Archi W. Bechlenberg / 17.09.2017 / 06:15 / Foto: JFK Library / 2 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: „Kot am Kilimandscharo“

Die Geschichte der Literatur und der Literaturschaffenden ist noch immer eine Geschichte der Missverständnisse. Der Romancier und Lyriker, so die erschreckend verbreitete Meinung in weiten Teilen der Bevölkerung, steht irgendwann am späten Vormittag auf, hat bis dahin bereits einige Zigaretten geraucht und frühstückt zum Kaffee ein Six-Pack Bier. Danach setzt er sich an den Schreibtisch, denkt sich zwei, drei Gedichte oder Sätze aus und haut sie rasch auf Papier, um danach dem Abend entgegen zu dämmern, ehe es dann erst so richtig losgeht mit Whisky, Gin, Kokain und moralisch fragwürdigen Weibern beziehungsweise Kerlen.

Sicher – das alles ist nicht ernsthaft von der Hand zu weisen, auch wenn es in dieser Konzentration vielleicht etwas übertrieben scheint. Aber es gibt eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Gegenbeispielen, die belegen, dass das literarische Schaffen – und Scheitern  – von langen, oft schmerzhaften Prozessen begleitet wird. Der große Robert Gernhardt hat das einmal so formuliert: „Der Künstler geht auf dünnem Eis. Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß?“

Ich habe Ihnen einige Beispiele zusammen gesucht – erschreckend unbekannte Beispiele – die besonders aufdringlich zeigen, wie eng der Prozess des Schaffens und des Leidens verknüpft sein können. Da passt oft kein Blatt Notizpapier zwischen.

Sartre in der Hölle

Im Jahre 1943 hatten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir während eines Fahrradausflugs nahe Nizza auf der Flucht vor einem Gewitter Schutz in einem Bauernhof gesucht. Zwar war das Unwetter nach einigen Stunden abgezogen, doch hatten sich die damals noch nicht asphaltierten Straßen in ein einziges Schlammbad verwandelt, so dass weder der Philosoph, noch die Feministin daran denken konnten, ihre Fahrt fortzusetzen.

Der freundliche Bauer, ein  Amateur-Hobbytagelöhner aus Paris namens Jean Picôn, bot dem Paar an, in der Scheune des Hofs auf Stroh zu übernachten, was nur allzu gerne mit großem „'Alo! 'Alo!“ und „Oui oui!“ angenommen wurde. Picôn, dankbar dafür, dass der Zufall ihm endlich einmal eine aufgeschlossene Gesellschaft bescherte, lud die Gäste ein, mit ihm vor dem Schlafengehen noch einen zu heben, was de Beauvoir reserviert und Sartre freudig begrüßten. Es flossen nun reichlich Wein, Pastis, Kir Royal und Absinth, und Sartre bot dem Gastgeber in derart gehobener Stimmung sogar eine seiner stets knappen Amphetaminpillen an, die Picôn zunächst zögerlich, dann aber begeistert einwarf. So berauschten sich die Männer bis lange nach Sonnenuntergang, während Simone de Beauvoir sich zunehmend unbeachtet fühlte und daher gelangweilt mit der Katze Picôns spielte, einem roten Kater namens Robespierre.

Die Nacht war entsprechend kurz, und gegen Morgen wurde Sartre unsanft von einer Hand geweckt, die sich an seinem Scrutum zu schaffen machte. "Bubu, schnell ein Fickerchen und dann einen schönen schwarzen Kaffee!" hörte er die Stimme der offensichtlich rolligen Gefährtin den Nebel seines noch wabernden Schlafs durchdringen. Unwillig brummelnd wollte sich Sartre zur Seite drehen, da erfuhr er einen heftigen Schlag auf die ohnehin strapazierten Nieren. Kater Robespierre war von der oberen Etage des Heuschobers auf ihn gesprungen und punktgenau im Nierenbecken gelandet. Damit nicht genug - im selben Moment warf Jean Picôn vor der Stalltüre sein auspuffloses Moped an, um rasch ins Dorf zu fahren und Baguette und Croissants zu holen. An ein Weiterschlafen war nicht zu denken. Also legte Sartre eher unwillig die de Beauvoir flach, was Robespierre nicht weiter störte, er blieb auf dem Hintern des Philosophen zusammengerollt und schnurrend liegen.

An dieses Erlebnis musste Sartre wenig später während der Arbeit an seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ denken, für das er noch eine prägnante Kernaussage als dramatisches Gegenstück zum Negativismus der philosophischen Analyse der Intersubjektivität suchte. Und so entstand einer der klassischen Sätze des 20. Jahrhunderts, dessen Haltbarkeitsdatum wohl für immer unerreicht bleiben wird: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Das wahre Meeresungeheuer

Nur sehr begrenzt erfuhr die literarische Welt, dass die Titelfigur „Moby Dick“ aus Herman Melvilles gleichnamigen Meisterwerk eigentlich ein Meerschweinchen sein sollte. Als zunächst kleiner Bub besaß der später große amerikanische Autor (1819 - 1891) nämlich ein solches Tier, das ihm sein Vater eines Tages aus dem Pelzgeschäft mitgebracht hatte, in welchem er als Angestellter arbeitete, nachdem er ein in New York angesiedeltes Unternehmen zunächst auf Sand und anschließend auf Grund gesetzt hatte. Herman, der den kleinen Racker über alles liebte, teilte selbst seine frugalen Pausenbrote mit ihm, wodurch der Nager immer rundlicher wurde und von den anderen Familienmitgliedern nur "der dicke Mobbel" genannt wurde, bis er um die Jahreswende 1830/31 nicht ganz unerwartet platzte.

Herman war zutiefst erschüttert und fühlte sich unendlich schuldig, so dass er beschloss, ein amerikanischer Schriftsteller, Dichter und Essayist zu werden und - wenn er groß wäre - zur Erinnerung an das geliebte Haustier einen Roman zu schreiben, der zu den bedeutendsten der Weltliteratur gehören würde.

Jahrelang quälten die Gedanken an seinen durch Unachtsamkeit dahingeschiedenen, pelzigen Freund den Heranwachsenden, und er führte ein durch und durch unstetes Leben, indem er den einen und anderen literarischen Gehversuch unternahm. Um 1850 herum begann Melville schließlich mit  der intensiven Arbeit an Moby Dick. Auch wenn „der dicke Mobbel“ kaum ein dreiviertel Jahr alt geworden war, sollte der Roman doch eine Parabel für die Unbezwingbarkeit von Natur und Schicksal durch den Menschen werden.

Zunächst kam Melville gut voran, aber bald taten sich ungeahnte Probleme auf. Mit jedem neuen Kapitel zeichnete sich deutlicher ab, dass die Kerngeschichte des Romans, die schicksalhafte Fahrt des Schiffes Pequod, dessen Kapitän Ahab mit blindem Hass ein Tier namens Moby Dick jagt, das ihm einst ein Bein abgerissen hatte, sich kaum mit einem Meerschweinchen als Gegenspieler vereinbaren ließ.

Monatelang versuchte Melville alles, um die Kurve zu kriegen, aber im Frühsommer 1851 musste er sich schließlich geschlagen geben. „Ich bekomm' das einfach nicht hin!“ rief er mehrfach vor Zeugen aus; diese verpflichtete er allerdings später zum Schweigen; zu sehr nagte das Eingeständnis einer schriftstellerischen Niederlage an Melvilles Selbstbewusstsein.

Er unternahm nun alles, damit davon nichts bekannt wurde, stattdessen begann er die Legende zu streuen, es sei niemals um ein so kleines Tier wie ein Meerschweinchen gegangen, vielmehr seien seine Erlebnisse nach dem Anheuern auf einem Walfänger mit Namen Acushnet im Jahre 1841 der Stoff, auf den seine Geschichte von Moby Dick basiere. Vermutlich war die Wahl eines Wales zum Gegner Ahabs zunächst nur eine Verlegenheitslösung gewesen, aber der Autor hatte bald bemerkt, dass sich ein solch großer Meeresäuger noch am besten in den Kern seiner Geschichte um Ahab und Moby Dick integrieren ließ.

Das sah er durchaus richtig, dennoch ließ sich nach Erscheinen des gewaltigen Werkes nicht vermeiden, dass es in Amerika nahezu ausnahmslos negative Kritiken einsammelte und Melvilles „unausgeglichenes Werk von übertriebener Länge“ rasch wieder vergessen wurde. Das Erhabene als ästhetische Herausforderung des Reisens und der Darstellung in Moby Dick blieb für lange Zeit unentdeckt, und erst in den 1920er Jahre begann sich das Blatt zu wenden, aber da war Melville schon lange tot.

Der Jäger wider Willen

Dass Ernest Hemingway als überzeugter Gegner jeglichen Waffengebrauchs zu einem begeisterten Jäger und Angler wurde, ist purem Zufall sowie einer Wette zu verdanken. Bei einem gemütlichen Beisammensein mit journalistischen Freunden um etwa 1919 erzählte der passionierte Bahnreisende Mario Sch. eine im Western Pacific zwischen Chicago und San Francisco erlebte Episode. Ein Reisender, so Sch., ließ bei einem lautstarken Gespräch mit seinem Sitznachbarn den gesamten Wagon an seinem offensichtlich ruppigen Tagewerk teilnehmen, und Sch., angewidert von dem proletenhaften Verhalten des Mannes, hatte sich davon einige Sätze, Wörter und Ausdrücke gemerkt. Es fielen Bemerkungen wie  „Die Hauptabteilungsleiter-Ebene wird eliminiert, vollständig ausgelöscht!“ und „Knall das weg“ sowie Begriffe wie „abgrätschen“, „Potenzial“, „no way back“, „verschossen“ und ein freudiges „Ann Neuken hat das Budget für Antony freigegeben“.

Matt M., einer der anwesenden Autoren, deutete lachend mit seinem Glas auf den ernst am Tisch sitzenden Hemingway, damals noch ein  völlig unbekannter, aber ambitionierter Lokalabenteurer. „Ich wette,“ so spottete M. milde, dass unser Freund Ernest aus diesen paar Stichworten eine recht passable Kurzgeschichte basteln könnte.“ Alle bis auf den Angesprochenen lachten herzhaft, während Hemingway mit hochrotem Kopf aufsprang und rief: „Natürlich könnte ich das! Mehr als das! Ich werde es euch beweisen!“ Und mit diesen Worten stürmte der schon damals recht hitzköpfige Autor aus dem Lokal.

Daheim bedauerte er zunächst rasch seine Reaktion. Wie konnte er sich dazu hinreißen lassen, eine derart schwierige Aufgabe als lösbar hinzustellen? Er würde der Spott der gesamten Autorenzunft sein, und das auf unabsehbare Zeit. Aber dann erwachte Hemingways Kampfgeist, und noch in der selben Nacht hätten Spätheimkehrer aus dem Fenster von Hemingways Wohnung das Klappern einer Underwood-Schreibmaschine hören können, auf der zunächst zögerlich, dann aber zunehmend schneller und kraftvoller getippt wurde.

Das Hauptproblem, so stellte sich rasch heraus, war der sinnvolle Einsatz der martialischen Ausdrücke wie „eliminieren“, „abgrätschen“, „verschießen“ und „wegknallen“. Hemingway, der überzeugte Pazifist und Gegner von Pistole und Panzer (selbst in Spielzeugform), musste sich immens überwinden, um die Begriffe in den Griff zu bekommen. Was, jeder weiß es, dem zukünftigen Nobelpreisträger schließlich überzeugend gelang. Lesen Sie hier noch einmal den Anfang von Ernest Hemingways Meisternovelle „Kot am Kilimandscharo“:

„Wir waren vor Sonnenuntergang aufgebrochen und hatten nach etwa einer Stunde Fußmarsch den Ort mit dem größten Potenzial für einen Abschuss erreicht, und der Boy, den ich Anthonymarony nannte, da mir Mb'akalele Ognadlatùlulé zu kompliziert war, zeigte in Richtung des N'gorowumbaba und machte mit den Händen und Augen Bewegungen, als wolle er sagen "Knallt das weg!", und ich wusste, dass er damit das Rhinozeros meinte und nickte und sagte "No way back, Umpalumpa!" und er lächelte dankbar zurück und freute sich schon darauf, am nächsten Tag ins Dorf zurückzukehren und seinen Leuten stolz erzählen zu können, dass er dabei war, als der weiße Massa die Hauptabteilungsebene der Nashörner vollständig auslöschte.

Wir aßen belegte Brote und Kekse mit Sandwichfüllung und dann eliminierten wir ein paar Prairiehunde, und  dann grätschte ich einen Termitenhügel hinab und nahm hinter diesem meine Stellung ein und schuf mir einen festen Stand in dem staubigen Lehm unter mir. Ich konnte mir nicht erlauben, auch nur eine Kugel durch einen Fehlschuss zu verlieren, und auch wenn Ann Neuken das Budget der Lodge für die Munition großzügig aufgestockt hatte: ein Fehlschuss aus meiner Winchester wäre wie ein Lauffeuer durch die gesamte Provinz geeilt und ich hätte danach kein einziges Buch mehr verkaufen können.“

Leserpost (2)
Hjalmar Kreutzer / 17.09.2017

Vielen, vielen Dank, das war mein Sonntag! Besser kann es eigentlich nicht mehr kommen. “Der Negativismus der…” bei Sartre, schon wieder vergessen vor Lachen, hätte vom seligen Gernhardt höchstpersönlich stammen können. Kompliment!

Dieter Dombrowski / 17.09.2017

Ich finde die möglicherweise wahre Geschichte eines Autors gut, der mehr als zehn Jahre unermüdlichen und verzweifelten Schaffens brauchte, um definitiv herauszufinden, dass er zum Schreiben absolut keinerlei Begabung oder Fähigkeiten hatte; aber da war er schon als Autor weltberühmt geworden…... Bei manchen Journalisten scheint mir das alles noch schwieriger und komplizierter zu sein.

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