Archi W. Bechlenberg / 02.07.2017 / 06:29 / 1 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Chilly und alles für alle!

Das hat er wirklich schlau gemacht, der Kollege Maxeiner. Letzten Sonntag erzählt er launig in „Der Sonntagsfahrer“ von seinem heckflossigen Cadillac und dass er immer mal wieder gefragt wird, ob er diesen nicht als Hochzeitskutsche  und sich als Chauffeur zur Verfügung stellen könne, und nur wenige Tage später wird vom vollen Hohlen Hause in Berlin die Ehe für Alle („Bedingungsloses Grundreinkommen“) beschlossen. Knick knack, knick knack! Wer da nicht hellhörig wird! Ich jedenfalls habe sofort gewusst, was hier gespielt wird.

Ja, ich bin empört. Zum einen, weil mir nicht die Idee gekommen ist. Als leidenschaftlicher, geradezu semiprofessioneller Misanthrop wäre es mir ein echtes Vergnügen, klammheimlich via Rückspiegel verliebten Frischgetrauten zuzuschauen, wie sie schnäbeln und sich anhimmeln, und dabei würde ich in mich hinein gniffelnd an das denken, was aus ihrem fatalen Schritt entstehen wird. Gäbe es für die Heirat eine Inhaltsliste wie bei Lebensmitteln, sähe die so aus: 53 Prozent Geld, 23 Prozent Sex, 24 Prozent Lügen; kann Spuren von Samen, Nüssen, Eiweiß und Salzwasser enthalten.

Zum zweiten bin ich empört, weil auch ich ein altes Auto mein Eigen nenne, das allerdings auf Grund seiner Dimensionen höchstens für eine Zwergenhochzeit geeignet wäre, und Zwerge darf man bekanntlich nicht sagen (heiraten hingegen dürfen sie ja jetzt auch, ebenso wie einen Kredit aufnehmen). Womit klar ist, dass das lukrative Geschäft der Easyride für Alle an mir vorbei gehen wird. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei meinem Oldie um ein englisches Auto handelt und es daher zur Zeit wieder einmal einer umfangreichen Entrostung unterzogen wird. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Bei repräsentativen Hochzeiten ist also der gute alte Cadillac angesagt, wenngleich das Auto als Status- und Sexsymbol bedenklich dem Ende seiner Geschichte entgegen rollt. Meldungen aus den letzten Tagen deuten stark darauf hin. Während immer mehr Frauen, so lässt uns die Knallpresse detailliert wissen, ihre Mumu chirurgisch verkleinern lassen, um damit das Erscheinungsbild eines noch jungfräulichen Wesens abzugeben, haben Männer eine andere Maßnahme für sich entdeckt. Sie lassen ihre Hoden mit Botox aufpimpen. Das ist zwar im ersten Moment nicht ganz so offensichtlich wie zwei überdimensionierte Heckflossen, soll aber um so effektvoller aus der Nähe wirken. Noch ist diese Behandlung wenig bekannt, entsprechend verworren die Berichte darüber. Auch wenn ich kein Anatom bin, frage ich mich doch, ob „Hoden-Fältchen reduzieren“ (Express) tatsächlich „das Ziel“ einer solch drastischen (sie kostet immerhin um die 3300 Euro für ein Paar) Operation ist.

Die geschlechtsbedingte Verunsicherung wird Tag für Tag größer

In der Triperie des Pariser Großmarktes Rungis hatte ich einmal die Gelegenheit, Hoden aus nächster Nähe zu betrachten (wenn auch von Schafen; der Franzose isst bekanntlich alles), und die sahen ganz und gar nicht faltig aus, was ich einfach mal auch von menschlichen Hoden vermute. Um sicher zu gehen, habe ich in der Angelegenheit sorgfältig nachrecherchiert und schließlich meine Zweifel bestätigt gefunden. Natürlich wird nicht der Inhalt, sondern die Verpackung per Nervengift gestrafft: „Ziel des Ganzen soll sein, dass das Scrotum zum einen weniger faltig aussieht, größer erscheint und zu guter Letzt auch weniger schwitzt.“ Wusste ich es doch ganz instinktiv! Dennoch habe ich Zweifel, ob hier wirklich ein bestehender Trend beschrieben wird und nicht statt dessen durch lancierte Berichte erst künstlich eine Nachfrage generiert werden soll – gerade in diesem Jahr fällt mir auf, dass so viele Radfahrer wie noch nie auf den Straßen unterwegs sind. Und ob die … ich weiß ja nicht.

Eine weitere Operation machte in dieser Woche Schlagzeilen: die von Funk und Fernsehen bekannte Sophia Wollersheim hat sich vier (in Zahlen: 4) Rippen entfernen lassen und zeigt nun eine Taille in die Kameras, deren Umfang in etwa dem meines Unterarms entspricht. Warum sie das getan hat? Welche Frage! Sie möchte „eine Ikone sein“. Dafür nimmt sie dann gerne in Kauf, dass sie „ein bisschen Aua“ habe. Wo sie das hat, dürfte ziemlich klar sein. Und die Schmerzen infolge der Operation sind wahrscheinlich auch nicht zu verachten.

Woher kommt das nur alles, und wohin führt es? In unserer Gesellschaft wird die geschlechtsbedingte Verunsicherung Tag für Tag größer. Einen tragischen Höhepunkt erfuhr sie vor kurzem im Hamm, dort trat, nur bekleidet mit einem T-Shirt, ein junger Mann auf ein bummelnden Paar zu und fragte höflich an, ob man ihn nicht mal eben kastrieren könne; das dazu notwendige Werkzeug, eine Zange, habe er dabei, es mache also eigentlich keine größeren Umstände. Laut Polizeibericht trug „der etwa 25 Jahre alte Mann eine Art Keuschheitsgürtel aus Gittermaterial“ sowie eine Hose, diese allerdings unter dem Arm. Die Angesprochenen waren jedoch trotz der sorgfältigen Vorbereitung des Bittstellers nicht zu überzeugen und „traten … die Flucht an.“

Mich hätte schon interessiert, was den verhinderten Patienten zu diesem Schritt veranlasste. Kein Geld für Botox? Die Geschlechterdiskussion? Eine verlorene Wette? Eine gewonnene Wette? Stand irgendwo die versteckte Kamera? Und wie hätte er wohl auf „Na dann packen Sie das Teil mal aus, ich muss in zehn Minuten meinen Bus erwischen!“ reagiert?

Es war Freitagmittag. Versuchen Sie da mal, einen Zahnarzt zu erreichen.

Das Leben ist kompliziert und steckt voller Überraschungen; kein Wunder, dass selbst unsere Volksvertreter manchmal an ihre Grenzen stoßen. Während noch 623 Bundestagsabgeordnete in der Lage waren, Freitag an der Abstimmung über die goldene Zukunft von Dirk Maxeiners Karriere als Hochzeitskutscher für Alle teilzunehmen, besaß gerade noch eine Handvoll die Kraft, im Anschluss das Netzwerkdurchforstungsgesetz abzunicken. Aber es war Freitagmittag. Versuchen Sie da mal, noch einen Zahnarzt zu erreichen. Warum sollten Abgeordnete ihr Wochenende anders planen, zudem es ja nicht um etwas wirklich Wichtiges bei der zweiten Abstimmung des Tages ging.

Nach so viel Sex and Crime möchte ich zum Ende ein wenig die Hochkultur zu Wort kommen lassen. Genauer: zu Gehör. Der Kanadier Jason Charles Beck irrlichtert seit etlichen Jahren unter dem Namen Chilly Gonzales durch die zeitgenössische Musikwelt. Erstmals aufgefallen ist er mir mit seinem 2004 erschienenen Album Solo Piano, auf dem er erkennbar und doch eigenständig an die Musik Eric Saties anknüpfte. Die Platte rief großes Aufmerksamkeit hervor, war der Musiker doch bis dahin nicht gerade als ernsthaft klassisch orientierter Pianist und Komponist bekannt.

Auch weitere Platten von Chilly Gonzales wie Solo Piano II, Ivory Tower, Chambers (featuring Kaiser Quartett) sowie die aktuelle CD Room 29, ein gemeinsames Projekt mit dem britischen Sänger Jarvis Cocker, das auf keinem geringeren Label als  Deutsche Grammophon erschien. Chilly Gonzales ist ebenso ein seriöser Musiker wie ein humorvoller Entertainer, seine nahtlos durch Techno, Jazz und Klassik führenden Livekonzerte sind stets für alle Sinne ein Erlebnis, ja, auch fürs Auge, setzt sich der Mann doch zumeist in einen altenglischen Dressing Gown gewandet ans Piano, zu denen er dann bevorzugt ebenso klassische Hausschuhe trägt. Man könnte meinen, Beau Brummell, Lord Byron, Oscar Wilde oder Huysmans Jean Floressas Des Esseintes sei da am Werk. Sehen und hören Sie selbst.

Wikipediaeintrag zu Chilly Gonzales

Chilly Gonzales und das Kaiser Quartett am 8.August in der Elbphilharmonie

Chilly Gonzales Solo Piano Presented in Pianovision

Chilly Gonzales & Kaiser Quartett in La Galerie de la Bibliothèque de Versailles

Chilly Gonzales & Boys Noize pres. Octave Minds LIVE in Berlin

Chilly Gonzales Knight Moves live in Graz (solo)

Chilly Gonzales Knight Moves live in London (mit Band)

Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich

Leserpost (1)
Mathias Huth / 02.07.2017

Sag ich doch: Chilly Gonzales ist begnadet, ob nun solo, oder mit Kaiser Quartett. Aber nur Apple hat die Ohrwurmpotenz seiner Stücke in einer iPhone-Werbung bis jetzt genutzt ...

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