Marisa Kurz / 09.11.2017 / 13:22 / Foto: achgut.com / 28 / Seite ausdrucken

Das dritte Geschlecht – Aufstand der Spießer

Das Bundesverfassungsgericht hat beschlossen, dass es in Zukunft die Möglichkeit geben muss, im Geburtenregister ein drittes Geschlecht wie „inter“ oder „divers“ einzutragen. Die fehlende Wahlmöglichkeit eines dritten Geschlechts hält das Gericht für verfassungswidrig. Immerhin schützt das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Darüber hinaus verstößt das bisher geltende Personenstandsrecht auch gegen das Diskriminierungsverbot.

Etwa 80.000 Personen in Deutschland sind biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. In den Fällen, in denen die Bezeichnung „männlich“ oder „weiblich“ nicht passte, konnte bisher nur auf die Angabe eines Geschlechts verzichtet werden. Schön ist diese „negative“ Option für Betroffene verständlicherweise nicht. So bedeutet sie doch: „Ich bin nichts.“

Anstatt die biologisch korrekte Vervollständigung geltenden Rechts zur Kenntnis zu nehmen, befürchten Kritiker der Entscheidung eine Ausweitung des Gender-Wahns. Dabei hat das Urteil nichts mit umständlich gegenderter Sprache oder Toilettenplanung zu tun. Sondern damit, dass Menschen, die weder Frau, noch Mann sind, in ihrem Ausweis stehen haben dürfen, was sie sind: intersexuell. Gender-Studies beschäftigen sich mit der Annahme, dass Geschlecht ein rein soziales Konstrukt ist. Eigentlich müssten Gender-Theoretiker dafür sein, dass gar keine Geschlechter erfasst werden. Intersexualität hingegen IST eine biologische Tatsache.

Erzkonservative Spießer kühlen ihr Mütchen

Und wenn sich in Zukunft auch Transsexuelle als intersexuell eintragen lassen können, dann kann ich nur sagen: so what. Sollte wirklich irgendwann eine Diskussion darüber entstehen, ob sich Menschen, die sich mit dem Geschlecht „73,84 Prozent weiblich“ oder „89,15 Prozent  männlich“ identifizieren, das so in ihren Ausweis eintragen lassen können, können wir immer noch darüber streiten.

Oder wenn das Bundesverfassungsgericht entscheiden sollte, dass Menschen, die sich für eine Katze halten, einen Katzen- und nicht einen Personalausweis bekommen. Doch im Moment schreibt das Bundesverfassungsgericht ganz klar:

Ein Anspruch auf personenstandsrechtlicher Eintragung beliebiger Identitätsmerkmale, die einen Bezug zum Geschlecht haben, ergibt sich aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht hingegen nicht.“

Ich bin überzeugt, dass es vielen Kritikern des Urteils in Wirklichkeit gar nicht um einen möglichen „Missbrauch“ geht. Sondern darum, dass sie ganz einfach erzkonservative Spießer sind. Zuerst haben sie über die Homo-Ehe geweint, dann über die „Behauptung“, dass Frauen oft sexuell belästigt werden und jetzt ist es eben die Intersexualität. Diese Leute sind vom Gender-Wahn so besessen, wie die Gender-Theoretiker selbst. Das Bashing gegen bestimmte vermeintlich „politisch korrekte“ Themen steht dem Wahn der politischen Korrektheit an Irrsinn oftmals in nichts nach.

Foto: achgut.com
Leserpost (28)
Hansheinrich Wendel / 10.11.2017

Endlich wird es mir klar: ich bin nicht nur ein Spießer, sondern sogar ein erzkonsarvativer Spießer.

Alexander Rostert / 10.11.2017

Hadmut Danisch schrieb dazu, eine neue Automarke entstehe nicht schon dann, wenn man seinen Wagen mit Tempo 180 gegen einen Baum fährt und die Trümmer an kein bekanntes Automodell erinnern. Übrigens weiß ich nicht mal, was alles im “Personenstandsregister” über mich geschrieben steht, und ich habe auch nie bemerkt, dass es - abgesehen von der Einberufung zum Wehrdienst - jemals irgendeinen Einfluss auf mein Leben gehabt hätte, insofern ist es mir auch geradewegs egal. Scheingefechte gegen Scheinriesen, um von den wahren Problemen abzulenken.

Frank Pressler / 10.11.2017

Wirklich nur biologisch korrekte Vervollständigung geltenden Rechts? Wirklich keine Ausweitung des Gender-Wahns? Zitat aus dem Urteil: „Aus medizinischer Sicht wird an einer allein binären Geschlechtskonzeption nicht festgehalten … In den medizinischen und psycho-sozialen Wissenschaften besteht zudem weitgehend Einigkeit darüber, dass sich das Geschlecht nicht allein nach genetisch-anatomisch-chromosomalen Merkmalen bestimmen oder gar herstellen lässt, sondern von sozialen und psychischen Faktoren mitbestimmt wird.“

Stephan Lüno / 09.11.2017

Kann u. muss ja nicht Jede oder Jeder usw. so ein unheimlich hipper Weltenbürger sein und Sich am Wochenende in Darkrooms oder auf einer Hochzeit von zwei gleichen Geschlechtern tummeln. Da Sie verehrte Autorin allerdings so tun als ob die Menschen mit einem nicht so kunterbuntem Weltbild irgendwie nicht ganz richtig, ja eventuell sogar gefährlich sind, sind Sie der Vielfalt welche Sie so dringend verlangen, selbst nicht fähig und damit wirklich ganz besonders uncool.

Michael Lorenz / 09.11.2017

Zitat: “Dabei hat das Urteil nichts mit umständlich gegenderter Sprache oder Toilettenplanung zu tun.” Ach, nein? Haben Sie, Frau Kurz, heute mal bei Spiegel online vorbeigeschaut? Aktuelle Artikelüberschrift zum Urteil: “Urteil über drittes Geschlecht - Bei Toiletten gibt es nur zwei Türen, das darf nicht so bleiben!” Genderisten kämen ohne Schützenhilfe wie die Ihre, Frau Kurz, lange nicht so schnell so weit. Und ob es tröstet, dass - während das Land mit atemberaubender Geschwindigkeit den Bach runtergeht - wenigstens auf der Toilettenebene der ‘Fortschritt’ brummt, sei dahingestellt.

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