Archi W. Bechlenberg / 07.01.2018 / 06:00 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Stimmverlust

Sie haben es bemerkt – das Antidepressivum vom vorigen Sonntag war als „Notausgabe“ gekennzeichnet. Um welche Not es sich handelte, dazu gleich mehr.

Woher nun stammte in Wirklichkeit dieser Redetext? Ich verrate es ungern, aber unumwunden: Er wurde mir zugespielt, bereits vor einiger Zeit, und bis zum Notfall letzte Woche hatte ich dafür auch keine Verwendung. Er stammt aus einem Schrank im Amt einer bekannten deutschen Politikerin und war ursprünglich für diese als Rede zu einem beliebigen Gedenktag, Feiertag oder Jahreswechsel verfasst worden.

Wegen ihrer sprachlichen Brillanz, ihrer sinnvollen Anordnung von Subjekt, Prädikat und Objekt, wegen ihrer inhaltlichen Schlüssigkeit, ihrer Überzeugungskraft und nicht zuletzt ihrer Konzeptionshaltigkeit war sie allerdings bei der letzten Begutachtung durch einen ihr unmittelbar zuarbeitenden Staatsminister als „nicht authentisch“ bewertet und daher aussortiert worden. Wieso sie dennoch in Form eines einzelnen, ausgedruckten Exemplars erhalten geblieben ist – niemand weiß es. Was am Ende heraus kam: Ich hatte etwas, das ich Ihnen vorsetzen konnte, da wie erwähnt ein Notfall vorlag.

Der begann sich Freitag vor Heiligabend abzuzeichnen, also just an dem Wochentag, an dem ich mich in der Regel mit dem Text für Sonntag zu beschäftigen beginne. Im Hals entwickelte sich ein Gefühl, als hätte ich versucht, eine Handvoll Rollsplitt zu schlucken. Mir wurde heiß, und das Thermometer meldete glatte 38,5 Grad Celsius, eine Temperatur, bei der ich gewöhnlich zu halluzinieren beginne.

Auf der Intensivstation kein Onlinezugang

Nein, keine Männergrippe. Am nächsten Morgen waren Augen, Ohren und Hals voller – ich nenne es mal dezent – Zeug. Farbe und Konsistenz erinnerten an Sauce Hollandaise aus dem Instantsaucenregal oder auch – eigentlich noch mehr – an Pattex. Worte in Gedanken zu fassen, daran war nicht zu denken, und so kündigte ich beim diensthabenden Büroboten der Achse meinen Totalausfall für den 4. Advent an.

Was mich dann aber doch bei aller Hinfälligkeit wurmte. Immerhin war erst ein einziges Mal das Antidepressivum ausgefallen, und dafür habe ich eine gute Entschuldigung; man wollte mir damals auf der Intensivstation keinen Onlinezugang gestatten. Dieses Mal hingegen war ich zumindest noch Herr meiner selbst; keine Kabel, Schläuche und Katheder hinderten mich daran, am Schreibtisch Platz zu nehmen. Und just da fiel mir das geschasste Redemanuskript wieder ein. Ein Text, so brillant, so stringent, so elysisch formuliert, dass er mehr als nur ein Ersatz für meine eigenen Worte war. Ja, so kam es.

Heute ist wieder Freitag, zwei Wochen später, und noch immer plagt mich die Erkältung mit einer Heftigkeit, wie ich sie schon lange nicht mehr kannte. Stutzig macht mich vor allem der weiterhin bestehende, nahezu vollständige Ausfall der Stimme, trotz aller medizinischer Maßnahmen in den vergangenen Tagen. Wenn ich einmal einen Ton zustande bringe, erschrecke ich mich vor mir selber, solche Töne habe ich zuletzt in Filmen von Roger Corman gehört, in denen der uralte Boris Karloff den Kellerschreck mimte.

Noch stutziger machte mich dann in den vergangenen Tagen, identische Krankheitsbilder auch von Freunden und Bekannten geschildert zu bekommen. Überall waren Stimmen verschwunden. Man muss kein Freund von Verschwörungstheorien sein, um das zumindest merkwürdig zu finden. Sollten die Stimmen etwa auf sehr perfide, ganz und gar nicht krankheitsbedingte Weise verschwunden sein? Man weiß doch, was die schurkischen Protagonisten der Neuen Weltordnung alles unternehmen, um uns zu kontrollieren und manipulieren.

Und nun dieser epidemische Stimmenverlust

Schon morgens bei Brötchenholen werden uns per Chemtrails verteilte Stoffe zugeführt, die so massiv sämtliche Synapsen verkleistern, dass wir alles, wirklich alles, sei es noch so absurd, glauben, was man uns erzählt. Das kann bei dauerhafter Chemieberieselung zu kompletter Verblödung führen, so dass uns beim Frühstück selbst Nachrichten von WDR oder DLF als glaubhaft und seriös erscheinen. Sie halten das für übertrieben? Durchaus nicht. Solche bedauernswerten Fälle von Realitätsverlust sind tatsächlich allenthalben zu beobachten. Es soll sogar bedauernswerte Mitbürger geben, die dem heute journal und den Tagesthemen... doch ja, wirklich!

Und nun dieser epidemische Stimmenverlust, zudem bei Leuten, die nicht als Kammersänger, sondern als Kontrageber aktiv sind. Besser gesagt: waren. Es ist doch gewiss ein Leichtes, bei einem der täglich stattfindenden Chemtrailflüge zusätzlich noch ein paar Liter mit Dysphonie oder sogar Aphonie verursachenden Mikroben zu versprühen, deren Wirken zu den derzeit zu beobachtenden Folgen führen.

Was anschließend mit den verloren gegangenen Stimmen passiert, darüber lässt sich trefflich in Richtung NWO (neue Weltordnung) spekulieren; sollte die SPD bei der Neuwahl zum Bundestag beispielsweise mehr als 10 Prozent der Stimmen erreichen, wäre dieses Ergebnis einzig im Zusammenhang mit den verlustig gegangenen Stimmen im Volke plausibel. Verblödung alleine kann das nicht schaffen.

Eine Tüte voll reinster Kamillenblüten

Ja, es ist verdächtig, dass gerade den kritischen Stimmen im Lande plötzlich der Ton fehlt. Bei Kammersängern ist der Stimmverlust hingegen schon lange bekannt und gefürchtet. Man kennt das aus zahlreichen Geschichten und Anekdoten. So pflegte ein großer und weit über die Schallgrenze hinaus bekannter lyrischer Tenor vor jedem seiner Auftritte mit einem Gläschen Rotwein aus dem Fränkischen zu gurgeln, in das er einen Spritzer Kamillentee gab. Nun war 1967 ein verheerend schlechtes Erntejahr, bereits Ende September hatten einige unerwartete Nachtfröste eingesetzt, in deren Folge große Kamillebestände unbrauchbar wurden – und der aus dem unverzichtbaren Kraut gebraute Tee wurde quasi über Rauhnacht rar und teuer.

Der Kammersänger wollte jedoch auf sein geliebtes Stimm-Stimulans nicht verzichten und probierte es mit anderen Kräutern wie Pfefferminz, Melisse, Gundelrebe und Leberblümchen, ja sogar mit Hirtentäschelkraut und Angelikawurzel setzte er Auszüge an. Doch nichts wollte wie das Original schmecken. Ausgerechnet jetzt stand auch noch ein Liederabend vor der Aufführung, Franz Kafkas einziger erhaltener Zyklus für Kammersänger und kleine Combo im Oktett-Format, genannt „Die dreizehn Käfer“.

In seiner Verzweiflung bat der schockierte Liedersänger seinen Manager, sich auf dem örtlichen Schwarzmarkt umzusehen. Zunächst zögerlich, dann zunehmend forscher, zog der Adlatus des Barden durch die Beatkeller und Undergroundlokale, um schließlich mit einer Tüte voll reinster Kamillenblüten im Hotel des völlig mit den Nerven runter seienden Sängers aufzutauchen. Auch wenn der Preis der Tüte um ein Mehrfaches über dem Betrag der Abendgage lag: der Sänger atmete hörbar auf, mixte sich das geliebte Getränk und trällerte bis in die späte Nacht, ganz wie der Alte.

Ich merke gerade – das Fieber steigt wieder an, so wie jeden Abend seit dem Freitag vor Heiligabend. Aus diesem Grunde sage ich Ihnen für diesen Sonntag „Adieu“ und hoffe, Sie auch am kommenden Tag des Herrn wieder bei bester Gesundheit anzutreffen. Santé!

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Leserpost (8)
Hjalmar Kreutzer / 07.01.2018

Lieber Herr Bechlenberg, zum Glück bleibt Ihnen die Schreibe statt der Singe oder Sage. Chemtrails für Arthritis gubt es ja wohl hoffentlich noch nicht? Einfach danke für das wie immer sehnsüchtig erwartete Antidepressivum und Ihnen gute Besserung! Mit Behandlung eine Woche, ohne Behandlung acht Tage, aber diese Tage ziehen sich.

A.W. Gehrold / 07.01.2018

Ganz sicher? Angelikawurzel? Oder doch Angelakraut?  Am Ende war’s doch wieder die gute alte ARNIKA?!? Stimmts Archi?

Wilfried Cremer / 07.01.2018

Gute Besserung! Mit den Zigarren hat das Ganze nichts zu tun?

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