel war nicht am Lager, und so bekam ich für das Wochenende einen Leihwagen.

Plötzlich elektrisiert

Es handelte sich um einen BMW i3. Nun ist zu diesem Modell schon reichlich Kritik erschienen, darum fasse ich mich kurz.

Design: gewöhnungsbedürftig. Man denkt spontan an französische oder fernöstliche Modelle. Eleganz ist etwas anderes. Innenraum: ein Wunder aus Platz und Glas. Nur eine schmale C-Säule versperrt einen kleinen Streifen Sicht, und dahinter geht es gleich gläsern weiter. Kofferraum: kein Raumwunder. Technik: Autoschlüssel gibt es nur noch für den äußersten Notfall, du näherst dich dem Fahrzeug, und die Türen gehen auf. Kardanwelle, Getriebe, Schaltung, Kupplung: gibt es nicht, daher auch noch mehr Platz, ohne Mittelkonsole. Die Bedienung der Automatik ist eine Art „Tiptronic“ rechts hinter dem Lenkrad. Anzeigen: alles digital; der Breitbildschirm in der Mitte beherrscht alles außer Fliegen, vom Radio über das Navi bis hin zu technischen Details. Beispielsweise zeigt er an, wo das Auto je geladen wurde – und meldet es an BMW, ein Fall für den Datenschutzbeauftragten. Auch ich konnte sehen, dass mein geliehener Untersatz zuletzt in Bardowick geladen worden war.

Ach ja, das Fahren. Das Fahren...: An der Kreuzung, bei gerade grüner Ampel, geht das ab wie Schmidts Katze, liefert das Elektropedal (Gaspedal ist es ja nicht) einen brutalen Antritt mit vollem Drehmoment. Der verdutzte 911er-Fahrer, eben noch neben mir, überholt mich erst nach seinerseits röhrenden 15 Metern, während ich mich mit meiner Frau auch bei Tempo 140 auf der Autobahn noch in angenehmer Zimmerlautstärke unterhalten kann (da ist der 911er schon lange wütend davon gezogen). Das Ganze läuft (bei mir) völlig schalt- und ruckelfrei. Nimmst du den Fuß vom Elektropedal, dann bremst der Motor für dich. Politisch halte ich praktisch nie die Füße still, hier tue ich es gern. Noch nie bin ich so entspannt gefahren.

Tod eines Handlungsreisenden

Bis der Blick auf die Akku-Anzeige fällt, einen breiten Ladebalken vor dem Steuerrad: Sie haben noch 30 km. Nix wie ab nach Hause, das hier ist eine Spritztour mit Besuch bei der Schwiegermutter, und das bleibt deutlich unter 200 km. Mehr wäre auch nicht drin. Im Akku.

Glücklicherweise ist es schon spät, und der Kühlschrank voll. Aus dem vorderen Kofferraum entnehme ich das Ladekabel und verbinde das Auto mit der heimischen Steckdose in der Garage. Dann nichts wie ab ins Bett. Am nächsten Morgen stehen wieder stolze 200 km Reichweite zu Buche. Und das Fahren ist herrlich.

Ich bin Hausarzt in ländlicher Region; meine längste je gefahrene Hausbesuchsrunde stand mit 145 km zu Buche. Abends wäre dann noch eine Fahrt zum Baumarkt und zurück locker drin gewesen, wenn der noch geöffnet gewesen wäre. Aber schon für meine früher regelmäßigen Fahrten nach Berlin (288 km von Tür zu Tür, als Mutter, die Preußin, noch lebte) müsste ich über vier Stunden mit einer Stunde Pause an einer Elektrotankstelle einplanen. Nun sollen bald 400 km und etwas mehr in den Akku passen. Auch schön. Aber, was machen dann die Pharmareferentin, die mich besuchen kommt, oder der höhere Manager, den ich von Zeit zu Zeit behandle, die für ein Gebiet von Bremen bis Schwerin und von Flensburg bis Hannover zuständig sind? Tod eines Handlungsreisenden.

Hybride Politik

Ich belese mich weiter. Irgendwer hat ausgerechnet, dass man 60 Kraftwerke mit je der Nennleistung eines AKW bauen müsste, um die Grundlast aller deutschen Fahrzeuge abzusichern, wären sie Elektromobile, die Kosten für die Stromtrassen und Elektrotankstellen nicht eingerechnet. Irgendwo muss der Treibstoff ja her kommen und irgendwie zum Verbraucher gelangen, auch wenn es nur lustige, winzig kleine Elektronen sind. Dort, wo die Sonne endlos scheint oder das Wasser in Strömen fließt, dort, wo der Wind immer bläst – wunderbar ökologisch. Leider lebe ich in Deutschland. Da soll mir eine Menge verkauft werden, das die Welt rettet. Also: Atomkraft, nein danke – bei uns zuhause kommt der Strom aus der Steckdose. Nun auch der für ein paar dutzend Millionen Fahrzeuge. Das nennt man dann „Energiewende“. Ja, nee – ist klar.

Fazit: Elektromobilität ist toll. Das Auto, das ich kurz fahren durfte, überzeugt sehr weitgehend, nur nicht sehr weitreichend. Als Dienstwagen wäre es für mich mit meinen kurzen Strecken okay und sehr entspannend. Vielleicht kaufe ich es mir tatsächlich als nächstes Dienstfahrzeug anstelle meines treuen Diesel. Gebraucht natürlich, der Anschaffungspreis für die neue und gar die neuwertige Elektromobilität ist eher horrende. Und hierzulande ist Elektromobilität noch lange nicht „grün“.

Leider sind so gleich beide, Elektro und Diesel - der eine über-, der andere unterschätzt - auf mittlere Sicht, also eher Jahrzehnte, zu einem Nischendasein verurteilt. Und das hat teils technische, vor allem aber politische Gründe. Blöderweise haben letztere mit einem am wenigsten zu tun: Vernunft.

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Leserpost (3)
Klaus Brand / 10.10.2017

“Wenn man nun den gesamten Treibstoffverbrauch Österreichs in KwH umrechnet - 10.000.000.000 Liter Diesel u. Benzin, benötigt man rund 90.000.000.000 KwH (90 GwH) zusätzlich. “ 90.000.000.000 kWh sind: 90.000.000 MWh, sind 90.000 GWh. Nich 90 Gwh. Das “W” für “Watt” wird übrigens in jeder dieser Abkürzungen groß, das “h” für Stunde klein geschrieben. Das oben zitierte “(90 GwH)” ist also gleich dreifach falsch und liegt nur um den Faktor 1000 daneben. Ich weiss, daß Sie das nicht veröffentlichen werden, ich weiss nicht, warum nicht. Aber vielleicht lernen Sie ja trotzdem hinzu.

O. Bössmann / 10.10.2017

Was ich nicht verstehe ist folgendes: Würden sich 2-3 große Hersteller zusammenschließen und einen Batteriestandard entwerfen, der einen Wechselakku unter dem Auto vorsieht, könnte man einfach an Tankstellen auf automatisierte Wechselterminals fahren, die innerhalb von 1 Minute den Akku gegen einen Vollen tauschen. Man schließt dann einfach Serviceverträge ab und muss sich nicht einmal Sorge um einen Akkudefekt machen, da dieser gemittelt im Tarif einberechnet ist und nicht überraschend gewaltig zu Buche schlägt. Da man ansonsten ja zu Hause laden kann wäre dieser Akkutausch nur bei Langstrecken nötig. So ließe dich das Reichweitenproblem elegant lösen, das Energieproblem vermutlich nicht. Wobei bei ausreichender Menge an Wechselakkus diese netzlastoptimiert geladen werden könnten, zumindest theoretisch. Für den Übergang zum Kondensatorauto (träum) eine pragmatische Lösung, die sich mit jetziger Technologie problemlos umsetzen ließe…

Winter Rudolf / 09.10.2017

Elektromobilität wäre eine feine Sache, wenn es da nicht ein Probleme gäbe: die geringe Energiedichte der heutigen Batterietechnologie, die im Endeffekt geringe Reichweite verspricht, besonders im Winter, wenn die Heizung im Auto an ist. Wenn man die Energiedichte von einem Liter Diesel - 9,8 KwH - mit der Batteriekapazität verfügbarer E-Autos ( auch Tesla ) vergleicht, kommen einem die Tränen. Ausgehend von dieser Problematik, habe ich meinen Taschenrechner angeworfen. Österreich erzeugt ca. 65000 GwH (Gigawattstunden) Strom pro Jahr, erfreulicherweise mehr als 2/3 aus Wasserkraft. Wenn man nun den gesamten Treibstoffverbrauch Österreichs in KwH umrechnet - 10.000.000.000 Liter Diesel u. Benzin, benötigt man rund 90.000.000.000 KwH (90 GwH) zusätzlich. Aus erneuerbaren Rohstoffen ist das schlicht und einfach vorläufig nicht zu schaffen. Die Umstellung auf E-Mobilität und Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie ist zweifellos anzustreben, doch bitte mit einem vernünftigen Zeitplan unter Einbeziehung neuer, zur zeit noch zu entwickelnden Technologien. Weiters ist zu berücksichtigen, dass eine Ladesäulenstrucktur in allen Städten geschaffen werden muss, um die E-Autos aufladen zu können. Zur Zeit sind wir E-Mobiliätsmäsig in einer Situation wie vor 100 Jahren, als man das Benzin für die wenigen Autos, die es damals gab, in der Apotheke kaufte. Für mich persönlich wäre das kein Problem, ich habe genug Platz auf meinem Grundstück, für eine Fahrt nach Wien jedoch würde ich den ÖAMTC Abschleppdienst benötigen, um wieder heimzukommen (380 km). Also Kirche im Dorf lassen, Zeitfenster für diese Umstellungen nach hinten verschiebe, den Markt arbeiten lassen und das bessere Produkt, so es einmal E-Mobilität lautet, kaufen. Politischer Zwang ist völlig unangebracht, hat noch nie funktioniert und wird vom Konsumenten, der ja schließlich alles bezahlen muss, konsequent und mit aller Deutlichkeit abgelehnt.

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