Archi W. Bechlenberg / 10.09.2017 / 08:16 / 4 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Was bleibt, ist die Musik

Radio an. „...ist es wahrscheinlicher, im Lotto abzuräumen, als bei einem Terroran...“ Radio aus. Warum nur falle ich immer wieder darauf rein. Warum bekomme ich diese Jahrzehnte alte Gewohnheit, am Frühstückstisch den Rundfunkempfänger einzuschalten, nicht aus den Fingern? Dabei habe ich sogar die Antenne eines früheren Gerätes auf dem Gewissen, da ein schlichtes Drücken auf den Aus-Knopf meiner Verachtung über das Programm nicht angemessen genug erschien? Warum also tue ich mir das doch noch an? Vielleicht ist es ja nur der gleiche Impuls, der mich ab und an noch immer auf einen Lichtschalter im Treppenhaus drücken lässt, der seit mehr als 15 Jahren gar nicht mehr angeschlossen ist. So wie ja auch die staatlichen Sender nicht mehr an die Faktenlage.

Retten wir uns in die Musik. Vor ein paar Tagen ist Walter Becker gestorben. „Walter Becker“, wird vielleicht mancher sagen, „war der nicht Kapellmeister beim Mandolinen-Orchester Sankt Kützelmütz?“ Nein, nicht ganz. Auch wenn „Walter Becker“ geradezu klassisch nach dem Namen eines Menschen klingt, der schon länger hier lebte – der Mann stammte aus New York City, genauer aus Queens, einem Stadtteil, der der Welt weitere bedeutende Persönlichkeiten schenkte, unter ihnen Ringo Starrs Gattin, die Schauspielerin Barbara Bach (ein Name, der auch irgendwie nach Sankt Kützelmütz klingt), einen weiteren Mimen namens Ron Jeremy (Spitznamen "The Hedgehog"), dessen Name vor allem den Älteren unter Ihnen etwas sagen könnte, falls nicht, googlen Sie einfach. Auch Luke Halpin, 1947 in Queens geboren, zog es vor die Kamera, allerdings nicht in Queens, sondern im wärmeren Florida, wo er mit seinem Partner F. Lipper über und unter Wasser für einige Jahre erfolgreiche TV- und Kinofilme drehte.

Nicht nur Mimen kamen aus Queens. Der Fotograf Robert Mapplethorpe stammt von dort,  so wie Saxophonist Gerry Mulligan, Regisseur Martin Scorsese, Moderator Howard Stern und der Filmkomponist John Williams (Der Weiße Hai; Star Wars, Harry Potter, E.T.) und auch ein  Mischkonzernbesitzer (Populismus, Protektionismus und Isolationismus ACME) namens Donald Trump. Doch ich schweife ab.

Walter Becker (*1950) war die eine feste Hälfte der seit 1972 aktiven Band Steely Dan, (benannt nach einem zwar stählernen, dennoch schlüpfrigen Accessoire in William Burroughs literarischem Werk  Naked Lunch); die andere verkörperte Donald Fagen (*1948). Rund um diese Beiden wirkten unter dem Label Steely Dan zahlreiche Musiker aus der ersten Riege der amerikanischen Rock- und Popmusik. Becker und Fagen verband eine starke Affinität zum Jazz, dessen Einflüsse sie mit  Elementen aus Rock, Funk und Blues verbanden und eine überaus erfolgreiche musikalische Melange schufen, die bis heute mehr als 30 Millionen Tonträger verkauften. Ein weltweit bekanntes Beispiel für den Jazzeinfluss ist das Stück „Ricki don't loose that number“, das bereits im Intro ein Riff des Jazz-Pianisten Horace Silver aus dessen Komposition „Song for my father“ zitiert und eindrucksvoll zeigt, wie nahtlos sich unterschiedliche populäre Musikstile verschmelzen lassen.

Unter den 100 Besten

Trotz nur sieben Steely Dan Alben zwischen 1972 und 1980 (danach trennten sich Becker und Fagen für einige Jahre) sowie zwei weiteren in 2000 und 2003 erwarben sich die beiden Multi-Instrumentalisten und Komponisten höchste Anerkennung. Der Rolling Stone zählt Walter Becker und Donald Fagen zu den 100 besten Songwritern aller Zeiten, und neben ihrer Arbeit an Steely Dan produzierten sie andere Musiker und Gruppen und veröffentlichten Solo-Alben. Bis kurz vor Walter Beckers Tod am 3. September tourten sie als Steely Dan, am 29. April war der letzte Auftritt in Las Vegas. Zurück bleibt eine Menge feiner Musik, darunter einiges für die Ewigkeit, als Steely Dan , als Donald Fagen (The Nightfly, Kamakiriad; Morph the Cat; Sunken Condos) und als Walter Becker („11 Tracks Of Whack“ „Circus Money“).

Nicht nur Walter Becker trat in dieser Woche von der Bühne ab. Kurz vor oder am 5. September starb mit immerhin 79 Jahren Holger Czukay, vor allem bekannt als Bassist der Deutschrockgruppe CAN. Die war 1968 gegründet worden und machte rasch Furore, und Besuche ihrer Konzerte gehörten zum Pflichtprogramm jedes Musikfreaks vor allem in den 1970er Jahren. Mehr als einmal saß auch ich vor einer Bühne, auf der Bassist Holger Czukay mit Irmin Schmidt, Michael Karoli und Jaki Liebezeit sowie den Sängen Malcolm Mooney und, als dessen Nachfolger, der Irrwisch Damo Suzuki, recht wild und zeitgemäß groovten. Einen schönen Eindruck davon vermittelt ein bei Youtube zu findendes Video, das einen kompletten Auftritt von CAN dokumentiert, zwar nicht in Sankt Kützelmütz, aber fast. Aus Soest.

1977 verließ Holger Czukay CAN im Unfrieden und machte fortan Musik nach eigenem Gusto. Es entstanden wunderbare Alben unter seinem Namen wie – bis heute von mir als 30 cm LP in höchsten Ehren gehaltene - „Movies“ (1979), eine Platte, auf der er unter anderem ebenso witzig wie musikalisch überzeugend zufällig eingefangene Kurzwellenradio-Fragmente sampelte  . Er ging mit Jah Wooble und David Sylvian (s. mein AD vom vorigen Sonntag)  ins Aufnahmestudio und mit Peter Gabriel, Brian Eno und Annie Lennox und er arbeitete für und mit dem Kölner Produzenten Conny Plank. Seine musikalische Kreativität war bei Kollegen wie Publikum weltweit geschätzt, und wenn in klassischen Rock-Pop Ländern wie England und den USA vom legendären „Krautrock“ gesprochen wird, ist der Name „Holger Czukay“ nicht weit. Fast alles drehte sich bei ihm um Musik und die darin steckenden, kreativen Schätze und Möglichkeiten. Und wenn Holger einmal nicht musizierte, unterhielt er sich telepathisch mit Pflanzen.

Links:

Steely Dan – Josie

Steely Dan - Rikki Don't Lose That Number

Horace Silver: Song for my father

Hochinteressante Doku über Steely Dans Kompositions-Technik

Sampler: Steely Dan - A Decade of Steely Dan

Produziert von Becker/Fagen: Rosie Vela (wunderschön!)

Holger Czukay - Cool In The Pool

Dokumentation über CAN und Krautrock, mit Holger Czukay

Nachruf von Jens Balzer auf Rolling Stone.de

Irgendwie verlassen.

Leserpost (4)
Gabriele Schulze / 10.09.2017

Danke! Nicht alle Links klappen, aber “Josie” ist schon mal ein sehr sehr cooler groove!!

Hjalmar Kreutzer / 10.09.2017

Rundfunk aus, Internetradio an. Zum wirklichen Musikhören entspr. Spartensender auswählen, spielt nur Jazz o.ä. Meine tgl. “Geräuschkulisse” ist “das Landradio” aus München. Bißchen Werbung, bißchen Werbung für Radiowerbung, Sonntags ein bißchen alte Witze von Wilhelm Bendow bis v.d. Lippe, ansonsten nur “Ohrwürmer” von Vivaldi bis “Mein Papagei frisst keine harten Eier”. Nachrichten, Wetter gibt es auch kostenfrei im Netz. Wozu brauchen die ö.r. im Ernst acht Mrd. per anno? Es ist eine Affenschande!

Winfried Sautter / 10.09.2017

Ich lese Ihre galligen Kolumnen sehr gerne, sie füllen bei mir manche Bildungslücke. Jahrgang 1962 und in der Provinz aufgewachsen, habe ich einiges aus den 1960/70ern nicht mitbekommen. Mein bewusstes Musik- (LP-) Leben in der Populärkultur begann erst mit Queen, “A night at the Opera”, Manfred Mann, “Watch”, und Stranglers, “Black & White”. Jetzt kann ich ex post wenigstens etwas nachholen.  Schreiben Sie mal was über Iron Butterfly.

Thomas Stevens / 10.09.2017

Sehr geehrter Herr Bechlenberg, ihre Texte sind inzwischen Sonntags das erste, was ich im Internet lese. Und Donald Fagens Nightfly war oft das erste, was ich Sonntags gehoert habe. Steely Dan habe ich gluecklicherweise mehrfach live gesehen. Sie waren einfach perfekt. Von Holger Czukay ist mir noch ein Kurzfilm in Erinnerung, der auf dem Kölner Anti-Filmfestival gezeigt wurde. Er hat in dem Film dem Papst die Brieftasche aus dem Gewand gestohlen.

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